Mitte der neunziger Jahre sollten 40 000 Kinder bei einem Wettbewerb in Bayern eine Kuh ausmalen; jedes dritte Kind wählte die Farbe Lila. Seitdem gilt die lila Schokoladen-Werbekuh als Sinnbild für die Entfremdung vieler Kinder von Natur und Landwirtschaft. Doch die „Milka“-Kuh weist außer der Farbe noch ein Merkmal auf, das kaum noch etwas mit der Realität im Kuhstall zu tun hat: Hörner. Die meisten ihrer Artgenossinnen sind nämlich mittlerweile „oben ohne“, ihre Hornanlagen werden wenige Tage nach der Geburt mit einem Brennstab ausgebrannt.
“Selbstverständlich tut das weh“, sagt Josefine Starke, Rindertierärztin und Vizepräsidentin der Tierärztekammer Nordrhein. Zahlreiche wissenschaftliche Studien belegen das ebenfalls. Ein neuseeländischer Übersichtsartikel in „The Veterinary Journal“ aus dem Jahr 2005 zählt typische Schmerzreaktionen auf: Die Kälber laufen rückwärts, schlagen mit den Ohren und Köpfen oder lassen sich hinfallen. Dass der Schmerz nicht sofort wieder nachlässt, verraten zudem die Herzfrequenz und die Konzentration des Stresshormons Cortisol: Beides steigt nach dem Eingriff deutlich über mehrere Stunden an.
Freiwillige Schmerzmittelgabe
“Er ist aber notwendig, um schwere Verletzungen bei Tieren und Tierhaltern durch Hornstöße zu vermeiden“, sagt Starke. Sie selbst händigt den Landwirten der von ihr betreuten Betriebe muskelrelaxierende und schmerzlindernde Mittel aus. Konkret vorgeschrieben ist die Schmerzmittelanwendung aber nicht. „Es handelt sich hier um einen Graubereich“, sagt Peter Knitsch, Leiter der Abteilung Verbraucherschutz im nordrhein-westfälischen Landwirtschaftsministerium. Erst bei mehr als sechs Wochen alten Kälbern tritt laut Tierschutzgesetz die Betäubungspflicht in Kraft. Anders als bei der Gabe eines gängigen Schmerzmittels, zum Beispiel mit dem entzündungshemmenden und schmerzlindernden Wirkstoff Meloxicam, das auch der Landwirt unter bestimmten Auflagen selbst injizieren darf, muss dann ein Tierarzt die Hornregion mit einem Lokalanästhetikum betäuben. Dadurch wird der akute Operationsschmerz besonders stark reduziert. Im Tierschutzgesetz stehe zwar, dass alle Möglichkeiten auszuschöpfen sind, um die Schmerzen oder Leiden der Tiere zu vermindern, gerade wenn die Betäubung noch nicht vorgeschrieben ist, sagt Knitsch. „Häufig wird das aber so ausgelegt, dass dann doch keine Schmerzmittel gegeben werden.“
Notwendig wurde das Enthornen vor allem, seitdem immer mehr Kühe in Laufställen gehalten werden. Gegenüber Anbindeställen, in denen Tiere an einem Platz fixiert werden, lassen sich Laufställe effizienter managen und ermöglichen den Tieren ein artgerechteres Verhalten. Doch gerade die natürlichen Verhaltensweisen sind im Laufstall auch ein Problem, denn zu ihnen gehören Rangkämpfe, bei denen - wenn vorhanden - auch die Hörner eingesetzt werden. Unter natürlichen Bedingungen verschafft sich eine ranghöhere behornte Kuh meist bereits durch drohende Gesten Respekt. In den modernen Laufställen können sich die Tiere aber nicht so weit aus dem Weg gehen, wie es nötig wäre, um nicht doch den einen oder anderen Stoß abzukriegen.
Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen denken um
Für die Tierärztin Starke ist die Enthornung der Kühe deshalb zurzeit noch alternativlos. Um aber zu gewährleisten, dass die Tiere so wenig wie möglich leiden, hat sie Anfang Mai als Vertreterin der Tierärztekammer die „Düsseldorfer Erklärung“ unterschrieben, eine Vereinbarung zwischen dem nordrhein-westfälischen Landwirtschaftsministerium, einer Reihe von Landwirtschafts-, Zucht- und Tierschutzorganisationen, den Tierärztekammern Nordrhein und Westfalen-Lippe sowie von Öko-Fachverbänden. Die Beteiligten einigten sich im ersten Punkt auf die Anwendung von Schmerzmitteln bei der Enthornung von Kälbern. Nordrhein-Westfalen ist seitdem das einzige Bundesland, in dem auch die jungen Kälber grundsätzlich nicht mehr ohne schmerzlindernde Mittel enthornt werden dürfen. „In Nordrhein-Westfalen weist das Landwirtschaftsministerium die Veterinärämter an, auf die Anwendung von Schmerzmitteln zu achten. Dadurch wird das Tierschutzgesetz konkretisiert und die Gabe von Schmerzmitteln verbindlich“, sagt der Jurist Knitsch.
Ganz so weit wie in Niedersachsen wollte man dabei nicht gehen. Dort hat Landwirtschaftsminister Gert Lindemann bereits im vergangenen Jahr den „Tierschutzplan Niedersachsen“ vorgestellt, ein Arbeitsprogramm, nach dem ab nächstem Jahr Kälber jeden Alters nicht mehr ohne eine Betäubung enthornt werden sollen. Der Unterschied zur Regelung in Nordrhein-Westfalen macht das Wörtchen Betäubung, also in diesem Fall die Injektion eines Lokalanästhetikums, welche ausnahmslos dem Tierarzt vorbehalten ist. Eine bundesweit einheitliche Regelung wird es in absehbarer Zeit nicht geben. Die gerade vom Bundeskabinett verabschiedete Novelle des Tierschutzgesetzes sieht keine Änderung beim Enthornen vor, lediglich die schon länger in der Kritik stehende Ferkelkastration wird thematisiert.
Das zentrale Ziel der „Düsseldorfer Erklärung“ ist allerdings, die schmerzhafte Enthornung gänzlich unnötig zu machen, und zwar indem man die Hörner einfach wegzüchtet. So hat sich etwa die Zuchtorganisation Rinder-Union West (RUW) mit der Unterzeichnung dazu verpflichtet, ihr Zuchtprogramm auf hornlose Milchvieh-Kühe auszurichten. Denn weltweit gibt es etwa dreihundert genetisch hornlose Zuchtbullen der hierzulande üblichen Milchviehrasse Holstein-Friesian. Das „Hornlos-Gen“ wird dominant vererbt, deshalb könnte theoretisch innerhalb weniger Generationen eine überwiegend hornlose Milchviehpopulation gezüchtet werden.
Hornlose Zucht
Der Agraringenieur Hartwig Meinikmann von der RUW dämpft allerdings zu optimistische Erwartungen: „Hornlosigkeit ist nicht das einzige Kriterium für eine erfolgreiche Zucht. Die Bullen müssen auch andere wichtige Merkmale wie Fruchtbarkeit, Nutzungsdauer, hohe Milchleistung und Klauengesundheit vererben.“ Und einigen tausend behornten Zuchtbullen stünden nur zwanzig bis dreißig Hornlos-Bullen mit vergleichbar guten Zuchtmerkmalen gegenüber. Würde nur noch das Sperma der hornlosen Tiere verwendet, bestünde neben der Verschlechterung der genannten Merkmale auch eine hohe Inzuchtgefahr. „Optimistisch geschätzt, könnte aber in zwanzig bis dreißig Jahren die Mehrzahl der Milchkühe in Deutschland hornlos sein.“ Vielleicht müsste sich dann auch die Milka-Kuh optisch anpassen.
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