30.11.2005 · Über manche Landschnecken können sich Biologen nur wundern: Die Tiere besitzen Gehäuse mit haarartigen Fortsätzen, die auf nassen Blättern wahrscheinlich Halt geben sollen.
Über manche Landschnecken können sich Biologen nur wundern. Denn diese Tiere besitzen Gehäuse mit haarartigen Fortsätzen, deren Zweck nicht ersichtlich ist. Die Haare entspringen einer dünnen Eiweißschicht, die das Gehäuse schützend umhüllt. Für die Schnecke bedeutet es einigen Aufwand, die feinen Fortsätze zu bilden. Vonnöten sind unter anderem spezialisierte Drüsen. Nach der Evolutionstheorie haben aber Strukturen, für die ein besonderer Aufwand getrieben werden muß, nur dann Bestand, wenn sie dem jeweiligen Organismus einen Vorteil verschaffen. Schon lange versuchen Forscher daher zu ergründen, welchen Nutzen eine Schnecke aus dem Haarkleid ziehen könnte. Eine Gruppe um Markus Pfenninger vom Zoologischen Institut der Universität Frankfurt am Main hat nun eine mögliche Antwort gefunden. Wie die Forscher kürzlich in der Online-Zeitschrift "BMC Evolutionary Biology" berichtet haben, helfen die Haare den Tieren offenbar dabei, auf nassen Blättern den Halt nicht zu verlieren.
Behaarte Gehäuse finden sich bei mehreren Arten aus drei Familien von Landschnecken. Weil sie nur entfernt miteinander verwandt sind, liegt die Vermutung nahe, daß sich dieses Merkmal im Verlauf der Evolution mehrmals unabhängig voneinander herausgebildet hat. Manche Gehäuse sind nur spärlich behaart, andere tragen eine Art Pelz mit bis zu zwanzig Härchen pro Quadratmillimeter. Mitunter erreichen die Haare die beachtliche Länge von drei Millimetern. Auffallend ist, daß Schnecken mit behaartem Gehäuse meist in nassen oder zumindest feuchten Lebensräumen vorkommen.
Bewegte Stammesgeschichte
Zusammen mit Biologen aus Konstanz, Prag und Lausanne hat sich Pfenninger die Gattung Trochulus aus der Familie der Laubschnecken vorgenommen. Von Trochulus gibt es mehrere, teilweise nicht genau charakterisierte Arten und Unterarten, die sowohl hinsichtlich der Behaarung als auch des bevorzugten Lebensraumes variieren. In großer Vielfalt kommen diese Haarschnecken in Süddeutschland, der Schweiz und im östlichen Frankreich vor. Mit molekulargenetischen Analysen haben die Biologen nun mehr Ordnung in das System gebracht. Sie identifizierten sogar eine neue Art, Trochulus piccardi.
Wie die Untersuchungen ergaben, hat die Gattung Trochulus eine bewegte Stammesgeschichte hinter sich. Ursprünglich dürften diese Schnecken über ein behaartes Gehäuse verfügt haben. Das Haarkleid haben manche Arten dann im Verlauf der Stammesgeschichte offenbar verloren. Einige bilden es im Jugendstadium noch ansatzweise aus. Der Verlust der Haare ging stets mit einer Veränderung des Lebensraumes einher. Behaarte Trochulus-Schnecken kamen jedenfalls nur in feuchter Umgebung vor, insbesondere in Waldgebieten. Daraus läßt sich schließen, daß Haare dort immer schon einen Überlebensvorteil boten.
Einer früheren These zufolge sollten behaarte Gehäuse die Fortbewegung auf nassem Untergrund erleichtern, indem sie dessen Wasserfilm vom Gehäuse fernhalten. Wie die Gruppe um Pfenninger bei Experimenten herausgefunden hat, trifft aber eher das Gegenteil zu. Die Schnecken müssen mehr Kraft aufwenden, wenn sie vorankommen wollen. Dafür gewinnen sie aber an Halt, weil das behaarte Gehäuse infolge von Kapillarkräften das Wasser hochsteigen läßt und so eine stärkere Haftung mit dem Wasserfilm herstellt. Beim Kriechen auf nassen Blättern in der luftigen Höhe von einigen Dezimetern dürfte das vorteilhaft sein. Denn wenn das Tier zu Boden fällt, muß es erst eine langwierige und kräftezehrende Klettertour absolvieren, bis es wieder an seine bevorzugten Weidegründe gelangt. Die Investition in das Haarkleid würde sich demnach durchaus lohnen.