Kein Tintenfisch wie jeder andere, das ist das Mindeste an Auffälligkeiten, die man dem Vampirtintenfisch zuschreiben kann. Vampyroteuthis infernalis, was so viel heisst wie „Vampierkrake, der aus der Hölle kommt“, ist ein Bewohner der Tiefsee unterhalb von sechshundert Metern und wurde schon vor hundert Jahren entdeckt. Er ist klein, kaum länger als eine erwachsene Hand, doch sein furchterregendes Äußeres haben die Namensgeber wohl mutmaßen lassen, dass es sich um einen womöglich blutsaugenden, gefährlichen Parasiten handeln könnte. Dieses Gerücht haben die kalifornischen Zoologen Hendrik Hovin und Bruce Robison vom Monterey Bay Aquarium in Moss Landing nun endgültig zerschlagen.
Er führt ein ruhiges Leben unter Wasser
Nach wochenlangen Fütterungsexperimenten, Tauchfahrten mit einem ferngesteuerten Unterseeroboter und nach der Analyse Dutzender Museumsexemplare haben sie in den „Proceedings B“ der Royal Society (doi:10.1098/rspb.2012.1357) gezeigt: Der Vampirtintenfisch ist weder Räuber noch Schmarotzer, sondern ein ziemlich phlegmatischer, um nicht zu sagen bequemer Tiefsee-Segler, der sich die meiste Zeit im dunklen, sauerstoffarmen Wasser treiben lässt und darauf wartet, dass Organismenreste - Detritus - seinen Weg kreuzen. Eine wichtige Rolle spielen dabei zwei tentakelartige, zerbrechlich wirkende Filamente, die in der Nähe des Mauls entspringen. Mit den steifen Härchen, die darauf wachsen, ertastet sich der Vampirtintenfisch seine Umgebung. Sobald aus den höheren Wasserschichten ein nahrhafter Happen in die Tiefe schwebt und die Tentakeln berührt, öffnet Vampyroteuthis seine acht mit Hautsegeln verbundenen Arme und sorgt dafür, dass das Futter ins bezahnte Maul „fällt“.