31.03.2008 · In Tierparks kommt zu viel Nachwuchs zur Welt. Trotz starker Kontrolle und verschiedenen Verhütungsmethoden je nach Tierart bleibt als letztes Mittel oft nur die Tötung. Tierschützer fordern: Macht die Gehege dicht!
Von Georg RüschemeyerNürnberg fiebert dem großen Tag entgegen: Am 9. April soll Flocke der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Seit Anfang Januar wird das kleine Eisbärenmädchen von Tierpflegern aufgezogen, nachdem seine unerfahrene Mutter eine Gefahr für das Leben des damals gerade einen Monat alten Bärenbabys zu werden drohte. In Nürnberg stellt man sich nun auf einen ähnlichen Rummel ein, wie ihn ein Jahr zuvor die Handaufzucht des kleinen Eisbären Knut im Zoologischen Garten Berlin ausgelöst hatte - die Marke „Eisbär Flocke“ hat sich Nürnberg jedenfalls schon lange schützen lassen, die Geschäfte verkaufen alles, was irgendwie mit den weißen Polarbären zu tun hat. Und eine eigene Website berichtet von jedem Ereignis im Leben der kleinen Eisbärin (“Flocke lernt schwimmen“, „Flocke lernt Gras kennen“).
Knuddelige Jungtiere wie Knut und Flocke gehören zu den zuverlässigsten Publikumsmagneten der Zoos - gerade jetzt im Frühjahr tummeln sich auf Websites und Broschüren Baby-Tiger, Ziegenkinder und Wolfswelpen. Doch ihnen allen ergeht es wie dem inzwischen zum Jungmann herangereiften Knut: Irgendwann verschwinden nicht nur Kindchenschema und tapsiges Verhalten, sondern auch die Aufmerksamkeit der Zoobesucher für die halbstarken Tierjugendlichen.
Platzprobleme in vielen Gehegen
Dabei erblicken dank der stetig verbesserten Haltungsbedingungen moderner Zoos immer mehr Jungtiere das Licht der Welt. Zusammen mit der im Vergleich zu wildlebenden Artgenossen um rund ein Drittel längeren Lebenserwartung von Zooinsassen führt dieser Baby-Boom unweigerlich zu Platzproblemen in vielen Gehegen. Und das gefährdet wiederum die Errungenschaften einer möglichst artgerechten Haltung.
Doch wohin mit dem überzähligen Nachwuchs? „Die meisten Tiere gehen an andere Zoos“, sagt Peter Dollinger, Direktor des Weltzooverbandes WAZA. Vor allem für fortpflanzungsfreudige Arten wie viele Huftiere, Bären oder Raubkatzen übersteigt das Angebot die Nachfrage jedoch bei weitem; Abnehmer finden sich oft erst nach Jahren - oder eben nie. Auch die laut Dollinger weltweit rund 200 Wiederansiedlungsprojekte für bedrohte Tierarten könnten nur begrenzt Zoonachzuchten annehmen. Dabei handelt es sich ohnehin meist um begehrte Arten, für die sich relativ leicht Abnehmer finden. Im Falle von vermehrungsfreudigen Standard-Zootieren wie Zebra, Löwe oder Braunbär sehen sich Zoos daher immer wieder gezwungen, überzählige Tiere per Giftspritze oder Bolzenschuss zu töten.
Nachzucht gefährdeter Arten ist wichtig
In einem 2003 herausgegebenen Konsenspapier bekennen sich die weltweit 1300 in der WAZA organisierten Zoos zur Tötung überzähliger Nachzuchten als legitimem, wenn auch letztem Mittel. Doch im praktischen Umgang mit dem heiklen Thema „Tod im Zoo“ gibt es große Unterschiede. So machen viele Europäische Tiergärten, allen voran jene in Nürnberg und Basel, aus den ihrer Meinung nach unumgänglichen Tötungen keinen Hehl und verfüttern die Kadaver anschließend in großen Stücken an ihre Raubtiere, deren Gesundheit von Knochen, Fell und Knorpel als Ballaststoffe und zur Zahnreinigung profitiert. In den Vereinigten Staaten versuche man dagegen oft um jeden Preis, negative Publicity durch Tötungen zu vermeiden, kritisiert Dollinger den seiner Meinung nach scheinheiligen Umgang mit der Tatsache, dass Raubtiere nun einmal Fleisch fressen. „In manchen amerikanischen Zoos werden Löwen aus Rücksicht auf die Gefühle der Besucher mit Gehacktem gefüttert.“
Wirklich problematisch werde es aber, wenn Zoos die Nachzucht gefährdeter Arten vernachlässigten, um ihre Weste weiß zu halten: „Die Zoopopulationen des Przewalski-Pferdes etwa sind in den Vereinigten Staaten kritisch geschrumpft, weil man sich nicht mit der Tötung überzähliger Hengste unbeliebt machen will.“ Männliche Jungtiere werden bei solchen Tierarten zum Problem, die in Haremsverbänden aus einem Männchen und etlichen Weibchen leben. Während sich rangniedere Junggesellen in der Natur alleine oder in kleinen Gruppen durchschlagen, käme es im Zoogehege zu blutigen Kämpfen mit dem Alpha-Mann. Männliche Jungtiere enden deshalb besonders oft beim Zooschlachter - so auch die beiden Junglöwen, die im vergangenen Sommer im Zoo Basel getötet wurden. Der Fall ging ebenso durch die empörte Boulevardpresse wie jener neugeborene Lippenbär, der just zur Weihnachtszeit 2006 im Leipziger Zoo eingeschläfert wurde, nachdem seine Mutter sich nicht um ihn gekümmert hatte. Anders als in den ähnlich gelagerten Fällen von Knut und Flocke hatte man sich wegen der zu erwartenden Verhaltensstörungen und der daraus resultierenden Aussicht auf lebenslange Einzelhaltung gegen die aufwendige Handaufzucht entschieden.
Empörung nur bei der Tötung „süßer“ Tierbabys
Dabei entspricht das besonders unpopuläre Töten von Tierbabys sogar ausdrücklich den Richtlinien der WAZA, die „die angst- und schmerzfreie Tötung überzähliger Tiere in Annäherung an natürliche Prozesse zum Zeitpunkt sogenannter biologischer Schnittstellen wie Geburt, Entwöhnung oder dem Verlassen des Familienverbands“ empfiehlt.
Doch für die öffentliche Meinung, die die Ethikkommissionen der Zoos eben auch berücksichtigen müssen, spielen solche zoologischen Erwägungen kaum eine Rolle - umso mehr dagegen der für wuschelige Tierbabys besonders hohe Sympathiefaktor des betreffenden Tiers. „Wenn es um unspektakuläre Arten wie Rothirsch oder Wildschwein geht, gibt es dagegen kaum Probleme“, meint Peter Dollinger. Das bestätigt auch der Leipziger Zoodirektor Jörg Junhold: „Wir schlachten regelmäßig überzählige Hausschafe und Ziegen aus dem Streichelzoo und verfüttern sie an unsere Raubtiere.“ Die Tötung des kleinen Lippenbärs brachte Junhold dagegen eine Anzeige wegen Tierquälerei ein - eine Erfahrung, die jüngst auch sein Berliner Kollege Bernhard Blaskiewitz machen musste, nachdem die Tötung mehrerer Kragenbären und eines Zwergflusspferds Anfang der neunziger Jahre publik geworden war.
„Aktives Populationsmanagement“
Die Erfolgsaussichten solcher Klagen sind allerdings gering: Da das schwammig formulierte deutsche Tierschutzgesetz lediglich das Töten eines Wirbeltieres „ohne vernünftigen Grund“ verbietet, folgen die Staatsanwaltschaften meist der Argumentation der Zoos, der zufolge die ebenfalls vom Gesetz geforderte artgerechte Haltung in diesen Fällen unmöglich gewesen wäre.
Für viele Tierschützer ist allein dieses Dilemma Grund genug, die Haltung von Tieren im Zoo generell in Frage zu stellen. Sie sehen sich erst recht bestätigt, wenn auch vom Aussterben bedrohte Tierarten Opfer des „aktiven Populationsmanagements“ werden. Für Dollinger ist dies jedoch kein Widerspruch: „Gerade in den Erhaltungszuchtprogrammen der Zoos ist ein gewisser Überschuss an Jungtieren unvermeidlich, will man die genetische Vielfalt einer Population nicht gefährden.“
Affen nehmen die Pille
Ein Tabu kennen allerdings auch abgebrühte Zoo-Manager: Primaten werden so gut wie nie Opfer der Giftspritze. Zum Glück funktioniert bei des Menschen nächsten Verwandten relativ gut, was Tierschützer immer wieder als Alternative zu Tötungen fordern: eine aktive Geburtenkontrolle. „Wir verhüten bei unseren Javaneraffen und Meerkatzen mit Hormonimplantaten aus der Humanmedizin. Die halten bis zu drei Jahre, müssen aber unter Narkose eingesetzt werden. Für Menschenaffen hat sich auch die ganz normale Pille bewährt“, sagt die Biologin Tanja Dietrich vom Zoo Basel. Doch für andere Tiere sind die darin enthaltenen Östrogene und Gelbkörperhormone nicht unproblematisch: Vor allem weibliche Raubkatzen bekommen davon Tumore an Gebärmutter und Brustdrüsen. Nachdem wiederholt krebskranke Löwinnen eingeschläfert werden mussten, gilt die Methode für Großkatzen als überholt.
„Grundsätzlich benötigt jede Tierart ein eigens angepasstes Verfahren“, sagt Katarina Jewgenow, Reproduktionsbiologin am Berliner Institut für Zoo- und Wildtierkunde (IZW). Angesichts der geringen Fallzahlen in Zoos und dem Desinteresse der Pharmaindustrie funktioniere hormonelle Verhütung bei Wildtieren bisher allerdings nach dem Prinzip von Versuch und Irrtum. „Hier hilft nur die weltweite Kooperation zwischen den Zoos, damit wirksame Protokolle und Nebenwirkungen dokumentiert und für die Zoo-Community verfügbar werden.“ Einen Anfang macht die zentrale Datenbank des „Wildlife Contraception Center“ (WCC) des amerikanischen Zooverbandes. Die Spezialisten des WCC sammeln Erfahrungsberichte und beraten Zoos in Sachen Verhütung.
Viele Möglichkeiten der Verhütung bei Tieren
Dabei haben sie durchaus auch Alternativen zur klassischen Pille oder einer irreversiblen Sterilisation im Angebot: Ohne Eingriff in den Hormonhaushalt wirkt etwa eine Impfung mit dem sogenannten PZP-Eiweiß der äußeren Schutzhülle von Schweine-Eizellen. Das so behandelte weibliche Tier produziert daraufhin Antikörper, die sich an die eigenen Eizellen heften und den Spermien so den Weg blockieren. PZP hat sich nicht nur bei Huftieren, Bären und Elefanten in Zoos bewährt, sondern auch bei wildlebenden Dickhäutern - Elefantenschützer hoffen, so den Abschuss der in Südafrika stellenweise wieder zum Problem gewordenen Tiere vermeiden zu können. Auch die umstrittene Abtreibungspille RU-486, an deren Anwendung man am Berliner IZW erfolgreich arbeitet, kommt zum Einsatz. Geeignet ist sie vor allem für Tiere wie Bären, die nur in großen Abständen empfängnisbereit werden.
Die Löwen im Basler Zoo dagegen sollen demnächst den für Hunde und Katzen entwickelten Wirkstoff Deslorelin erhalten, der bei Weibchen wie Männchen die Produktion der Geschlechtshormone Östrogen und Testosteron drosselt. „Das Ergebnis solcher GnRH-Agonisten entspricht der Entfernung von Hoden oder Eierstöcken, ist aber reversibel“, sagt Cheryl Asa, Leiterin des „Wildlife Contraception Center“ (WCC) des amerikanischen Zooverbandes. Das klappe seit über zehn Jahren bestens und ohne Nebenwirkungen bei Löwen, Geparden oder Wildhunden.
Ein natürlicher Lebenszyklus muss gewahrt bleiben
Das gilt allerdings nur, solange weiblichen Zootieren das Mutterglück nicht gänzlich versagt bleibt. Denn Kinderlosigkeit macht gerade langlebige Arten mit geringer Nachkommenzahl wie Nashörner oder Elefanten auf Dauer krank. „Das Fehlen des normalen Lebenszyklus aus Trächtigkeit und Säugen führt bei ihnen häufig zu Erkrankungen der reproduktiven Organe“, sagt Jewgenow. Teilweise reiche aber eine einzige Schwangerschaft in frühen Jahren aus, um diesen Effekt weitgehend zu kompensieren.
Trotz aller Raffinesse in Sachen Verhütung steht eines fest: Nachwuchs, für den sich unter den Zootieren kein Plätzchen findet, wird es immer geben. Und auch, dass diejenigen es sich nicht leichtmachen, die über Leben und Tod der Jungtiere entscheiden. Dass aber insgesamt das Töten zum Zoo gehört, ist allen Beteiligten klar. Außer vielleicht dem einen oder anderen Besucher.