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Veröffentlicht: 03.02.2004, 16:32 Uhr

Tiere Kolibris im Höhenflug

Wo Bergsteiger in Atemnot geraten, fliegen Vögel noch munter umher. Selbst zierliche Kolibris tummeln sich bisweilen in Höhen von bis zu 5.000 Meter über dem Meeresspiegel - vorausgesetzt, dort wachsen noch Blumen, die Nektar liefern.

von Diemut Klärner
© dpa Kleine Flügel mit großer Wirkung

Wo Bergsteiger in Atemnot geraten, fliegen Vögel noch munter umher. Selbst zierliche Kolibris tummeln sich bisweilen in Höhen von bis zu 5.000 Meter über dem Meeresspiegel - vorausgesetzt, dort wachsen noch Blumen, die ihnen Nektar liefern. Beim kräftezehrenden Schwirrflug vor den Blüten haben sie zwar Mühe, sich in der Luft zu halten. Doch meistern sie die Herausforderungen dünner Höhenluft, indem sie mit ihren Flügeln weiter ausholen als gewöhnlich. Das haben Douglas Altshuler von der University of Texas in Austin und Robert Dudley vom Smithsonian Tropical Research Institute in Panama beobachtet, als sie die Vögel in einem mobilen Labor studierten.

Zunächst widmete sich Altshuler der Kolibrifauna in den Bergen von Peru. In Höhenlagen bis zu 4.300 Meter fing er einzelne Tiere und sperrte sie kurzzeitig in einen Käfig, um sie eingehend zu beobachten. Einschlägige Filmaufnahmen zeigen, daß die Amplitude des Flügelschlags mit zunehmender Höhe größer wird ("Journal of Experimental Biology", Bd. 206, S. 3139). Die Frequenz hängt dagegen vornehmlich von der Statur ab: Je kleiner der Vogel, desto schneller schlägt er mit den Flügeln.

Mehr Flügelschlag in dünner Luft

Während sich in den peruanischen Anden Dutzende von Kolibriarten tummeln, sind in den Rocky Mountains von Colorado nur Breitschwanz- und Fuchskolibris anzutreffen. Um deren Leistungsfähigkeit zu erkunden, benutzten die Forscher eine Versuchskammer, in der sich der Luftdruck und der Sauerstoffgehalt unabhängig voneinander regulieren ließen. Sinkenden Luftdruck kompensierten die Vögel dadurch, daß sie ihre Flügel stärker anhoben und tiefer absenkten. Indem sie einen Winkel von annähernd 180 Grad beschrieben, erzeugten die Flügel auch dann noch ausreichend Hubkraft, als der Luftdruck einer Höhenlage von neuntausend Metern entsprach.

Da es auf den Bergen an Sauerstoff mangelt, können die Kolibris aber doch nicht so hoch hinaus. Das läßt sich in der Versuchskammer beobachten. Wenn die Vögel mit wenig Sauerstoff auskommen müssen, verlangsamt sich ihr Flügelschlag. Schließlich können sie nicht mehr genügend Auftrieb erzeugen: Immer noch eifrig, aber nicht schnell genug flatternd, sinken sie unaufhaltsam zu Boden.

Mehr geht nicht

Was aber, wenn den Vögeln mehr Sauerstoff geboten wird als in freier Natur? Auch in diese Lage konnten die Forscher ihre Versuchstiere versetzen. Doch die großzügige Versorgung zeigte keinerlei Wirkung. Die Vögel blieben bei ihrer gewohnten Frequenz, die Breitschwanzkolibris bei etwa 40, die zierlicheren Fuchskolibris bei etwa 55 Flügelschlägen pro Sekunde. Anscheinend sind sie damit schon an die Grenze ihrer Leistungsfähigkeit gelangt.

Kurzzeitige Steigerungen sind allerdings möglich. Das fanden die Wissenschaftler heraus, als sie den Kolibris einen winzigen Brustgurt anlegten und daran eine Kette aus kleinen Glasperlen befestigten. Wenn die Vögel dieses Anhängsel emporzuheben versuchten, verharrten sie eine knappe Sekunde im Schwirrflug, ehe sie von dem Gewicht der Perlenkette zur Landung gezwungen wurden. Indem sie ihre Flügelschlagfrequenz um etwa zwanzig Prozent erhöhten, mobilisierten sie - vermutlich durch Milchsäuregärung - letzte Leistungsreserven. Wenn Ausdauer gefragt ist, können die Kolibris freilich nicht so flexibel reagieren.

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