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Thunfischfang Groß wird von denen kaum einer mehr

20.04.2009 ·  Thunfisch ja, aber bitte ohne Delphin! Diesen Wunsch haben neue Fangmethoden fast vollständig erfüllt. Doch jetzt gibt es neuen Beifang, und der ist viel problematischer: Viel zu viele junge Thunfische und auch Schildkröten landen in den Netzen.

Von Beate Kittl, Benoa/Bali
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Kräftige Männer wuchten gewaltige Fischleiber mit Glupschaugen über eine Rutsche von Bord der „Sari Segama 02“. Die meisten der blau-silbern schimmernden, eisgekühlten Körper sind um die 50 Kilogramm schwer, einige bringen über 100 Kilo auf die Waage. „Es ist gute Saison für Großaugenthunfische“, sagt Kisyono zufrieden. Er ist Kapitän der Sari Segama 02 und benutzt trotz dieses Status wie viele Javaner nur einen Namen.

Doch seine Fischzüge werden schwieriger. „Wir müssen immer weiter hinausfahren“, sagt Kisyono, dessen Boot vom Hafen in Benoa aus mit 1.700 Stahlhaken an 100 Kilometer langen Leinen den begehrten Sushi-Fischen nachstellt. Und die zehnköpfige Crew muss immer länger draußen bleiben: Kehrten die Seeleute früher nach etwa 20 Tagen heim, bleiben sie heute nicht selten bis zu zwei Monate auf See, bis die Laderäume gefüllt sind. Kisyonos Männern, die im Akkord Thunfische aus dem gekühlten Schiffsrumpf stemmen, steht nach 58 Tagen Fahrt die Müdigkeit im Gesicht geschrieben.

Sie werden immer leichter und pflanzen sich seltener fort

Mit 100 Haken ließen sich früher im Schnitt 2,1 Thunfische fangen, wie die balinesische Thunfischvereinigung angibt. Heute müssen dafür fünfmal mehr Haken an die Langleinen gehängt werden. Gleichzeitig ist das Durchschnittsgewicht der Fische von 34 auf 26 Kilo gesunken.

Und nicht nur in den Gewässern vor Bali schwimmt die majestätische Makrelenverwandtschaft einer düsteren Zukunft entgegen: Der Weltkonsum von sechs Millionen Tonnen pro Jahr dezimiert im West- und Zentralpazifik und im Atlantik die wertvollen Großaugen- und Gelbflossenthunfische (Thunnus obesus und Thunnus albacares).

Im Mittelmeer steht die Population des Blauflossenthuns (Thunnus thynnus), auch Roter oder Atlantischer Thunfisch genannt, vor dem Zusammenbruch, keines dieser Tiere erreicht die kolossalen 900 Kilogramm von einst. Wurde im Jahr 2001 noch ein Durchschnittsgewicht von 124 Kilo gemessen, liegt es heute bei 65. Und mit dem Gewicht ist auch die Fortpflanzungsfähigkeit zurückgegangen.

Die Thunfische werden zu früh gefangen

Deshalb plädieren Umweltorganisationen wie Greenpeace unter anderem für einen Fangstopp im Mittelmeer insbesondere zur Laichzeit, während die Internationale Kommission zum Schutz des Atlantischen Thunfischs (ICCAT) die Fangquote für 2009 nur auf 22.000 Tonnen limitiert - trotz ihrer Befürchtung, dass von dieser Art rund 20.000 Tonnen heimlich aus dem Meer gezogen werden. „Die Überfischung ist krass, aber schlecht dokumentiert“, sagt Daniel Pauly, Leiter des Fischereizentrums der Universität von British Columbia in Kanada.

Dabei schaden den Beständen ausgerechnet jene Methoden am meisten, die ein anderes Problem lösen sollten: Früher halfen Delphine den Fischern dabei, Thunfischschwärme aufzuspüren, da sie zusammen mit diesen jagten. Die Boote umkreisten die Delphinschulen mit riesigen Ringwadennetzen und schöpften alles ab, was hängenblieb. Dadurch verendeten jedes Jahr Hunderttausende der Meeressäuger. Die Methode ist seit den achtziger Jahren weitgehend geächtet, der Beifang von Delphinen ging um über 98 Prozent zurück.

Doch die wohl erfolgreichste Konsumenteninitiative aller Zeiten - die für „delphinfreundlichen“ Dosenthunfisch - schuf einen neuen gefährlichen Trend: Immer jüngere Thunfische werden aus dem Wasser gezogen, bevor sie eine Chance zur Vermehrung hatten.

„Wir gratulieren uns, dass wir das Delphinproblem gelöst haben“, sagt Timothy Essington, Meeresbiologe an der Universität von Washington. „Dabei haben wir neue, ebenso schlimme Probleme verursacht.“

Junge Thunfische tummeln sich bei den Bonitos

Die Fischer suchten nach Alternativen zur Delphinjagd und fanden sie in den „fish aggregation devices“ (FAD). Mit diesen „Fischansammelstellen“ machen sie sich die schier magische Anziehungskraft zunutze, die frei treibende Objekte auf Schwarmfische haben. Schon ein abgebrochener Ast oder ein paar zusammengekettete Bojen locken Fische - wie die als Dosenthunfisch beliebten Bonitos (Katsuwonus pelamis) - in ihren Schatten und machen sie zur leichten Beute.

Oft sind FADs mit Sendern ausgerüstet, um sie anpeilen zu können. Neben Bonitos tummeln sich auch Schwärme junger Gelbflossen- oder Großaugenthunfische unter dem Treibgut. „Diese Art von Beifang ist das gravierendste Problem für den Thunfisch“, sagt Lida Pet-Soede, Meereszoologin beim World Wide Fund for Nature (WWF).

In Indonesien, der nach Japan zweitgrößten Thunfischernation der Welt, werden rund zwei Drittel der Bonitos jung aus dem Meer geholt. Bei den Gelbflossen- oder Großaugenthunfischen, die ausgewachsen als Sushifische ein Vermögen wert sind - ein einzelner brachte bei einer Aktion mal 133.000 Euro -, sind es sogar drei Viertel.

„Das schadet sowohl den Arten als auch der Wirtschaftlichkeit“, sagt Jose Ingles, Meereskoordinator beim WWF Philippinen. „Wenn die Jungfische heranwachsen dürften, könnten sie jährlich statt 184 Millionen Euro bis zu 1,2 Milliarden einbringen.“

Sashimi-Fisch ist teuer

In der weiß gekachelten Verpackungshalle unweit vom Dock in Benoa schiebt sich Kisyono ein Stück Fisch in den Mund. Siebeneinhalb Tonnen Thun hat er mitgebracht. Die Ladung hat einen Wert von rund 19.000 Euro. Die Fischleiber schlittern durch blutige Wasserlachen über die Fliesen.

Der japanische Prüfer der Firma „Sari Segama“ sticht seine Sonde neben die Brust- und Schwanzflossen, beäugt zufrieden die rosa Fleischproben. Diese Fische sind erstklassiges Material für Sashimi. Sofort werden sie in weißen Styroporboxen für die Luftfracht verpackt.

Mit einer guten Fahrt wie dieser kann Kisyono bis zu 780 Euro verdienen - viel Geld in einem Land, wo ein Büroangestellter umgerechnet 117 Euro im Monat erhält. Kisyonos japanischer Arbeitgeber kommt für die Spritkosten, Reparaturen und Köderfische auf.

Immer mehr Fischer setzen auf die FADs

Der Wert solcher Sushifische ist hoch, doch Langleinen, wie sie Kisyonos Crew verwendet, tragen zum gesamten Thunfischfang nur ein Sechstel bei. Der Großteil, Bonitos und kleinere Gelbflossenthune für die Dosenindustrie, wird mit Ringwadennetzen an Bord gezogen. Und seit die Spritpreise drastisch gestiegen sind, setzen immer mehr Fischer auf die Anziehungskraft von FADs: Hunderte treibende oder verankerte Flöße aus Holz, Palmblättern oder Plastikbojen dümpeln heute in indonesischen Gewässern unkontrolliert herum.

Jedes Boot kann sein Netz dort tief in die Thunfisch-Kinderstube tauchen. „Der Beifang von Jungfischen lässt sich reduzieren“, sagt Lida Pet-Soede. „Die Fischer könnten darauf verzichten, an einem FAD zu fischen, wenn dort viele Thunfische sind.“

Staat spielt die Hauptrolle beim Management der Thunfische

Die Philippinen haben bereits ein Verbot für den Verkauf von Thunfischen unter 500 Gramm Körpergewicht verhängt. In Indonesien fehlt ein solches Gesetz noch. „Die Fischerei ist hier weitgehend unreguliert“, sagt Pet-Soede.

Dabei spielt dieser Staat mit seinen gut 17.500 Inseln eine wesentliche Rolle beim Management der beliebten Speisefische: Sein Hoheitsgebiet, das im Nordwesten bis an das von Thailand und im Südosten bis an das von Australien grenzt, umfasst wichtige Wanderrouten und Paarungsregionen.

Seit den achtziger Jahren hat sich die Zahl der Ringwadennetze in Indonesien auf 2100 vervierfacht. Inzwischen werden zwar keine neuen Lizenzen mehr vergeben, allerdings besitzen auch die Langleinen Nachteile: Tausende von Schildkröten, Seevögeln und Haien verenden an ihren Haken.

Anchovi-Bestände leiden unter dem Thunfischfang

Zudem werden die als Köder benötigten Anchovis und Sardinen bis zum Limit abgefischt und gehen damit als Eiweißlieferant für die Weltbevölkerung verloren. Aber nur wenn ein verheißungsvoller Köder lockt, schlucken die Thunfische den Haken.

Um eine Tonne Thun zu erbeuten, braucht Kisyono zwischen einer halben und einer Tonne Köderfisch. Für eine Fahrt nimmt die Sari Segama 02 rund 3,5 Tonnen Sardinen an Bord, vorwiegend Lemuru- oder Bali-Sardinen.

Für das ebenfalls populäre Angelfischen sind lebende Lockfische zunehmend gefragt: Auf einem indonesischen Kutter schaufelt ein Mann sich windende Anchovis über Bord, ein anderer pumpt eine dünne Wasserfontäne über die Meeresoberfläche. Diese schäumt von Abertausenden Thunfischen, die im Fressrausch nach Anchovis, Luftblasen und künstlichen Ködern schnappen.

Die Matrosen, die mit ihren langen Angeln auf der Bordkante sitzen, ziehen ohne Unterlass Bonitos und Gelbflossenthune aus dem Wasser - meistens Jungtiere - und schleudern sie in hohem Bogen in den Laderaum. Diese Fänge kommen als delphinfreundlicher Dosenthun auf den Markt und machen 15 Prozent der hiesigen Thunfischbeute aus.

Doch die Angelfischerei benötigt Anchovis in rauhen Mengen, und die gibt es immer seltener: Auf der indonesischen Insel Sulawesi bleiben zahlreiche Boote an Land, weil sie keine Köder bekommen - die Anchovi-Bestände sind ebenfalls überfischt.

Die neuen Haken des WWF

Umweltschützer und Wissenschaftler dringen nun darauf, sowohl die Thun- als auch die Köderfischerei mit einer Strategie zu managen, die das ganze Ökosystem berücksichtigt. „Die regionalen Fischerei-Organisationen müssten ein Mandat bekommen, um einseitige Aktionen ihrer Mitglieder zu stoppen“, sagt Daniel Pauly.

Dringend nötig sind Fangquoten und Fanglizenzen, Schutz für die Laichgründe und ein Ende der Überfischung. „Natürlich ist der Widerstand groß, die Flotten abzurüsten“, sagt Lida Pet-Soede. „Darum haben wir mit dem Beifang begonnen, das ist leichter.“

Langleinenfischer Kisyono verdankt seine gute Ausbeute unter anderem einem neuen Haken, den der WWF in Bali testet, um den Beifang der bedrohten Meeresschildkröten zu reduzieren. In der engen Führerkabine seines Schiffs zieht Kisyono zwei Stahlstücke aus einer Schachtel: Der alte Haken hat eine J-Form, Schildkröten können ihn leicht verschlucken. Die Spitze des neuen ist dagegen nach innen gebogen - er erinnert an den Buchstaben G und ist zu groß für die Mäuler der Reptilien.

„Erst hatte meine Crew Mühe, die Köder schnell und fest genug aufzuspießen“, sagt Kisyono, der 2006 als Erster das Risiko mit den Rundhaken einging. Ein schlecht sitzender Köder kann einen verlorenen Thunfisch bedeuten. „Was haben wir uns in die Finger gestochen“, sagt der Kapitän, inzwischen hochzufrieden: Von Anfang an fingen die Rundhaken nicht nur weniger Schildkröten, sondern auch 30 Prozent mehr Thun und deutlich weniger Jungfische.

„Auf dieser Fahrt hatten wir keine einzige Schildkröte“, sagt Kisyono. In Benoa setzen aber erst 39 von fast 800 Langleinen-Booten die Rundhaken ein, die übrigen zögern, das Altbewährte aufzugeben. Sie von der G-Form zu überzeugen, könnte dauern. Die Einzigen, die den Prozess beschleunigen könnten, sind die Konsumenten.

Ein Siegel für umweltgerechtes Fischereimanagement

„Wenn wir auf die Regierung warten, warten wir lange“, sagt Bas Zaunbrecher vom Fischverarbeitungskonzern Anova in Benoa, der frischen Thunfisch in die Vereinigten Staaten und nach Europa verkauft, unter anderen an „Aldi“ und „Deutsche See“. „Also machen wir Druck auf unsere Lieferanten.“

In Zusammenarbeit mit dem WWF versucht der Konzern, seine Fischer zu den Rundhaken zu bekehren. In der Hoffnung, dass sie den doppelten Nutzen erkennen - weniger Schildkröten, mehr Thunfisch. Insbesondere wenn sich ihre Bemühungen durch ein Prüfsiegel „turtle safe“ (schildkrötensicher) in barer Münze auszahlen.

Aber wie viele Ökolabel kann eine Dose Thunfisch vertragen? Neben „delphinfreundlich“ könnte noch „haifrei“, „turtle safe“ und gar „thunfischfreundlich“ auf den Etiketten prangen, sollte die Plünderung der marinen Kindergärten aufhören. Diese Vielfalt dürfte allerdings auch wohlmeinende Kunden verwirren.

Die Lösung wäre ein einziges Emblem für umweltfreundlich gefangenen Fisch - am ehesten jenes vom „Marine Stuartship Council“ (MSC) als ein unabhängiges Zertifikat für umweltgerechtes Fischereimanagement. Doch die MSC-Vorschriften verlangen, dass die befischten Bestände insgesamt auf einem gesunden Niveau sind.

Und gerade bei den Thunfischen, den Vagabunden der Weltmeere, dürfte das schwer nachzuprüfen sein: Ein ausgewachsener Blauflossenthun, den Forscher mit einem Satellitensender versehen hatten, wanderte innerhalb von sechs Monaten über 6000 Kilometer weit - von Irland bis zu seinen Laichgründen vor Kuba.

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