Home
http://www.faz.net/-gx4-71r6d
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Termiten Gefährliche Nächstenliebe

 ·  Auch alte Termiten sind nicht wehrlos, sie explodieren Angreifern entgegen.

Artikel Video (1) Lesermeinungen (1)
© Sciencemag.org Termiten: Gefährliche Nächstenliebe

In der Theorie sind alle Lebewesen Werkzeuge ihrer Gene, von Geburt an auf ein einziges Ziel programmiert: die Fortpflanzung. Um es zu erreichen hat sich in der Natur der Egoismus als besonders erfolgreiches Handlungsparadigma hervorgetan. Ohne sozioökonomische Wertung ist jede Entscheidung eine Kosten-Nutzen-Rechnung für das eigene Wohl. Das Ergebnis stimmt, wenn dem Individuum dabei kurzfristig ein Vorteil entsteht.

Altruismus lohnt sich

Als Gegenentwurf sehen Evolutionsbiologen den Altruismus. Investiert man zugunsten der Gesellschaft Energie, steigert das langfristig die Überlebenschance des gesamten Volkes. Die Termitenart Neocapritermes taracua interpretiert den Altruismus jedoch äußerst eigen, wie eine aktuelle Studie (doi:10.1126/science.1219129) der Zeitschrift „Science“ zeigt. Einige besonders aggressive Vertreter der südamerikanischen Insekten reagieren bei Feindkontakt überraschend impulsiv. Zum Schutz des Volkes sprengen sie sich ohne Rücksicht auf das eigene Leben in die Luft. Dabei sondern sie ein toxisches Sekret ab, um die Eindringlinge zu vergiften.

Von der Arbeiterin zur Kamikazekriegerin

Zur Überraschung der Forscher handelt es sich bei den Selbstmördern jedoch nicht um Krieger. Obwohl diese Art durchaus spezielle Kämpfer in den eigenen Reihen hat. Die „Kamikaze-Bomber“ sind alte, verdiente Arbeitertiere die gewissermaßen ihre soziale Rolle gewechselt haben. Angedachte Hauptaufgabe der Arbeiter in ihren Kolonien ist nicht etwa der protektive Selbstmord, sondern die Nahrungsbeschaffung. Mit ihren scharfen Schneidewerkzeugen am Kopf zerlegen und fressen sie meist abgestorbenes Holz. Nutzen sich mit der Zeit jedoch die Scheren ab, können sie dieser Tätigkeit nicht mehr effizient nachgehen. Da sowohl Arbeiter, als auch Krieger geschlechtlich verkümmert sind, streben sie von nun an danach, die Vermehrung der wenigen fortpflanzungsfähigen Tiere abzusichern. Anstatt alt zu werden und der Gesellschaft zur Last zu fallen, zögern sie nicht, ihr Leben für das Volk zu geben.

Blau ist die Farbe des Todes

Die Forscher identifizierten unter den Arbeitstieren eine stark verbreitete blaue Färbung am Rücken. Dafür zuständig ist eine spezielle Drüse im Unterleib, die eine blaue, kristalline Substanz produziert. Die eigens dafür vorgesehenen Segmente am Rücken der Termiten werden dadurch blau eingefärbt. Wichtiger Bestandteil ist dabei ein farbgebendes, kupferhaltiges Eiweiß. Es war auffällig, dass Termiten mit dieser Kriegsbemalung viel aggressiver gegen Feinde vorzugehen pflegten als ihre Artgenossen. Kommt es zum Äußersten, sprengen sie ihren Rücken auf und verteilen die körpereigenen Säfte auf potentielle Angreifer. Bei dieser sogenannten Autothyse vermischen sich Sekrete der Bauchspeicheldrüse mit den blauen Kristallen und es entsteht ein Giftcocktail. Auch wenn die Eindringlinge erfolgreich abgewehrt werden, lässt die Termite dabei ihr Leben. Sie hat ihre Aufgabe erfüllt – mit ihrer letzten Tat wirkt sie sozusagen dem demografischen Wandel entgegen, entlastet die Rentenkassen und sichert den Fortbestand ihrer Rasse. Doch sehr selbstlos.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Die Bändigung des Klons

Von Joachim Müller-Jung

Das Klonen von Embryonen muss gezügelt werden. In der Praxis dürfte sich der biotechnische Fortschritt ohnehin als unbrauchbar erweisen. Die Alternativen sind vielversprechend. Mehr 21 57