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Tasmanische Teufel Wenn der Krebs sich wie die Pest ausbreitet

11.01.2010 ·  Der Tasmanische Teufel ist vom Aussterben bedroht. Ausnahmsweise ist daran aber nicht der Mensch schuld, sondern hoch ansteckende Tumore, die sich rasant ausbreiten. Nun aber haben Forscher die Ursache für den Krebs entdeckt.

Von Karin Hollricher
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Beuteltiere haben es in Australien und Tasmanien nicht grade leicht. Viele Arten sind durch Jagd, Vernichtung der natürlichen Lebensräume oder eingeschleppte Raubtiere bedroht. Auch der Tasmanische Beutelteufel, der geschützt in den Nationalparks lebt, die sich über mehr als die Hälfte der südlich vom australischen Kontinent gelegenen Insel erstrecken, wird als „gefährdet“ eingestuft - ausnahmsweise ist daran aber nicht der Mensch schuld. Die dachsgroßen Tiere mit dem lateinischen Namen Sarcophilus harrisii sind Opfer einer ansteckenden und tödlich verlaufenden Krebserkrankung, die sich mit rasanter Geschwindigkeit ausbreitet. Eine amerikanisch-australische Forschergruppe berichtete nun in der Zeitschrift „Science“ (Bd. 327, S. 84), es habe den Auslöser des Tumors entdeckt. Diese Entdeckung, so Elizabeth Murchison und ihre Kollegen, könne helfen, einen Impfstoff zu entwickeln, der das Überleben der Beuteltiere sichere.

Der Gesichtskrebs wird übertragen, wenn die Teufel sich beim Kämpfen gegenseitig ins Gesicht beißen. Dabei bilden sich zunächst Geschwulste im Gesicht, schließlich metastasiert der Tumor. Befallene Tiere leben nur wenige Wochen bis Monate. Obwohl der Krebs hoch infektiös ist, konnten die Wissenschaftler lange Zeit weder Viren noch Bakterien als Krankheitsursache identifizieren. Vielmehr haben sich die Krebszellen selbst als ansteckend erwiesen. Das ist recht ungewöhnlich, schließlich entsteht Krebs durch Mutationen in bestimmten, das Zellwachstum kontrollierenden Genen, die entweder spontan auftreten oder durch Viren hervorgerufen werden. Infektiöse Tumoren, die sich ohne die Beteiligung von Viren verbreiten, sind beim Menschen unbekannt, und auch im Tierreich nur bei Hunden und Hamstern beschrieben worden.

Kranke Zellen sind klonalen Ursprungs

Vor vier Jahren fanden Anne-Maree Pearse und Kate Swift vom tasmanischen Ministerium für Primärindustrie, Grünflächen, Gewässer und Umwelt erste Hinweise darauf, wie sich der Krebs verbreitet. Sie entdeckten, dass die Chromosomen der Krebszellen bei verschiedenen erkrankten Tieren sich auffallend stark ähneln und sich von den übrigen Körperzellen der Tiere unterscheiden. Daraus schlossen sie, dass die Tumore erstens klonalen Ursprungs sind, die Tumorzellen aller Tiere also aus einer Quelle stammen, und sie zweitens direkt durch die Übertragung von Tumorzellen verbreitet werden. Diese Theorie konnten Katherine Belov und ihre Kollegen von der University of Sydney vor drei Jahren untermauern. Sie typisierten hochvariable Bereiche im Erbgut von 26 erkrankten und gesunden Tieren. Das Ergebnis: Alle Tumore waren genetisch einander recht ähnlich, und ihr Genotyp unterschied sich deutlich von den gesunden Zellen der erkrankten Tiere. Das deutete darauf hin, dass die Tumorzellen nicht von den kranken Tieren selbst, sondern von einer externen Quelle stammen.

Eine genauere Analyse haben nun die Forscher vom Cold Spring Harbor Laboratory in New York, von der Australian National University in Canberra und der University of Tasmania in Hobart vorgenommen. Murchison und ihre Kollegen sequenzierten zunächst verschiedene Genombereiche von Tumor- und gesunden Zellen und bestätigten so die Theorie vom klonalen Ursprung des Gesichtstumors. Um herauszufinden, von welchem Gewebetyp die Krebszellen abstammen, analysierten sie, welche Gene in den Krebszellen aktiv sind. Dann verglichen sie dieses Muster mit demjenigen gesunder Hodenzellen. Unter mehr als 13.000 sequenzierten Genen identifizierten sie zwanzig, die in den bösartigen Zellen aktiver waren. Neun davon entpuppten sich als Gene, die typischerweise in Nervenzellen auftreten. Eines der Gene - PRX - enthält die Bauanleitung für das Protein Periaxin, das ausschließlich in sogenannten Schwann'schen Zellen angeschaltet ist. Schwann'sche Zellen, benannt nach ihrem Entdecker, dem deutschen Physiologen Theodor Schwann, sind Hüll- und Stützzellen, die bei Wirbeltieren die langen Ausläufer der Nervenzellen, der Axone, umgeben und diese isolieren.

Immunsystem erkennt bösartige Zellen wegen Innzucht nicht

Alle von den Forschern getesteten Tumorzellen sowie deren Metastasen bildeten Periaxin. Aus ihren Daten folgern die Forscher, dass der Gesichtskrebs des Beutelteufels ein Nervenscheidentumor ist, der sich vor nicht allzu langer Zeit aus vermutlich einer einzigen Schwann'schen Zelle oder deren Vorläufer entwickelte. Die bei den Beuteltieren auftretende Krebsart könne man deshalb künftig über die Anwesenheit des Markermoleküls Periaxin eindeutig diagnostizieren. Noch offen ist die Frage, warum die von anderen Tieren übertragenen und damit fremden Krebszellen vom Immunsystem der infizierten Tiere nicht als fremdartig erkannt und vernichtet werden. Man vermutet, dass die Tiere durch Inzucht einander so ähnlich sind, dass das Immunsystem die Krebszellen nicht erkennt. Die Forscher sehen ihre Ergebnisse als ersten Schritt auf dem Weg zu einem Impfstoff gegen die tödliche Infektion.

Das ist auch eines der Ziele der tasmanischen Regierung, die mit dem Programm „Rettet den Tasmanischen Teufel“ nicht nur die Forschung finanziert, sondern auch die Versuche fördert, krebsfreie Populationen von Beutelteufeln in Zoos und auf benachbarten Inseln aufzuziehen. Das Verschwinden des Beutelteufels wäre fatal, spielen die Raubtiere doch als Jäger und Aasfresser eine wichtige Rolle im Ökosystem der Insel. Einige Wissenschaftler berichten, dass schon jetzt andere Raubtiere von der Dezimierung der Beutelteufel profitierten. Besonders besorgt beobachtet man den europäischen Rotfuchs, der Ende der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts erstmals auf der Insel gesichtet wurde. Er gilt als Gefahr für einheimische Tiere und soll daher auf Geheiß der tasmanischen Regierung ausgerottet werden. Die Fuchsbestände könnten sich massiv vergrößern, wenn der Beutelteufel als Futterkonkurrent verschwände.

Das könnte ohne einen entsprechenden Impfschutz schon bald geschehen, denn der Krebs wütet unter den Teufeln wie die Pest. Im Freycinet Nationalpark dezimierte die Erkrankung in nur drei Jahren die Population um ein Drittel. Im Nordosten der Insel, im Mount William Nationalpark, wo die Krankheit erstmals im Jahr 1996 beobachtet wurde, ist der Bestand an Beutelteufeln um 90 Prozent geschrumpft.

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