01.08.2010 · Ob Salat, Dahlien oder Melonen: Nacktschnecken sind gefräßige Plagegeister. Nur Moose verschmähen sie. Forscher haben nun herausgefunden, warum - und hoffen, bald einen ökologischen Fraßschutz entwickeln zu können.
Von Uta BilowSie sind der Albtraum jedes Landwirts und Hobbygärtners: Nacktschnecken, die sich über Salat, Melonenpflanzen, Dahlien oder Studentenblumen hermachen. Die schleimigen Plagegeister können über Nacht vernichten, was in mühevoller Arbeit gesät und gepflanzt wurde. Doch nicht alles Grünzeug schmeckt den gefräßigen Mollusken gleich gut. Moose beispielsweise verschmähen die Tiere für gewöhnlich. Diese seit mehr als hundert Jahren dokumentierte Abneigung haben nun Chemiker der Universität Jena genauer untersucht. Dabei ist es ihnen gelungen, bestimmte von den Moosen zur Abwehr genutzte Substanzen zu identifizieren und deren fraßhemmende Wirkung zu belegen.
Der Schutz des untersuchten Mooses beruht auf sogenannten Oxylipinen, wie Martin Rempt und Georg Pohnert in der Zeitschrift „Angewandte Chemie“ (Bd. 122, S. 4865) berichten. Die Chemiker wählten für ihre Versuche das Moos Dicranum scoparium aus, auch bekannt als Gewöhnliches Gabelzahnmoos. Es ist in europäischen Wäldern häufig anzutreffen und bildet auf dem Waldboden ausgedehnte dichte Polster. Aus diesem Moos haben die Forscher zahlreiche Substanzen extrahiert, darunter auch die Oxylipine.
Chemische Verteidigungsreaktion
Die Wirkung dieser Naturstoffe wurde anschließend in Tests mit Spanischen Wegschnecken erkundet. Diese von orangegelb bis schwarzbraun vorkommenden Nacktschnecken sind hierzulande weit verbreitet und entsprechend von Gärtnern und Landwirten gefürchtet. Die Chemiker boten den Versuchstieren frischen Eisbergsalat an. Die Hälfte der Blätter war mit aus dem Moos extrahierten Oxylipinen imprägniert, die andere Hälfte lediglich mit dem Lösungsmittel Methanol besprüht. Es zeigte sich, dass die Nacktschnecken die mit Oxylipin-Extrakt behandelten Blätter verschmähten. Der Duftpanzer schützt den Salat sogar noch, wenn der Wirkstoff gegenüber den Konzentrationen im Moos auf ein Tausendstel verdünnt ist.
Intensiv haben sich die Forscher mit der Biosynthese der fraßhemmenden Wirkstoffe beschäftigt. Dazu haben sie in den Stoffwechsel der Moose isotopenmarkierte Vorläufer-Verbindungen eingebracht. Genaue Analysen zeigten, dass die Oxylipine durch die Oxidation der ungesättigten Fettsäure Dicranin entstehen. Sie werden in besonders großen Mengen gebildet, wenn man das Moos beispielsweise mechanisch verletzt, deuten also auf eine chemische Verteidigungsreaktion der Pflanze hin. Die Wissenschaftler aus Jena halten es für möglich, dass man diese Erkenntnisse dazu verwenden kann, einen effektiven und ökologischen Fraßschutz gegen Schnecken zu entwickeln. Bislang verfügbare Mittel streuen Gärtner oft nur mit schlechtem Gewissen - Schneckenkorn beispielsweise stellt eine Gefahr für Vögel, Igel oder geschützte Weinbergschnecken dar.
Gerade die Spanische Wegschnecke bereitet im Pflanzenbau enormen Kummer. Die Tiere richten massive Schäden an, vermehren sich rasch und haben kaum natürliche Feinde, da sie überaus zäh sind und extrem viel Schleim absondern. Ursprünglich stammt die Spanische Wegschnecke aus Südwesteuropa. Mit Gemüseimporten gelangte sie vor etwa fünfzig Jahren von der Iberischen Halbinsel nach Mitteleuropa - erst 1969 wurde das erste Exemplar in Deutschland dokumentiert. Seitdem hat sich diese Nacktschneckenart rapide ausgebreitet und geradewegs zu einer Plage entwickelt.