22.08.2005 · Schimpansen können sich gegenseitig Dinge beibringen, wie beispielsweise den Umgang mit einem Werkzeug. Auch das konforme Verhalten innerhalb ihrer Gruppe zeigt die Ähnlichkeit zum menschlichen Sozialverhalten.
Von Andrea OsterSchimpansen sind unsere nächsten Verwandten, ihre Erbanlagen unterscheiden sich von unseren um gerade mal 1,6 Prozent. Wie nahe uns die Affenart aber tatsächlich steht und zu welchen sozialen Leistungen sie fähig ist, wird derzeit von Verhaltensforschern weltweit untersucht. Dabei verdichten sich die Hinweise darauf, daß die großen Menschenaffen dem Menschen in ihrem Sozialverhalten ähnlicher sind, als es lange Zeit angenommen wurde.
Daß Schimpansengruppen, die an unterschiedlichen Orten leben, eigene Kulturen bilden und ihre gruppenspezifischen Verhaltensweisen von Generation zu Generation überliefern, ist keine neue Erkenntnis. Bereits 1999 hatten der schottische Primaten-Forscher Andrew Whiten von der University of St. Andrews und seine Kollegin Jane Goodall vom Gombe Stream Research Center in Tansania die Ergebnisse von sieben Langzeitstudien veröffentlicht, die regionale Unterschiede im Verhalten wildlebender Schimpansen in Afrika dokumentieren.
Verhaltensforscher analysieren Lernprozesse
Danach angeln manche der afrikanischen Schimpansengruppen Wanderameisen mit kurzen Stöckchen und picken sie einzeln vom Zweig, während andere die Insekten zunächst auf dem Stock sammeln, bevor sie gleich eine Handvoll von Ameisen fressen. In Westafrika knacken die Affen Nüsse mit Holzstöcken und Steinen, wohingegen die ostafrikanischen Gruppen die Früchte mit bloßen Händen öffnen. Insgesamt fanden die Forscher für 39 Verhaltensweisen, wie Werkzeuggebrauch, Fellpflege oder Paarungsverhalten, lokale Varianten in den sieben Affenpopulationen - eine Zahl, die zuvor noch für keine andere Art, außer dem Menschen, beschrieben wurde.
Experimente mit in Gefangenschaft lebenden Schimpansen stützen die These einer Menschenaffen-Kultur. Sie lieferten in den vergangenen fünfzehn Jahren zahlreiche Hinweise darauf, daß große Menschenaffen den Umgang mit Werkzeugen durch Nachahmen erlernen können. Doch blieb weiterhin umstritten, ob diese Traditionen - wie beim Menschen - von einem Individuum zum nächsten weitergegeben werden. Der wesentliche Grund dafür ist, daß die Lernprozesse bislang nur an einzelnen Tieren studiert wurden und typischerweise ein Mensch als Lehrer fungierte.
Experiment zur Werkzeugbenutzung
Die jüngste Studie von Andrew Whiten und seinen amerikanischen Kollegen von der Emory University in Atlanta (Georgia) könnte die bestehenden Zweifel nun ausräumen. In der Online-Ausgabe der Zeitschrift „Nature“ belegen die Forscher erstmals, daß Schimpansen Verhaltensmuster von Artgenossen übernehmen und sie in ihrer Gemeinschaft etablieren. Anders als in den vorangegangenen Experimenten haben die Zoologen das Lernverhalten in Schimpansengruppen untersucht. Die Tiere lernten dabei eine bestimmte Verhaltensweise von einem Artgenossen.
Die Zoologen stellten drei Gruppen von Schimpansen vor eine Aufgabe, die auch wildlebende Affen kennen: sie sollten den Gebrauch eines Werkzeuges erlernen, um an eine ohne das Hilfsmittel unerreichbare Futterquelle zu gelangen. Je ein ranghohes Weibchen aus zwei der drei Versuchsgruppen wurde von den Wissenschaftlern - unbeobachtet von den übrigen Tieren - darauf trainiert, mit einem Stock Futter aus einer geschlossenen Versuchsapparatur zu befreien. Die dritte Gruppe, von der keiner der Schimpansen angeleitet wurde, wie er den Stock zu gebrauchen hatte, diente als Kontrollgruppe.
Schimpansen sind gelehrige Schüler
Die beiden Schimpansenweibchen lernten jeweils eine eigene Technik. Über einen Zeitraum von einer Woche konnten die anderen Gruppenmitglieder anschließend je zwanzig Minuten am Tag ihren Artgenossen dabei beobachten, wie er die neu erworbene Technik anwendet - ohne aber selbst Zugang zur Versuchsapparatur zu haben. Die Schimpansen erwiesen sich als gelehrige Schüler: nach sieben Tagen hatten in beiden Gruppen fast alle Tiere gelernt, das Werkzeug selbst zu gebrauchen. Dabei nutzten die Tiere hauptsächlich die in ihrer Gruppe eingeführte Technik.
Dagegen war keines der sechs Kontrolltiere in der Lage, den Stock ohne Anleitung erfolgreich zu benutzen. Bis die Affen die Aufgabe das erste Mal lösen konnten, vergingen im Schnitt 29 beziehungsweise 52 Sekunden, abhängig von der Werkzeugtechnik. Nach zwei Monaten wiederholten die Zoologen das Experiment mit dem Ergebnis, daß die Affen - bis auf wenige Ausnahmen - die gruppeneigene Technik beibehielten. Demnach kopieren die Schimpansen nicht nur. Sie pflegen auch die in ihrer Gemeinschaft etablierten Traditionen.
Mehrheit der Affen verhielt sich konform
Und mehr noch: Schimpansen neigen offenbar dazu, sich der kulturellen Norm anzupassen - ein Bedürfnis, das man üblicherweise nur mit der menschlichen Spezies assoziiert. Obwohl einige der Probanden mit der Zeit beide Möglichkeiten entdeckten, sich das Werkzeug zunutze zu machen, und sich im Verlauf des Experimentes eines der Verfahren als das effizientere entpuppte, kehrten fast alle Tiere zu der in ihrer Gruppe herrschenden Norm zurück.
Nur zwei Schimpansen erwiesen sich als ausgeprägte Individualisten und wandten ausschließlich oder überwiegend die alternative Technik an. Mehr als die Hälfte der Affen verhielten sich hingegen augenscheinlich konform. Nach Ansicht der Wissenschaftler legen diese Befunde nahe, daß der menschliche Hang zum kulturellen Konformismus in der Evolution einen alten Ursprung hat.