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Schimpansen-Forschung : Das Ende einer Affenliebe

Maurice Temerlin und seine Adoptivtochter beim Angeln. Manchmal biss sogar bei ihr etwas an. Bild: André Laame

Was kommt dabei heraus, wenn man einen Schimpansen wie ein menschliches Kind erzieht? Der Psychotherapeut Maurice Temerlin hat es ausprobiert - nicht unbedingt eine gute Idee.

          Lucy kam 1964 zur Welt, als Tochter zweier Schimpansen, die mit einem Zirkus durch den Osten der Vereinigten Staaten von Amerika tingelten. Noch am Tag der Geburt reiste Jane Temerlin an, die Frau des Psychoanalytikers Maurice Temerlin. Um die frisch entbundene Schimpansenmutter abzulenken, verabreichte sie ihr eine Flasche Cola, die mit Phencyclidin versetzt war, einem starken Betäubungsmittel. Lucy wurde in einen Babykorb gepackt und an Bord einer Linienmaschine nach Oklahoma verfrachtet, wo ein spektakuläres Experiment auf sie wartete: Sie sollte der erste Menschenaffe werden, der von Anfang an wie ein Mensch erzogen wurde.

          Jörg Albrecht

          Verantwortlich für das Ressorts „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Was die Temerlins auf diese Idee gebracht hat, ist im Nachhinein nicht ganz klar; in seinen Erinnerungen (“Growing Up Human: A Chimpanzees Daughter in a Psychotherapists Family“) verweist Maurice Temerlin auf seinen Vorgänger Winthrop Kellogg. Der Verhaltensforscher hatte Anfang der dreißiger Jahre zusammen mit seinem zehn Monate alten Sohn David einen sieben Monate alten Schimpansen namens Gua aufgezogen und akkurat festgehalten, welche Fortschritte beide machten. Gua lernte rascher dazu, reagierte schneller auf mündliche Anweisungen und schien seinem menschlichen Zwillingsbruder anfangs überlegen.

          Schon mit drei Monaten kletterte Lucy aus der Wiege und begrüßte jeden, der zufällig vorbeikam.
          Schon mit drei Monaten kletterte Lucy aus der Wiege und begrüßte jeden, der zufällig vorbeikam. : Bild: André Laame

          Nur mit dem Spracherwerb wollte es nicht klappen. Kellogg brach den Versuch nach neun Monaten ab, als sich zeigte, dass auch sein Sohn David keine Anstalten machte, Wörter zu formen, sondern damit begann, sich nach Affenart auf allen vieren fortzubewegen, an Schuhen zu kauen, zu grunzen und Schimpansenlaute nachzuahmen.

          Die Laute sollten Mama und Papa heißen

          Einen Schritt weiter ging nach dem Zweiten Weltkrieg das Ehepaar Keith und Catherine Hayes. Die beiden Psychologen arbeiteten am Yerkes Primate Research Center in Orlando, Florida, wo eine große Kolonie von Versuchstieren herangezüchtet worden war. Sechs Jahre lang trainierten sie das Schimpansenweibchen Viki, am Ende hatte es angeblich gelernt, die Worte „Mama“, „Papa“ und „cup“ zu artikulieren, was sich allerdings kaum überprüfen ließ, weil nur die Hayes imstande waren, die gutturalen Laute auseinander zu halten.

          Vielleicht haben sich die Temerlins aber auch von einem populären Film inspirieren lassen: In „Bedtime for Bonzo“ aus dem Jahre 1951 spielt Ronald Reagan einen Psychologieprofessor, der beweisen will, dass über Gut und Böse die Erziehung und nicht die Herkunft entscheidet, wozu er einen Laborschimpansen adoptiert, was zu den erwartbaren Verwicklungen führt; Nörgler haben dem späteren Präsidenten Reagan vorgehalten, er habe sich in seiner Zeit als Schauspieler sogar von einem Affen an die Wand spielen lassen.

          Die University of Oklahoma war Mitte der sechziger Jahre ein Ort, an dem ein festangestellter Professor am Department of Psychology im Großen und Ganzen tun und lassen konnte, was er wollte, vorausgesetzt, er war weder Kommunist noch homosexuell. Die Temerlins lebten auf dem Lande, weit genug weg vom Campus und von der nächsten größeren Stadt, um Lucy eine ungestörte Kindheit zu ermöglichen.

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