05.05.2009 · Vom einen ist nur die Beschreibung eines einzigen Rückenwirbels überliefert, bei anderen variiert die Größe je nach Berechnung. Und physiologisch geben auch schon die gut belegten Riesensaurier Rätsel auf. Wer ist denn nun der größte bekannte Dinosaurier?
Von Ulf von RauchhauptDen Größten hätte jeder gern, den Größten der Großen natürlich noch lieber. So rühmt sich Argentinien seit 1993 mit Argentinosaurus huinculensis des riesigsten aller Urzeitriesen und schickt nun das rekonstruierte Skelett eines solchen auf Tour. Seit Mittwoch ist das spektakuläre Ungetüm in Rosenheim zu bewundern. Dass dies nun aber der absolut größte bekannte Saurier sei, will indes auch Bernd Herkner keineswegs behaupten.
Der Paläobiologe vom Frankfurter Senckenberg-Institut hat die Ausstellungsmacher wissenschaftlich beraten, doch gesteht er etwa auch seinen Kollegen im Berliner Naturkundemuseum ihren Superlativ zu: „Die Berliner sagen auch, sie hätten mit ihrem Brachiosaurus den größten Dinosaurier. Das war sicher nicht der größte, aber trotzdem haben sie recht. Denn es ist das größte vollständige Skelett - es gibt keinen anderen Dinosaurier, der so groß und so vollständig ist.“ Dabei meint „Größe“ hier vor allem „Höhe“. Was die Länge angeht, so ist der gut 27 Meter lange nordamerikanische Diplodocus dem in Tansania gefundenen Berliner Saurier mindestens ebenbürtig.
Mit der Länge ist es so eine Sache
Argentinosaurus huinculensis war bestimmt länger, da sind sich die Forscher einig, obwohl bislang nur wenige Teile seines Skeletts gefunden wurden. Immerhin zeigen sie, dass das Tier zu den Titanosauriden gehörte. Vor denen gibt es kleinere, vollständiger erhaltene Vertreter, anhand derer sich auf die Größe eines Argentinosaurus schließen lässt. „Das ist aber so eine Sache“, sagt Herkner. „Wenn man da jeden Wirbel ein bisschen dicker macht, wird das Tier länger.“
So kommt es, dass die Rosenheimer Rekonstruktion 36 Meter misst, einige Fachveröffentlichungen die Länge des Argentinosaurus dagegen mit 30 Metern angeben. So oder so spielt der Argentinier damit keineswegs allein in seiner Liga. Denn mit Seismosaurus hallorum aus New Mexico und Supersaurus vivianae aus Colorado und Wyoming wurden Verwandte des Diplodocus beschrieben, deren Länge Kenneth Carpenter vom Denver Museum of Nature and Science in einer Veröffentlichung aus dem Jahr 2006 auf 33,5 beziehungsweise 32,5 Meter schätzt. Von keinem gibt es allerdings ein vollständiges Skelett.
Ausgewachsen waren sie nie
Selbst wenn es das gäbe, wäre die Frage des Rekordes damit wohl kaum beantwortet, was man an den größten Raubsauriern sieht. Bei denen ist die Fundsituation nicht ganz so spärlich wie bei den größten pflanzenfressenden Sauropoden, also etwa dem Argentinosaurus. Dennoch fallen Herkner spontan nicht weniger als sieben Gattungen aus verschiedenen Erdteilen ein, von denen jede für den Titel des Größenchampions unter den fleischfressenden Dinosauriern in Frage käme. Es kommt eben immer drauf an, was man misst: „Der Schädel des Giganotosaurus ist 1,80 Meter lang“, sagt Herkner, „und damit länger als der von Tyrannosaurus rex. Daher sagen die Argentinier, sie haben den größten. Gut, aber dafür hat der Tyrannosaurus einen höheren Schädel und längere Zähne - und war vielleicht sogar schwerer.“
Hinzu kommt, dass Dinosaurier - ähnlich wie heute noch Krokodile - nie auswuchsen, sondern mit zunehmendem Alter immer weiter, wenn auch immer langsamer, an Größe zulegten. Allerdings scheinen die Wachstumsraten je nach Dinosauriergruppe sehr unterschiedlich gewesen zu sein, was es gerade bei verwandten Gattungen und dürftiger Fundlage schwierig macht, etwas darüber zu sagen, welche die größeren Individuen hervorbrachte. „Auch da eiert man ziemlich herum“, meint Herkner.
Nach dem Rückenwirbel zu schließen: 58 Meter lang
Für Kenneth Carpenter allerdings lässt sich die Frage nach dem größten Dinosaurier durchaus klar beantworten: Es ist ein Sauropode, dessen Reste 1878 in Colorado gefunden wurden und den der berühmte Paläontologe Edward Drinker Cope sogleich als Amphicoelias fragillimus beschrieb. Das Problem ist nun, dass Cope sich nur auf einen einzigen Rückenwirbel stützen konnte - und dass sein Artikel vom August 1878 die einzige Information ist, die bis heute über A. fragillimus verfügbar ist. Der Wirbel selbst ist verschwunden, ebenso wie ein Oberschenkelfragment, das Cope später fand. Die Fossilien steckten in einer Schicht bereits stark verwitterten Tonsteins, waren entsprechend fragil, und Konservierungsmittel wurden bei den Fossiliensuchern erst später üblich. Wahrscheinlich ist der Riesenwirbel dem Forscher bei der Untersuchung schlicht zerbröselt.
Nun reicht aber mitunter auch ein einzelner Knochen für gewisse Schlüsse auf den Besitzer. Demnach war A. fragillimus mit Diplodocus verwandt, sein Rückenwirbel mit 2,7 Metern Höhe jedoch um einiges größer. Daraus schätzt Carpenter ab, dass das Tier 58 Meter lang und 122 Tonnen schwer war.
Jenseits von 100 Tonnen wird es physikalisch grenzwertig
Kann es so ein Wesen überhaupt geben? Immerhin liegt sein geschätztes Gewicht bereits im Bereich der theoretischen Obergrenze für Landtiere, die nach Berechnungen des finnischen Physikers Jyrki Hokkanen zwischen 100 und 1000 Tonnen liegt.
Mancher hat Copes Fund auch deswegen angezweifelt, weil der Paläontologe aus Philadelphia damals, in den 1870er Jahren, mit seinem Landsmann Othniel Charles Marsh in einem aggressiven Wettlauf um die spektakulärsten Fossilienfunde lag. Die Forscherfehde wurde später als die „Bone Wars“ (Knochenkriege) bekannt, da die Rivalen auch vor rabiaten Methoden wie Sabotage nicht zurückschreckten. Dennoch glaubt Carpenter nicht, dass Cope den Wirbelfund nur vorgetäuscht hat. „Marsh, der jede Gelegenheit nutzte, Cope zu demütigen, hat diese Messwerte nie angezweifelt“, schreibt Carpenter. Zudem habe er Cope ausspionieren lassen und daher möglicherweise schon vor der Veröffentlichung von der enormen Größe dieses Wirbels gewusst.
„Wir wissen nicht, wie die das gemacht haben“
So kann man vielleicht doch davon ausgehen, dass es solch einen Riesensaurier gegeben haben muss. Daran zweifelt indes auch Bernd Herkner nicht, der Copes Fund für problematisch hält. Für ihn weisen fossile Fußspuren darauf hin, dass Argentinosaurus & Co. noch nicht die riesigsten Tiere waren, die je über den Planeten stapften.
Physiologisch geben aber bereits die gut belegten Riesensaurier Rätsel auf, zumal der Sauerstoffgehalt der Erdatmosphäre zu ihren Zeiten niedriger war als heute. „Wenn ihre Lungen wie bei Vögeln nach dem Gegenstromprinzip funktionierten - und damit zehnmal effizienter waren als Lungen, wie wir sie haben -, dann kann es durchaus sein, dass das geht“, sagt Herkner. Ungelöst ist dagegen die Sache mit dem Herzen. Um Blut durch solch gewaltige Körper zu pumpen, müssten die Herzwände dieser Tiere eine Stärke von 40 Zentimetern gehabt haben - zu viel, um noch flexibel zu sein. „Wir wissen nicht, wie die das gemacht haben“, sagt Herkner. „Aber irgendwie haben sie es gemacht, denn es hat sie ja gegeben.“
Ulf von Rauchhaupt Jahrgang 1964, verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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