Der Sommer ist noch nicht vorbei, aber wenn die Meteorologen Ende August Bilanz ziehen, wird sie für Deutschland wohl ähnlich ausfallen wie schon im Vorjahr: viel zu nass. Was dem Menschen ein Ärgernis ist, ist dem Feuersalamander Anlass zur Freude. Das Amphibium ist weitgehend auf das Leben an Land umgestiegen, doch mit seiner noch sehr durchlässigen Haut muss es sich vor Sonne und Trockenheit hüten. Tagsüber lässt sich der Salamander in seinem natürlichen Lebensraum, den Laubwäldern Mittel- und Südeuropas, lediglich bei Regenwetter blicken. Aus seinem Versteck unter Totholz, in Felsspalten oder verlassenen Mauselöchern kommt Salamandra salamandra sonst nur nachts, um sich auf die Pirsch zu begeben. Kerbtiere, Nacktschnecken und Würmer sind seine bevorzugte Beute.
Die unterschiedliche Wertschätzung für Regen wird ein Grund sein, warum sich Mensch und Salamander auch in den deutschen Mittelgebirgsregionen, wo der Lurch nach wie vor stark präsent ist, kaum begegnen. Dieser Mangel an eigener Anschauung dürfte zur Legendenbildung beigetragen haben.
So beschreibt Plinius der Ältere in seiner „Naturalis historia“ (um 77 n. Chr. entstanden) zwar zutreffend des Salamanders Faible für Regen. Dann jedoch wird es wunderlich: „Er ist so kalt, dass er wie Eis durch bloße Berührung Feuer auslöscht. Der Schleim, welcher ihm wie Milch aus dem Maule läuft, frisst die Haare am ganzen menschlichen Körper weg; die befeuchtete Stelle verliert die Farbe und wird zum Male. Unter allen giftigen Tieren sind die Salamander die boshaftesten. Andere verletzen nur einzelne Menschen und töten nicht mehrere zugleich, der Salamander hingegen kann ganze Völker vernichten, falls diese sich nicht vorsehen. Wenn er auf einen Baum kriecht, vergiftet er alle Früchte, und wer davon genießt, stirbt vor Frost.“
Die Legende vom brandhemmenden oder zumindest feuerfesten Schwanzlurch fand sich später in den Bestiarien des Mittelalters wieder. Das waren reichillustrierte Bücher, in denen echte oder vermutete Eigenschaften von Tieren mit der christlichen Heilslehre in Verbindung gebracht wurden. Der feuerfeste Salamander stand hier allegorisch für die durch einen starken Glauben verliehene Unantastbarkeit. Ansonsten galten Salamander aber ganz im Sinne von Plinius meist als gefährliche Giftspritzer und essentielle Zutat für die Zaubertränke von Hexen und Alchemisten.
Es gibt unzählig viele Legenden über die Salamander
Noch in Lorenz Okens „Allgemeiner Naturgeschichte für alle Stände“ aus dem Jahr 1836 wird berichtet, dass Kinder nach dem Genuss von Wasser aus einem von Feuersalamandern bewohnten Brunnen binnen Stunden gestorben seien. Und der recht aufgeklärte Alfred Brehm berichtet in seinem „Thierleben“ skeptisch von einem gewissen Dr. Scheffers, der allen Zweiflern an den alten Salamandergeschichten ein mittelmäßiges, dummes und dünnes Gehirn sowie einen mangelnden Umgang mit gelehrten und gereisten Personen unterstelle. Der Imagewandel vollzog sich aber erst im 20. Jahrhundert - mit der Werbefigur Lurchi. Allerdings haben die Märchen vom brunnenvergiftenden Salamander einen wahren Kern. Vertreter der Gattung Salamandra können bei Gefahr ein giftiges Sekret aus Drüsen am Ohr sowie am ganzen Körper absondern und tatsächlich etliche Zentimeter weit spritzen. Der darin enthaltene Wirkstoff, das Alkaloid Samandarin, verursacht auf der menschlichen Haut jedoch allenfalls ein leichtes Brennen.
Unerfreulicher wird es, wenn jemand das Sekret schluckt, dann drohen Übelkeit und Erbrechen. Für Hunde und Katzen, die sich von den im Tierreich weitverbreiteten Warnfarben Gelb und Schwarz und dem üblen Geschmack nicht abschrecken lassen, kann eine Samandarin-Vergiftung unter Umständen den Tod bedeuten. Ausgewachsene Salamander haben dank ihres Giftes kaum natürliche Feinde. Bis dessen Produktion aber angelaufen ist, müssen sich die Jungtiere vor Nachstellungen in Acht nehmen. Sie schlüpfen im Gegensatz zum typischen Amphibiennachwuchs nicht aus abgelegtem Laich, sondern kommen nach einer Tragzeit von rund acht Monaten bereits weit entwickelt zur Welt; kleine Waldgewässer sind die Kinderzimmer dieser noch mit Kiemen atmenden Larven.
Manche Mütter können ganz auf die Suche nach solchen Feuchtgebieten verzichten. Weibchen des Oviedo-Feuersalamanders, einer nordspanischen Unterart, sowie des schwarzen Alpensalamanders (Salamandra atra) bringen an Land wenige, dafür vollständig ausgebildete Jungtiere zur Welt. „Solche vollmolchgebärenden Formen sind aber auch von anderen Unterarten des Feuersalamanders bekannt. Je nach Verfügbarkeit passender Gewässer haben sich in der jüngsten Salamander-Evolution offenbar recht unterschiedliche Fortpflanzungsstrategien bewährt“, sagt Sebastian Steinfartz von der Universität Bielefeld.
Große Unterschiede in den Fortpflanzungsstrategien
Der Biologe hat sich lange mit der Entstehungsgeschichte der zahlreichen Formen von Feuersalamandern beschäftigt. Seit Ende der letzten Eiszeit vor rund 12 000 Jahren haben sie sich vom Mittelmeerraum aus in Europa verbreitet. Dabei entstand ein Artenkomplex, in dem Systematiker zurzeit fünfzehn Unterarten des eigentlichen Feuersalamanders Salamandra salamandra unterscheiden, wobei die Muster der gelb-schwarzen Zeichnung nur subtil variieren.
Außerdem zählt man fünf nahverwandte Spezies wie den Alpensalamander oder den korsischen Feuersalamander, der bis vor einigen Jahren noch als Unterart seines nördlicheren Verwandten gehandelt wurde. „Die Abgrenzungen sind alles andere als eindeutig und in steter Bewegung“, sagt Steinfartz.
Dem Bielefelder Evolutionsbiologen bieten die Salamander eine gute Gelegenheit, um die Entstehung neuer Arten zu studieren. Dafür muss Steinfartz inzwischen nicht mehr so häufig durch ganz Europa reisen, denn im Kottenforst bei Bonn hat er ideale Studienobjekte gefunden. Dort leben zwei Formen des klassischen gefleckten Feuersalamanders, deren Äußeres sich kaum unterscheidet, ihre Fortpflanzungsstrategien aber umso mehr.
Während sich die eine wie nach Lehrbuch verhält und sauerstoffreiche Bäche und Quellen für die Geburt aufsucht, entlässt die zweite Form ihre Jungen nach Art mancher Flachlandsalamander in kleine Stehgewässer, Gräben oder Traktorspuren.
Die Larven dieser Tümpelvariante sind nicht nur an einen geringeren Sauerstoffgehalt und andere Futtertiere angepasst, sondern auch ausgereifter. Droht eine Austrocknung ihres Gewässers, können sie sich dementsprechend schneller in landlebende Jungsalamander verwandeln. „Diese Unterschiede sind selbst dann noch zu erkennen, wenn man Tiere beider Typen im Labor unter identischen Bedingungen aufzieht. Sie sind also nicht nur das Ergebnis unterschiedlicher Umweltbedingungen, sondern offensichtlich genetisch fixiert“, erklärt Steinfartz.
Eine abweichende genetische Ausstattung aber würde bedeuten, dass sich die zwei Formen im Kottenforst kaum noch miteinander kreuzen und dass sie auf besten Weg sind, eigenständige Arten zu werden. Eine Vermutung, die Steinfartz mit Hilfe von genetischen und verhaltensbiologischen Studien auch bestätigen konnte: „Die Salamander aus dem Kottenforst sind damit ein seltenes Beispiel für eine sogenannte sympatrische Artbildung, bei der sich eine Ursprungsart innerhalb
eines gemeinsamen Lebensraumes in zwei Arten aufteilt.“ Der deutschstämmige Evolutionsbiologe Ernst Mayr (1904 bis 2005) prägte diesen Begriff ursprünglich aus rein theoretischen Erwägungen. Inzwischen fanden sich in der Natur aber auch lebende Beweise für dieses Modell, das sich von der klassischen, auf Darwin zurückgehenden allopatrischen Artentstehung unterscheidet. Bei Letzterer teilt sich eine Art in geographisch getrennte Populationen auf, die sich mehr und mehr auseinanderentwickeln. Unter dem Einfluss selektionierender Faktoren entstehen schließlich eigenständige Spezies, die sich nicht mehr mischen können, sollten sie später wieder aufeinandertreffen.
Entfremdung durch geographische Gegebenheiten
Dass schwer überwindbare Erdspalten, Flussschleifen oder Hügel die Entfremdung fördern, leuchtet ein. Wie aber Tierpopulationen ohne räumliche Trennung an einen solchen Punkt ohne Wiederkehr gelangen können, ist für Evolutionsbiologen noch immer eine Knacknuss. Im Fall der Bonner Feuersalamander wäre denkbar, dass natürliche Auslese sowohl die eine als auch die andere Fortpflanzungsform fördert, nicht aber einen vermeintlich goldenen Mittelweg - also Tiere, deren Larven sich mittelschnell entwickeln und mal in Tümpel, mal in Bäche abgesetzt werden. Der Genfluss zwischen den beiden Lurchtypen ist jedenfalls weitgehend versiegt, das kann Steinfartz mit seinen bereits veröffentlichten Daten belegen.
Stellt sich die Frage: Wie vermeiden die im selben Gebiet lebenden Amphibien ihre Vermischung, wenn sie sich äußerlich gleichen? Wahrscheinlich sei, dass sich Männchen und Weibchen des jeweiligen Typs am Geruch erkennen, vermutet Steinfartz. Für diese Hypothese sprechen auch die ersten Ergebnisse aus Versuchen zur Geruchspräferenz beider Geschlechter.
Die mit dem Ende der letzten Eiszeit in Schwung gekommene Evolution des Feuersalamanders schreitet also weiter voran. Und vielleicht trägt die besondere Wandelbarkeit dazu bei, dass der wie alle Amphibien unter Naturschutz stehende Feuersalamander in Deutschland noch recht häufig vorkommt; in der Roten Liste bedrohter Tierarten wird er bundesweit als nicht akut gefährdet eingestuft. Lediglich im Norden und Osten der Republik sowie in Oberbayern gibt es größere Lücken im Verbreitungsgebiet. Zu schaffen macht den Lurchen allerdings der Verlust geeigneter Gewässer für die Larvenentwicklung. Den Sprung zur vollmolchgebärenden Spezies haben die beiden deutschen Unterarten noch nicht vollzogen.