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Veröffentlicht: 28.09.2014, 00:49 Uhr

Rotmilan Im Schwebeflug zwischen Wald und Flur

Der Rotmilan hat in Europa seine Heimat. Doch sich wandelnde Kulturlandschaften bedrohen den Bestand. In Deutschland hat man die Gefahren erkannt und erste Maßnahmen ergriffen.

von Diemut Klärner
© Eckhard Gottschalk Rotmilan auf im Schwebeflug auf Beutezug

Das deutsche Wappentier ist der Adler. Typischer für Deutschland ist allerdings ein anderer Greifvogel, der Rotmilan. Dieser rare Vogel – an seinem rostroten, tief gegabelten Schwanz leicht zu erkennen – zählt zu den Tierarten, für die Deutschland eine besondere Verantwortung hat: Weltweit wird die Zahl der Brutpaare auf kaum mehr als zwanzigtausend geschätzt, von denen über die Hälfte hierzulande zu Hause ist. Den Winter verbringen die meisten Rotmilane zwar in Südeuropa. Im Frühling und Sommer lassen sie sich aber am ehesten in Deutschland beobachten, vor allem in Sachsen-Anhalt, Südniedersachsen, Thüringen und Hessen. Durchaus Kulturfolger, brütet der Rotmilan manchmal auf einem Baum, der mitten in einem Dorf steht. Mitunter streift er sogar, auf der Suche nach nahrhaften Happen, über Stadtgebiet.

Abwechslungsreiche Verpflegung

Seit den neunziger Jahren ist der Rotmilan jedoch vielerorts seltener geworden. Anscheinend leidet er ähnlich wie Rebhühner und Feldlerchen darunter, dass sich die Agrarlandschaft rasant verändert. Herauszufinden, was ihm das Leben schwer macht, das haben sich Wissenschaftler um Eckhard Gottschalk und Nicole Wasmund von der Abteilung Naturschutzbiologie der Universität Göttingen vorgenommen (www.rotmilanprojekt.de). Im Jahr 2009 begannen sie, die Rotmilane im nahegelegenen Vogelschutzgebiet „Unteres Eichsfeld“ zu studieren. Bei sechs Nestern gelang es dort, mit einer Videokamera hineinzuschauen, während die Jungen heranwuchsen. In einem konnte Nicole Wasmund das Familienleben der Rotmilane sogar vier Jahre in Folge beobachten.

Weil Rotmilane auf hohen Bäumen brüten, galt es zunächst, dort hinaufzuklettern, um einen halben Meter vom Nest entfernt eine Videokamera zu installieren. Auf den Filmaufnahmen konnten die Forscher um Gottschalk sehen, welche Leckerbissen die Vogeleltern nach einem Jagdausflug ihren Jungen mitbrachten. Anders als beim Mäusebussard, der seinem Namen alle Ehre macht, erwies sich die Verpflegung der Nestlinge als erstaunlich abwechslungsreich: Außer Mäusen wurden zum Beispiel auch mal Maulwürfe oder Ratten verfüttert sowie diverse Vögel, vor allem junge, die noch unbeholfen umherflattern. Mal gab es einen Frosch, mal einen Fisch, und bisweilen wurden die Sprösslinge der Rotmilane sogar mit Regenwürmern abgespeist.

Rotmilan Jungen © E. Gottschalk, N. Wasmund, A.-K. Schmidt Vergrößern Die Jungen geben sich nicht mit Regenwürmern zufrieden.

Auch tote Tiere sind für den Rotmilan ein gefundenes Fressen. Er verhält sich wie ein kleiner Geier und akzeptiert auch das, was Rabenkrähen und andere Konkurrenten verschmähen. Auf den Videoaufnahmen sind auch junge Rotmilane zu sehen, die lange, sperrige Knochen herunterwürgen oder die Wirbelsäule eines Hasen. Sie können solch harte Brocken vollständig verdauen und die darin enthaltenen Mineralstoffe, Fette und Proteine für ihren eigenen Stoffwechsel nutzen. Wenn ein Rotmilan auf der Straße nach Futter sucht, kann ihm das freilich zum Verhängnis werden. Während er sich aus einem überfahrenen Fuchs oder Igel einen Happen herauspickt, kommt er mitunter selbst unter die Räder.

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