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Rinderseuche Tote Kühe, kranke Höfe?

14.07.2011 ·  Rätselraten und Streit um eine Seuche, die manche Experten für keine halten: Chronischer Botulismus soll Kühe befallen, die sich mit Futter infizieren. Oder soll die Seuche doch eher von Managementfehlern in den betroffenen Landwirtwirtschaftsbetrieben ablenken?

Von Christina Hucklenbroich
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Ein paar Blätter wehen im Herbstwind vor der Kamera her. Dahinter leer stehende Kuhställe, verwaiste Wiesen. Die Fernsehsendung "Report Mainz" untermalt diese ersten Bilder mit einem melancholischen Klavierstück. Es ist die Geschichte der Brüder Heiko und Heinrich S. aus Schleswig-Holstein, die innerhalb von zwei Jahren einen Bestand von tausend Rindern verloren haben. Die Tiere litten angeblich an Infektionen mit dem Bakterium Clostridium botulinum; ein Teil verendete, ein Teil musste getötet werden. Auch die beiden Landwirte sollen sich angesteckt, unter Muskelzuckungen und Schwäche gelitten haben. Das sagen die Brüder S. selbst, bestätigt wird es von Experten verschiedener Universitäten. Die Reportage wurde im vergangenen Herbst gesendet.

Seitdem hat die Debatte über Botulismus in Rinderbeständen an Fahrt gewonnen - vor allem in veterinärmedizinischen Fachkreisen, wo die Erkrankung als "neu aufkommende Zoonose" firmiert. Jetzt ist auch das Bundesinstitut für Risikobewertung an die Öffentlichkeit getreten und hat einen Frage-Antwort-Katalog zum Thema online publiziert: Zahlen über die Verbreitung gebe es nicht, Forschungsbedarf sei vorhanden, von Milch und Rindfleisch gehe keine Gefahr aus.

Eine neue Zoonose, die Menschen befällt?

Der Ton ist so sachlich, wie er es in anderen Gruppen, die mitdiskutieren, längst nicht mehr ist. Es geht inzwischen um die Frage, ob eine neue Zoonose in der Welt ist - eine Tierseuche, die auf Menschen übertragen wird. Ein Name für die Krankheit ist schon gefunden: Man spricht von "chronischem Botulismus" im Unterschied zur klassischen, akuten Erkrankungsform. Clostridium botulinum ist ein sporenbildendes Bakterium, das in Böden und auch im Darm gesunder Menschen und Tiere vorkommt. Typische Quellen für das Toxin sind Konserven, in denen Clostridien überlebt haben und das Gift bilden. Oral aufgenommen, hemmt es die Erregungsübertragung von Nerven- zu Muskelzellen, wodurch es zu Lähmungen bis hin zum Ersticken kommt. Tiere erkranken meist, nachdem sie Futter gefressen haben, in dem sich erregerhaltige Kadaver befinden.

"Die Verfechter der neuen Botulismusform nehmen an, dass es beim Rind unter bestimmten Bedingungen im Darm zur Vermehrung des Erregers und zur Toxinbildung kommen kann", erklärt Christian Seyboldt vom Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) in Jena. "Durch kontinuierliche Toxinresorption soll sich dann eine chronische Botulismusform ausbilden können, die unspezifische Symptome hervorruft." Auch das FLI veröffentlichte im Mai eine Erklärung zum Rinderbotulismus. Das Fazit: "Die Hypothese ist plausibel, aber nicht belegt", sagt Tierarzt Seyboldt.

Rinderbotulismus erstmals vor zehn Jahren beschrieben

Das Krankheitsbild des chronischen Rinderbotulismus wurde erstmals im Jahr 2001 von Helge Böhnel von der Georg-August-Universität Göttingen im "Journal of Veterinary Medicine" beschrieben. Die Symptome seien Verdauungsprobleme, Klauenentzündungen, Abmagerung und Apathie. Der Wissenschaftler stellte Botulinumtoxin im Darm von Kühen fest. Das konnte allerdings von anderen Laboren nicht nachvollzogen werden. "Der Toxinnachweis ist dabei ein zusätzliches Problem." Als Goldstandard gilt ein Bioassay mit Mäusen. "Die Methode ist komplex und funktioniert nicht in allen Laboren gleich", so Seyboldt.

Inzwischen stehen mehrere Lehrmeinungen nebeneinander. Einige Wissenschaftler halten den Botulismus für ein Feigenblatt, das von Managementfehlern in Landwirtschaftsbetrieben ablenken soll. Veterinärmediziner der Universität Leipzig hingegen haben Clostridium botulinum mittels Elisa-Verfahren im Verdauungstrakt erkrankter Rinder nachgewiesen und glauben, dass sie sich dort dank einer Dysbiose - einer Störung der Keimflora - etablieren konnten. Nach deren Wurzeln müsse nun gefahndet werden.

Für Streit sorgt vor allem das unklar definierte Krankheitsbild. "Diese Gesundheitsproblematik in Tierbeständen gibt es offenbar", sagt Juliane Bräunig, die am Bundesinstitut für Risikobewertung die Fachgruppe "Mikrobielle Toxine" leitet. "Ob das Botulismus ist oder eine multifaktorielle Erkrankung, das kann man im Moment nicht endgültig sagen." Die Diskussion verweist auf grundlegende Schwierigkeiten der Nutztierhaltung. Hochleistungskühe sind besonders schwierig zu halten. "Botulismus zu diagnostizieren, ist die ,kleine Lösung'", sagt Hans Treinies vom Veterinäramt des Kreises Steinburg in Schleswig-Holstein. "Sie entbindet davon, das ganze System zu durchdenken und die Tiere zum Beispiel in unterschiedlichen Leistungsklassen zu füttern, kranke Tiere abzusondern oder hygienische Abkalbeboxen einzurichten."

Inzwischen gibt es aus verschiedenen Bundesländern Berichte über Verdachtsfälle. Im März war der chronische Botulismus Gegenstand einer "kleinen Anfrage" im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern. Gefragt wurde, warum die Erkrankung nicht als Tierseuche anerkannt werde. Vielen Betroffenen wäre das Recht: Sie könnten im Krankheitsfall Entschädigungsforderungen an die Tierseuchenkassen stellen.

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Jahrgang 1978, Redakteurin im Ressort „Natur und Wissenschaft“

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