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Quallen Mit Schirm, Tentakeln und Harpune

11.04.2005 ·  Quallen gehören nicht gerade zu den beliebtesten Lebewesen. Wer einmal in ihre Fänge geriet, weiß auch warum. Obwohl sie fast nur aus Wasser bestehen, haben sie doch erstaunliche Fähigkeiten entwickelt.

Von Georg Rüschemeyer
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Rauf - und gleich wieder runter. Und wieder rauf. Und wieder runter. Das Leben einer Qualle im Berliner Zoo ist ein einziges Auf und Ab. "Wir müssen die Tiere in Bewegung halten, um sie mit ihrem Futter in Kontakt zu bringen", erläutert Tierpfleger Christian Heller die Konstruktion der Spezialaquarien, in denen seine Schützlinge leben. Wasser aus der Filteranlage strömt aus feinen Düsen am Boden in das Becken zurück und hebt die Tiere sanft in die Höhe. Ein Deut zuviel Strömung, und die filigranen Wesen werden in Schleimfetzen gerissen, ein Deut zuwenig, und sie bleiben in einer geschützten Ecke liegen und verenden.

Nicht nur wegen des fragilen Körperbaus gehört die Haltung und Vermehrung von Quallen zu den Königsdisziplinen der Aquaristik. Weltweit trauen sich das außer den Berlinern nur wenige Großaquarien zu. Denn auch was Futter und Wasserqualität angeht, sind die Gallertwesen ausgesprochen heikel. Oft gingen sie ohne ersichtlichen Grund ein, sagt Quallenspezialist Heller. Oder sie leiden unter Antriebsschwäche: "Die jungen Spiegeleiquallen hier zum Beispiel entwickeln im Verhältnis zu ihren Tentakeln viel zu kleine Schirme und pumpen nur schwach und unregelmäßig. Ohne die Strömung im Becken könnten sie sich nie im freien Wasser halten." Sehr viel leichter hätten es da die Kollegen an der Küste, etwa die vom kalifornischen Monterey Bay Aquarium mit seiner weltberühmten Quallensammlung. "Die tuckern einfach aufs Meer hinaus und holen sich kerngesunden Nachschub. Mit der Nachzucht müssen die sich kaum abmühen."

Zwei Daseinsformen

Die Berliner Quallen dagegen stammen komplett aus der Zucht. In einem weiß gekachelten Hinterraum, dessen feuchtwarme Luft sofort die Brille beschlagen läßt, kreisen die Jungtiere einige Wochen bis Monate in kleinen Glasbehältern, bis aus kaum sichtbaren Larven vorzeigbare Ohren-, Kompaß- oder Spiegeleiquallen herangewachsen sind. Vor allem aber führen die Tiere hier ihr stammestypisches Doppelleben.

Denn die mehr oder minder auffällige, durch das Wasser schwebende Meduse ist lediglich eine von zwei Daseinsformen der meisten Quallenarten (siehe Grafik „Fortpflanzung der Qualle“). In ihrem anderen Leben sitzen die Nesseltiere als winzige Polypen in Küstennähe auf Felsen und Steinen und fischen mit ihren Fangarmen Kleinkrebse und Plankton aus dem Wasser. Steht ein Polyp gut im Futter, schnürt er von seinem Körper Nachkommen ab. Ephyra werden diese Larven genannt, aus ihnen entstehen die filigranen Medusen, die als eigentliche Geschlechtstiere später millionenfach Eier und Spermien in das freie Wasser abgeben. Aus dem befruchteten Ei entsteht ein weiterer Larventyp, die sogenannte Planula, die nicht viel mehr ist als ein flacher Zellhaufen ohne Organe, der sich mit Hilfe winziger Wimpernhaare fortbewegt. In Ermangelung eines Mundes oder Magens muß die Planula mit Speicherstoffen in ihren Zellen auskommen und deshalb bald einen geeigneten Platz finden, an dem sie sich zum Polypen auswachsen kann. Durch Teilung vermehren sich viele Arten auch in diesem Lebensabschnitt. Bestimmte und von Art zu Art unterschiedliche Umweltreize veranlassen den Polypen schließlich, die nächste Generation von Medusen abzuschnüren.

Siegertypen der Evolution

Wegen ihres Doppellebens wurden Meduse und Polyp von frühen Naturforschern häufig als eigene Arten beschrieben; noch heute sind die Polypenformen mancher Quallen unbekannt. Erschwerend kommt hinzu, daß viele Nesseltiere eine der beiden Lebensformen ganz eingespart haben. So entwickeln sich aus den Eiern mancher Quallen direkt wieder kleine Medusen. Andererseits kennen manche Arten nur ein Leben als Polyp. In diese größte Klasse der Nesseltiere fallen neben den Seeanemonen auch die Korallen, deren Riffbauten bekanntlich die größten von Lebewesen geschaffenen Bauwerke der Erde sind.

Mit ihrem je nach Bedarf abgewandelten Lebens- und Bauplan gehören die Nesseltiere zu den Siegertypen der Evolution. Quallenähnliche Lebewesen schwammen schon vor einer halben Milliarde Jahren in den Urozeanen. Ihre Abdrücke in Sedimentgesteinen gehören zu den ältesten Fossilien mehrzelliger Lebewesen überhaupt. Neben ihrem Doppelleben, das die Vorteile von seßhafter und mobiler Lebensweise vereint, dürfte der simple, aber effiziente Aufbau der Glibbertiere zu ihrem Erfolg beigetragen haben. Je eine einzige Zellschicht kleidet Magenraum und Körperoberfläche aus, dazwischen liegt eine mehr oder minder feste Gallerte aus Proteinen, Zuckern und vor allem sehr viel Wasser. Diese als Mesogloea bezeichnete Stützschicht verleiht den Tieren ihre Stabilität und dient den über den ganzen Körper verteilten Muskelfasern als Widerlager. Auch das Nervensystem der Quallen ist nicht mehr als ein gleichmäßig über den gesamten Körper verteiltes Netz von Neuronen, das die Tiere aber immerhin dazu befähigt, ihre Bewegungen zu koordinieren und dabei Informationen aus ihren Licht- und Schweresinnesorganen zu verarbeiten.

Zelle, Individuun oder Superorganismus?

Eine Sonderstellung unter den Nesseltieren nehmen dabei die Staatsquallen ein. Die für ihr Gift berüchtigte Portugiesische Galeere Physalia beispielsweise kann sogar navigieren: Ihre bis zu 50 Meter langen Fangtentakel hängen unter einer von Chitin umhüllten Gasblase. Diese an die 30 Zentimeter lange, bläulich schimmernde Luftwurst dient nicht nur als Auftriebskörper, sondern auch als Segel, mit dem Physalia mit bis zu 40 Grad am Wind laufen kann.

Noch ungewöhnlicher als ihre nautischen Fähigkeiten ist der Aufbau von Physalia aus einer Unzahl einzelner Polypen und nicht abgelöster Medusen. Wie die Organe eines Superorganismus übernehmen bei der Portugiesischen Galeere unterschiedliche Kasten von Individuen verschiedene Aufgaben wie Beutefang, Fortpflanzung oder Verdauung - eine Arbeitsteilung, wie man sie sonst nur von wesentlich höher entwickelten sozialen Insekten kennt. Vielleicht prädestiniert aber gerade die zoologische Stellung an der Basis der mehrzelligen Lebensweise die Quallen zum sozialen Leben - schließlich war auch der erste Mehrzeller nicht viel mehr als ein lockerer Zusammenschluß kooperierender Einzeller, ein Zustand, dem Schwämme noch heute sehr nahe kommen. Entsprechend unscharf ist auf diesem Entwicklungsstand die Grenze zwischen Zelle, Individuum und Superorganismus.

Entscheidender Vorteil: Die Nesselkapseln

Bei aller Vielgestaltigkeit teilen sich Quallen, Anemonen und Korallen doch eine entscheidende Erfindung, dank der sie sich im Wettkampf der Evolution auf die faule Haut legen und ihren uralten Bauplan beibehalten konnten: Nesselkapseln. Beim Baden im Meer kann man mit diesen einzigartigen Miniaturgeschossen unangenehme Erfahrungen machen. Neben der Verteidigung gegen vermeintliche und echte Feinde dienen sie vor allem dem Fang von Beutetieren (siehe Grafik "Giftschleuder Nesselkapsek").

Quallenforscher unterscheiden an die 30 verschiedene Typen von Nesselkapseln. Bei aller Komplexität sind sie das Sekretionsprodukt einer einzigen Zelle. Mögliche evolutionäre Vorläufer finden sich auch bei manchen Einzellern wie dem Pantoffeltier Paramecium, das bei Gefahr Hunderte kleiner Proteinfäden ausstoßen kann.

Immens starke Gifte

Die Gifte, die über den Nesselschlauch in das Beutetier injiziert werden, gehören zu den stärksten im Tierreich. So reichen bereits anderthalb tausendstel Gramm des Toxins der Australischen Seewespe, um einen erwachsenen Menschen zu töten. Innerhalb von Minuten setzen bei den Opfern Atemlähmungen ein, der Herzschlag wird schwach, viele werden nur noch tot an Land gezogen. Im günstigsten Fall hinterlassen die Tentakel lebenslange Narben auf der Haut, die jenen von Verbrennungen zweiten und dritten Grades gleichen.

Die Seewespe, die zu den Würfelquallen gehört, ist nicht aus Bösartigkeit zum giftigsten Tier der Welt geworden. Der wahre Grund liegt in der Spezialisierung der Würfelquallen auf die Fischjagd. Damit die Beute nicht entkommen kann, muß sie beim ersten Kontakt mit den Nesselzellen bewegungsunfähig gemacht werden. Dem Festhalten dienen dabei dehnbare Proteinfäden, die wie die Fangleine einer Harpune wirken.

Massenvermehrungen häufen sich

Die meisten Quallenarten allerdings haben es auf kleinere Beute abgesehen, die sie passiv aus dem Wasser angeln. Ihre Gifte sind schwächer, den Nesselkapseln vieler Arten fehlt die Kraft, die Haut eines Menschen zu durchschlagen. Doch auch solche Vertreter der Nesseltiere können unangenehm werden, wenn sie in Massen auftreten. Die Polypen der Ohrenqualle etwa bevölkern die Kieler Bucht gerade dann massenhaft mit Jungmedusen, wenn die Heringsbrut aus ihren Eiern schlüpft. In manchen Jahren endet fast die Hälfte aller Jungheringe in den Gastraltaschen der schleimigen Räuber. Massenvermehrungen von Quallen treten in den letzten Jahrzehnten weltweit gehäuft auf, über die Gründe allerdings streiten sich die Gelehrten. Der vermehrte Eintrag von Nährstoffen könnte ihre Planktonnahrung besser gedeihen lassen, ähnlich dürfte sich die Überfischung der Ozeane auswirken.

Für die Fischerei können Quallen auch sonst zum Problem werden: Ihre Gallertmassen verstopfen die Netze. An der Küste legen sie mitunter Kühlsysteme von Kraftwerken lahm - selbst mit entsprechenden Filtern bleibt die Frage, wohin mit etlichen Tonnen Gallerte, die diese in Zeiten der Quallenblüte stündlich festhalten. Vielleicht muß der Rest der Welt noch einen Vorzug von Quallen schätzenlernen, der Asiaten schon lange bekannt ist: In Japan, China oder Vietnam gelten Quallen, in Essig eingelegt, gepökelt oder fritiert als Delikatesse. Ein deutscher Vietnam Reisender beschreibt den Geschmack allerdings wenig begeistert: "Schmeckt wie gammeliges Hafenbecken."

Literatur: Thomas Heeger: "Quallen", S. Hirzel Verlag, Stuttgart 2004

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 10.04.2005, Nr. 14 / Seite 68/69
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