05.03.2010 · Kein Vogel ist beliebter als der Pinguin. Ob König oder Kaiser, macht keinen Unterschied. Für Zoodirektoren sind sie allerdings eine echte Herausforderung: Die Kälteliebhaber sind nicht einfach zu halten.
Von Georg RüschemeyerFlusskiesel von einem Eck ins andere tragen - das seltsame Treiben der Eselspinguine lässt die Könige von Wuppertal kalt. Während ihre kleineren Verwandten zurzeit munter Nestbau betreiben, üben sie sich zwischen verblüffend echt wirkenden Kunstfelsen in vornehmer Zurückhaltung: Die Königspinguine sind noch nicht so weit. Und wenn, würden sie keine Steinchen schleppen. Vielmehr legen sie sich ihr Ei vorsichtig auf die Füße und stülpen eine wärmende Bauchfalte drüber.
In diesem Jahr könnte es mit der königlichen Brut wieder klappen, der Wuppertaler Zoodirektor Ulrich Schürer ist zuversichtlich. Denn auch die sechzehn Großvögel haben sich inzwischen an die neue Pinguinanlage gewöhnt und den Umzug gut überstanden. Sie sind die eigentlichen Stars des Hauses, denn die Haltung von Aptenodytes patagonicus gehört zu den Königsdisziplinen der Zootierpflege.
Vor allem mögen es die Tiere kalt. Acht Grad Celsius herrschen das ganze Jahr über im Gehege, das Wasser wird höchstens zwei Grad wärmer. Dafür sorgt das beeindruckende Inventar des Technikraums, durch den Schürer führt und das den Großteil der Baukosten von rund drei Millionen Euro verschlang: Riesige Kältemaschinen kühlen Luft und Wasser. Letzteres wird in meterhohen Filtertürmen gereinigt, durch Ozon von Keimen und in großen Schaumkammern von organischen Abfallstoffen befreit. Auch die Frischluft muss erst allerlei Filter und eine Kammer mit UV-Licht passieren, bevor sie die Pinguine einatmen dürfen. "Ohne diesen Aufwand drohen Luftsackmykosen, ein Schimmelbefall der Vogellunge", sagt Schürer. Aus ihrem natürlichen Lebensraum seien die Tiere eben kaum Keime in der Luft gewöhnt.
Ohne Tricks klappt die Aufzucht nicht
Mit der Pflege von Königspinguinen kennt sich der Direktor bestens aus, schließlich hat er seit 1975 Erfahrung. Damals holte Schürer die ersten Tiere von einem Tierhändler in den Niederlanden ab und brachte sie nach Wuppertal. Drei dieser Altvorderen leben noch heute, immerhin 36 Jahre alt, und zusammen mit dreizehn ihrer Nachkommen bilden sie eine der größten und erfolgreichsten Zuchtgruppen Europas. Das geht nicht ohne Trick: Die Beleuchtung wird dafür entsprechend umgestellt, um im 24-Stunden-Betrieb den antarktischen Sommer zu simulieren und den Brutzyklus zu initiieren. Wuppertal liegt eben in Nordrhein-Westfalen und nicht an der Konvergenzzone wie die sieben natürlichen Brutgebiete (siehe Karte).
Lange behalten dürfen die Paare ihr eines, etwa 330 Gramm schweres Ei hier allerdings nicht. Die meisten Eier werden im Wärmeschrank ausgebrütet, die Küken von Hand aufgezogen. "Die Verluste sind sonst zu hoch, und da in der Antarktis schon lange keine Tiere mehr gefangen werden dürfen, ist jedes Pinguinjunge für uns extrem wertvoll", begründet Schürer den Entzug.
Ihre Aufzucht bleibt bis ins hohe Alter recht anspruchsvoll. Schlimm genug scheint für die Königspinguine, dass sie mit totem Fisch vorliebnehmen müssen - von besorgten Pflegern verwöhnt, empfangen sie die Heringe oder Makrelen aber nur aus vertrauter Hand. Vom Boden oder aus einer Schüssel fressen die Vögel nicht, auch ins Wasser lockt sie eine solche Mahlzeit nicht, eher würden sie verhungern. So können Besucher deshalb zweimal täglich beobachten, wie sich die gefiederten Monarchen bedienen lassen.
Brutpflege zu zweit
Trotz ihrer Beliebtheit stehen die Königspinguine oft im Schatten der größeren Kaiserpinguine (Aptenodytes forsteri). Diese mit 30 bis 50 Kilogramm mehr als doppelt so schweren Riesen leben auf dem antarktischen Festland und brauchen auch in Gefangenschaft Temperaturen unter dem Gefrierpunkt. Nur ein einziger Zoo, der von San Diego, befasst sich deshalb mit ihrer Haltung. Wer dort noch nicht gewesen ist, kennt diese Vögel vielleicht als Stars des französischen Dokumentarfilms "Die Reise der Pinguine", der 2005 Millionen von Kinogängern zu Tränen rührte.
Diese beiden Spezies der Gattung Großpinguine ähneln sich tatsächlich sehr, so dass Laien die Zuordnung auf Anhieb nicht leichtfällt. Die jungen Kaiser tragen scheinbar eine schwarz-weiße Maske - daran lassen sich die Küken unterscheiden. Und die ausgewachsenen Schwimmer, wenn kein direkter Größenvergleich möglich ist? Beim Menschen verrät die Uniform den Rang, hier ist es sinngemäß das Gefieder: Den Hals des schlanken Königspinguins ziert sattes Orange, beim Kaiser enthalten die seitlichen Flecken außerdem noch Gelb und Weiß. Und während A. forsteri für seine kilometerlangen Wanderungen übers Eis bekannt ist, kann A. patagonicus zumindest als Langstreckenschwimmer beeindrucken.
Aber für beide gilt: "Das mit der Monogamie ist schlicht eine Legende - die Pinguinehe hält immer nur für eine Brutsaison, und das auch nur, wenn alles glattgeht", meint der deutsche Polarbiologe Klemens Pütz. Fünf Jahre lebte und forschte der wissenschaftliche Leiter der Stiftung Antarctic Research Trust auf den Falklandinseln, einer der sieben Brutinseln des Königspinguins, noch immer kehrt Pütz fast jedes Jahr dorthin zurück. Die Kolonie am Volunteer Point auf East Falkland existiert erst seit rund 50 Jahren, mit inzwischen mehr als tausend Brutpaaren ist sie mit Abstand das kleinste der Brutgebiete, das größte liegt auf den Crozetinseln im Indischen Ozean: Mehr als eine Million Brutpaare sind dort beheimatet.
Vom Umgang mit Pinguinen
Ob die Könige auf den Falklands wirklich Neuland erschlossen haben oder an ein früheres Vorkommen anknüpfen, ist unklar. Aufzeichnungen aus dem 19. Jahrhundert lassen jedenfalls keinen Zweifel daran, dass dort Grausames geschehen ist: Von dem massenhaften Einkochen anderer Pinguinarten auf den Falklands wird berichtet, "Von den Königen ist aber nie konkret die Rede", sagt Pütz. Die wenig tierfreundliche Art der Lampenöl-Produktion begann Mitte des 19. Jahrhunderts, als der florierenden Tranindustrie dafür die Wale, Robben und Seeelefanten ausgingen. Doch schon zuvor verfeuerte man Millionen Vögel: Sie dienten als Brennstoff für die großen Öfen, in denen man Walspeck zu Tran verkochte. "Sie brannten ziemlich schlecht, aber es gab sie in Mengen. Wir fingen die Tiere direkt vor der Baracke und warfen sie gleich lebend in den Ofen. Das Geschrei der Tiere war unerträglich. An diesem Tag verfeuerten wir sicherlich 700 von ihnen", beschreibt ein Walfänger 1843 die bestialische Praxis auf Südgeorgien.
Einem Pinguin auch nur eine Feder zu krümmen, das würde heute niemand mehr billigen. Und zumindest für den Königspinguin scheinen die schlechten Zeiten vorbei zu sein. Die Bestände wachsen seit Jahrzehnten und werden auf etwa 2,5 Millionen Brutpaare geschätzt. Womöglich profitieren die Vögel sogar vom menschlichen Raubbau am Meer. Weniger Wale fressen weniger Krill, und von diesen Kleinkrebsen ernähren sich auch die in tieferen Wasserschichten lebenden Laternenfische und Kopffüßer, auf deren Fang sich wiederum die Königspinguine spezialisiert haben. Eine plausible, aufgrund fehlender Daten zu historischen Krilldichten aber kaum zu beweisende Theorie, meint Pütz.
Ausdauernde Schwimmer
Gut belegt ist dagegen, dass die menschgemachte Klimaerwärmung für Königspinguine und viele ihrer schwimmenden Vettern eine Bedrohung bedeutet. Wenn sich die Wassertemperatur nur um 0,25 Grad erhöhe, verringere schon das die Überlebensrate und den Bruterfolg der Tiere um nahezu zehn Prozent, berichtete ein internationales Forscherteam 2008 im Fachjournal PNAS. Weniger als direkte Folge der Erwärmung, sondern weil veränderte Meeresströmungen die Jagdgründe verschieben und zeitweise versiegen lassen. Ihre Beute suchen die Königspinguine im Bereich der Antarktischen Konvergenz, jener auch als Meinardus-Linie bekannten Zone also, in der das kalte Oberflächenwasser des Südpolarmeeres sich unter wärmere Wassermassen aus dem Norden schiebt. Dabei werden Nährstoffe an die Oberfläche transportiert: Basis eines üppigen Plankton- und Krillreichtums.
In Nähe dieser natürlichen Grenze der Antarktis sind auch die königlichen Brutkolonien angesiedelt. Anders als die Verwandtschaft in der Antarktis müssen die Vögel hier keine Kilometermärsche übers Packeis wagen. Trotzdem sind oft lange Strecken zurückzulegen, bevor das große Fressen beginnen kann: zu Wasser, die stromlinienförmigen Königspinguine sind ausdauernde Schwimmer. "Hundert Kilometer am Tag sind gut zu schaffen, wobei sich die Tiere sehr konstant mit einem Tempo von acht Kilometern pro Stunde fortbewegen - so schwimmt es sich offenbar am rentabelsten", sagt Pütz.
Kleine Sender, die im Rückengefieder befestigt wurden, enthüllten diese Details. Ende 2007 hatte Pütz gerade eigenständig gewordene Jungpinguine mit Geräten ausgestattet, die ihre Daten direkt an das Argos-Satellitenortungssystem funkten. Zehn Tiere brachen dann von East-Falkland aus auf, weitere zehn verließen so ausgerüstet ihre Kinderstube auf Südgeorgien. Innerhalb eines Jahres verstummten zwar alle Sender (ob sie schlicht abfielen oder die Tiere Opfer von Seeleoparden oder Orcas wurden, weiß nur die See), dennoch gewährten ihre Daten erstmals Einblick in die Phase der Adoleszenz und Junggesellenzeit: Sechs Jahre, die Königspinguine, abgesehen von der jährlichen Mauser, fast ausschließlich auf hoher See verbringen (siehe "Wanderrouten"). Über immerhin 261 Tage ließ sich der Weg des Pinguins "Youngster" verfolgen, der in dieser Zeit mindestens 12 000 Kilometer zurücklegte und sich zuletzt an der Eiskante im Indischen Ozean herumtrieb - knapp 5000 Kilometer von seiner Heimatinsel entfernt. Die Mehrzahl der 20 Tiere blieb jedoch erwartungsgemäß im Bereich der Konvergenzzone, wo ihre Eltern auf Jagd gehen.
Jagd im Morgengrauen
Wie sich der Fischzug erwachsener Königspinguine während der Brutsaison gestaltet, erkundete Pütz mit Fahrtenschreibern, die er den Vögeln anheftete. Wenn sie nach einigen Tagen bis Wochen zurückkehrten, um ihren Partner abzulösen und das Küken mit Fisch aus ihren prall gefüllten Mägen zu füttern, konnte Pütz ihnen die Geräte wieder abnehmen und die gespeicherten Daten zur Tauchtiefe, Schwimmgeschwindigkeit und Lichtintensität auswerten.
Die Jagd beginnt erst mit dem Morgengrauen, denn Königspinguine sind Sichtjäger. In Tauchgängen von bis zu acht Minuten folgen sie ihrer Beute bis zu 400 Meter tief, ihr Herzschlag reduziert sich auf ein Minimum, nur noch die wichtigsten Organe werden mit Sauerstoff versorgt. "Erstaunlich ist, dass die Pinguine offenbar genau wissen, in welche Tiefe sie vordringen müssen, um die meisten Fische zu erwischen, und dass sie den Tauchgang entsprechend planen", sagt Pütz. Je größer ihre Zieltiefe, desto steiler sei von Anfang an der Abtauchwinkel.
Zurück an der Meeresoberfläche, gönnen sich die Tiere selten mehr als zwei Minuten Verschnaufpause, dann geht es wieder auf Tauchstation. Effizienz ist das Gebot: Während der eine Elternteil auf Jagd ist, hungern in der Kolonie Partner und Nachwuchs. Sind die eigenen Energiereserven aber aufgefüllt, stellt der Magen Säureproduktion und Durchblutung ein. Das effektive Verdauungsorgan wandelt sich zum Kühlschrank, in dem sich vier Kilo Fisch nach Hause liefern lassen.
Feines Gehör
Mit derart vollem Bauch kann der Heimweg recht beschwerlich werden, weshalb manche Jäger sich am heimischen Strand erst einmal ein Nickerchen genehmigen, bevor sie die nächste Aufgabe angehen: unter Tausenden von Pinguinen die eigene Kleinfamilie finden.
Andere Arten können dabei auf Landmarken zurückgreifen, die sie zu ihrem Nest geleiten. Bei Eselspinguinen sind das zum Beispiel kleine Steinhaufen. Im Gewusel der Königskolonien spielen solche Merkmale jedoch nur eine untergeordnete Rolle. Entscheidend für die Familienzusammenführung sind die kurzen Kontaktrufe, deren Frequenzverlauf der Erkennung dient. Die Jungtiere entschlüsseln diese individuelle Melodie mit ihrem äußerst feinen Gehör, das den Ruf eines Elternteils schon aus etlichen Metern Entfernung aus dem tausendfachen Krakeel der Kolonie herausfiltern kann. Eine Fähigkeit, die übrigens beim Menschen als sogenannter Cocktailparty-Effekt bekannt ist. Wichtig ist diese Kennung besonders, wenn beide Elternteile auf Beutezug waren und ihr Küken unter den Tausenden braunen Federbällen finden müssen, die sich in ihrer wochenlangen Abwesenheit zu Krippen formieren.
Tauchakrobaten
Der Cocktailparty-Effekt ist auch für Pinguine ein durchaus passender Begriff. Schließlich sieht es immer ein bisschen feierlich aus, wenn mehrere dieser Vögel in edlem Silbergrau aufrecht zusammenstehen, und selbst wenn sie langsam davonwanken, wirkt ihr Watschelgang noch würdevoll.
Die Party im Wuppertaler Pinguinhaus ist überschaubar - keine echte Herausforderung für das königliche Gehör. Nach ihrer Fütterung stehen die großen Frackträger wie gelangweilte Dinnergäste am Pool und überlassen den Eselspinguinen das Nass. Und die haben ganz offensichtlich Spaß, ihre Tauchakrobatik entzückt die Besucher im Acrylglastunnel, der sie 15 Meter durchs Becken führt. Diese Ehre erweisen Königspinguine Zuschauern nur selten, sie zieren sich. Etwa zu stolz? "Eher wasserscheu", sagt Zoo-Kurator André Stadler. Irgendwann würden sie den Sprung ins kalte Wasser öfter wagen, davon sind Stadler und sein Chef Ulrich Schürer überzeugt. Aber die Könige von Wuppertal lassen sich eben zu nichts drängen.