Home
http://www.faz.net/-gx4-pz8v
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Osterinseln Straßen des Größenwahns

28.03.2005 ·  Woran ging die Kultur der Osterinsel zugrunde? Neue Forschungen stützen die Vermutung, daß ein friedlicher Wettbewerb die Bewohner in die ökologische Katastrophe trieb.

Von Ulf von Rauchhaupt
Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (0)

Jacob Roggeveen verstand das alles nicht. Es war der Ostersonntag des Jahres 1722, da ankerte der holländische Kapitän vor einem der christlichen Seefahrt bis dahin unbekannten Vulkaninselchen im südlichen Pazifik.

Das Eiland, etwa dreimal kleiner als Ibiza, war übersät mit Hunderten von steinernen Statuen, bis zu zehn Meter hohen Großkunstwerken, die den Vergleich mit den schönsten Werken der Maya oder der Ägypter nicht zu scheuen brauchten. Doch das Volk, das Roggeveen hier antraf, sah so gar nicht nach einer Hochkultur aus. „Ihre Boote haben Lecks und sind aus schmalen Holzscheiten zusammengebunden“, notierte der Kapitän. Vor allem aber: Wie konnten sie die tonnenschweren Kolosse transportiert haben, so ganz ohne Seile und Balken? Bäume, die dergleichen hätten liefern können, gab es hier keine. Auf der Osterinsel wuchs nur Gras.

Im Mittelalter dicht bewaldet

Dieses alte Rätsel der Osterinsel, das Generationen von Forschern und Autoren bis hin zu Erich von Däniken beschäftigt hat, ist seit gut zwanzig Jahren gelöst. 1984 veröffentlichte der britische Geograph John Flenley zusammen mit der Botanikerin Sarah King Untersuchungen an Pollen und Samen, die sich in Sedimenten erhalten hatten. „Rapa Nui“ („großes Paddel“), wie die Polynesier die Insel nennen, die sie etwa um das Jahr 400 besiedelten, war demnach noch im Mittelalter dicht bewaldet gewesen.

Vom 14. bis ins 17. Jahrhundert, der Zeit, aus der die Steinköpfe stammen, muß es noch Bestände einer riesenhaften Verwandten der Chilenischen Weinpalme (Jubaea chilensis) gegeben haben. Deren Stämme dürften sich gut zum Transport der „Moai“ (Polynesisch für „Statuen“) geeignet haben, auch wenn noch nicht ganz klar ist, wie der Transport genau vor sich ging.

32 Straßenkilometer nachweisbar

Dafür ist jetzt die Frage der Transportwege weitgehend geklärt: In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Antiquity veröffentlichen die beiden Südsee-Archäologen Carl Lipo von der California State University in Long Beach und Terry Hunt von der University of Hawaii die bisher genaueste Karte des alten Straßensystems. Dazu kombinierten sie Satellitenaufnahmen mit Untersuchungen am Boden. 32 Straßenkilometer können sie sicher nachweisen, vermutlich waren es ursprünglich mehr als doppelt soviel.

Ein Zusammenhang mit den Statuen steht für Lipo und Hunt außer Frage. „Die Pfade verbinden keine Wohngebiete“, schreiben sie. „Vielmehr wurden sie offenbar vorrangig für den Transport der Statuen angelegt.“ Denn vier der sechs Hauptstraßen laufen sternförmig auf den Vulkankrater von Rano Raraku zu, wo 96 Prozent der 702 untersuchten Moai aus dem dort anstehenden Lapilli-Tuffstein gemeißelt wurden.

Immer größere Dimensionen

Dieser Befund hat Bedeutung für die Frage, was denn die Osterinsulaner als einziges unter den polynesischen Völkern zu ihrem megalithischen Treiben bewogen haben mag - und warum die Statuen mit der Zeit immer größere Dimensionen annahmen, zuweilen gar durch „Pukao“, Kopfbedeckungen aus roter Vulkanschlacke, noch erhöht wurden. „Die Straßenführung legt nahe, daß jede Region ihren eigenen Transportweg nach Rano Raraku besaß“, schreiben Lipo und Hunt. „Dies spricht dagegen, daß Herstellung und Transport von einer zentralen Autorität organisiert wurden.“

Daß die Bevölkerung der Osterinseln einst in mehrere regionale Gruppen zerfiel, schloß bereits die britische Ethnographin Katherine Routledge, die sich von 1914 bis 1915 siebzehn Monate lang auf der Osterinsel aufhielt. Auf der Basis ausführlicher Gespräche mit Einheimischen zeichnete sie sogar eine Karte, auf der die Insel in elf Territorien unterteilt ist.

Die Einwohnerzahl fiel

Spätere Forscher begegneten Routledges Resultaten mit Skepsis. Gut und gern dreihundert Jahre waren damals schon seit der letzten Errichtung eines Moai vergangen, und in dieser Zeit war so manche Katastrophe über Rapa Nui hereingebrochen, darunter 1863 die Verschleppung der halben Bevölkerung durch Sklavenhändler in die Salpeterminen Südamerikas. Die Einwohnerzahl war von 10.000 bis 15.000 zur Blütezeit auf wenige hundert gefallen.

Dennoch hatten Routledges Informanten offenbar noch viel Wissen aus der Altvorderenzeit bewahrt. Das zeigt eine im gleichen Heft von Antiquity veröffentlichte Untersuchung von Britton Shepardson von der University of Hawaii. Er hatte sich einer zahlenmäßig kleinen Untergruppe der Moai angenommen, und zwar bestehend aus solchen, die weder entlang der Küste aufgestellt noch im Steinbruch von Rano Raraku liegengeblieben waren, sondern wahllos im Inselinneren verstreut schienen.

Erosionsspuren

Die meisten Forscher hatten sie bisher als „beim Transport liegengeblieben“ klassifiziert. Allerdings waren schon Katherine Routledge bei einigen dieser Moai Erosionsspuren aufgefallen, die darauf hindeuten, daß sie lange Zeit aufrecht gestanden haben müssen. Shepardson glaubt daher, daß es sich in Wahrheit um Grenzmarkierungen handelt. Die Grenzlinien, die er daraus rekonstruiert (siehe „Straßen und Statuen“) stimmen überraschend gut mit denen in Routledges Karte überein.

Diese Befunde passen zu der Vermutung, daß wir es bei den Moai sowie bei den sakralen Plattformen, den Ahu, auf denen viele der Figuren aufgestellt waren, weniger mit Zeugnissen einer frommen Megalomanie im Stile der Cheopspyramide als mit den Überresten eines - letztlich ruinösen - Wettkampfes zu tun haben. „Wer baut den größten Moai?“ muß sich zu einer Obsession der Clanhäuptlinge entwickelt haben, die echte kriegerische Auseinandersetzungen möglicherweise lange verhindert hat, aber nach Meinung des Geographen Jared Diamond gewiß ein Hauptfaktor für die befremdliche Tatsache war, daß man auf der Osterinsel so lange nicht bemerkte, daß man den Ast absägte, auf dem man saß.

Gefangen auf dem Eiland

Holzkohlefunde belegen, daß die letzten Riesenpalmen um 1640 gefällt wurden - genau um die Zeit, zu der die Statuenproduktion plötzlich stoppte und die größten Moai unvollendet im Steinbruch von Rano Raraku liegenblieben. Ohne Holz ließen sie sich nicht abtransportieren. Aber auch sonst ging es mit Rapa Nui nun steil bergab. Der Boden erodierte, die Vögel blieben weg, die Fischerei kam mangels Baumaterials für seegängige Kanus zum Erliegen. Auswandern war nun ebenfalls nicht mehr möglich. Man war gefangen auf einem Eiland, auf dem es statt Palmnüssen, Delphin und Thunfisch bald nur noch Ratten zu essen gab - oder erschlagene Feinde.

Denn mit der wirtschaftlichen Grundlage brach auch das Sozialgefüge zusammen. Der Wettbewerb um die größten Moai wurde nun dadurch ausgetragen, so glaubt Jared Diamond, daß man die Statuen der Nachbarn umwarf. Ein mörderischer Bürgerkrieg brach aus, von dem unzählige Speerspitzen aus Obsidian zeugen und der noch lange nicht zu Ende war, als Jacob Roggeveen hier Anker warf. Die letzte stehende Statue wurde 1838 gesichtet. Erst als das Touristenzeitalter anbrach, begann man sie wieder aufzustellen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 27.03.2005, Nr. 12 / Seite 65
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1964, verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Jüngste Beiträge

Das Gespenst Gentechnik geht

Von Joachim Müller-Jung

Während fast überall auf der Welt neue Nutzpflanzen gezüchtet werden, sinkt das Interesse für die grüne Gentechnik in Deutschland und Europa ständig. Auf dem Acker fahren wir im Rückwärtsgang. Die EU-Kommission versucht das zu ändern. Mehr 9 7