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Nutzpflanzen Biodiesel für Indien

01.02.2005 ·  In Indien ist die Jatropha-Pflanze ein Hoffnungsträger. Sie schützt Böden vor Erosion, liefert Kraftstoff und spendet Nahrung. Mit deutscher Hilfe soll die Nutzung des Multitalents vorangetrieben werden.

Von Monika Etspüler
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Es gibt Organismen, die entpuppen sich bei näherem Hinsehen als wahre Multitalente. Die Jatropha-Pflanze, auch als Brechnuß bekannt, gehört in diese Kategorie. Sie kann zur Regenerierung erodierter Böden genutzt werden und eignet sich als Tierfutter und Düngemittel. Einzelne Bestandteile lassen sich zudem zur Seifen- und Cremeherstellung verwenden. Und als ob das alles nicht genug wäre, liefert die Brechnuß auch noch Öl, das zu Biodiesel aufgearbeitet werden kann.

Jatropha gehört zur Familie der Wolfsmilchgewächse. Die anspruchslose Pflanze wächst auf Böden, auf denen sonst nichts mehr gedeiht, und ist in der Lage, auch Dürreperioden zu überstehen. In Indien, wo 58 Prozent der Erwerbstätigen in der Landwirtschaft arbeiten, hat sich das Gewächs zu einer Art Hoffnungsträger entwickelt. Von den rund 173 Millionen Hektar landwirtschaftlicher Flächen sind 40 Millionen verödet. Sie könnten mit Hilfe von Jatropha wahrscheinlich wieder in fruchtbares Ackerland umgewandelt werden.

Schutz vor Winderosion

Bei einem Forschungsprojekt, das die Universität Stuttgart-Hohenheim zusammen mit dem „Central Salt & Marine Chemicals Research Institute“ in Bhavnagar begonnen hat, wurden zunächst im trockenen Nordwesten und Südosten des Landes Plantagen von insgesamt rund 40 Hektar Fläche angelegt. Sie sollen die vom Wind bewirkte Erosion und, speziell durch das Wurzelwerk, die durch Wasser verursachte Erosion des Bodens verringern.

Außerdem können sich durch den Schutz, den die Pflanzreihen bieten, vom Wind transportierte Bodenpartikeln dort ablagern, so daß sich im Laufe der Jahre eine neue Sedimentschicht aufbaut. Für die Bauern eröffnet sich so die Chance, auf den bis dahin ausgemergelten Böden wieder Kulturpflanzen wie Baumwolle, Hirse oder Gemüse anpflanzen zu können. Mit 1,3 Millionen Euro Fördergeldern unterstützt Daimler-Chrysler das Projekt, weitere 200000 Euro schießt die deutsche Investitions- und Entwicklungsgesellschaft zu.

Ölhaltige Samen

Wirtschaftlich interessant an der Jatropha-Pflanze ist vor allem ihr Samen. Seine Kerne bestehen zu 55 Prozent aus Öl, aus dem Biodiesel hergestellt werden kann. Dazu wird das Öl zunächst ausgepreßt und dann mit Lauge und Methylalkohol versetzt. Auf diese Weise erhält man Biodiesel, bestehend aus Methylestern. Überdies kann das bei dem Prozeß freiwerdende Glycerin in der Kosmetikindustrie Verwendung finden.

Der Biodiesel aus Jatropha, eine klare, goldgelbe Flüssigkeit, enthält wesentlich weniger Schwefel als herkömmlicher Dieselkraftstoff. Er ist geruchsarm und verbrennt nahezu rußfrei. Daß er tatsächlich zum Antrieb von Motoren taugt, bewiesen Mitarbeiter von Daimler-Chrysler. Mit dem frisch gewonnenen Jatropha-Kraftstoff im Tank eines für Biodiesel zugelassenen Fahrzeugs legten sie in Indien rund 6000 Kilometer zurück.

Diesel und Eiweiß

Als außerordentlich nährstoffreich erwies sich der nach dem Entölen der Kerne verbleibende Preßkuchen, der zu mehr als 60 Prozent aus Eiweiß besteht. Er könnte den importierten Sojaschrot als Viehfutter ersetzen. Eine Schwierigkeit besteht aber darin, daß der Samen mindestens ein halbes Dutzend Pflanzengifte enthält.

In der Ölfraktion werden diese zwar durch die Zugabe von Lauge zerstört, und im Preßkuchen gehen die meisten beim Erhitzen verloren. Was aber bis jetzt nicht aus dem Rückstand entfernt werden konnte, ist der stark toxische Phorbolester. Die Agrarbiologen in Hohenheim arbeiten derzeit an Extraktionsverfahren zur Isolierung dieser Verbindung.

Der pflanzliche Kraftstoff aus Jatropha soll in erster Linie dem indischen Markt zugute kommen. Dort wird er auch dringend gebraucht, denn die neuesten Emissionsrichtlinien sehen vor, daß schon vom kommenden Jahr an dem Normaldiesel fünf Prozent Biodiesel beigemischt werden. Um Anbau und Verwertung von Jatropha sicherzustellen, muß man freilich eine entsprechende Infrastruktur schaffen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.02.2005, Nr. 27 / Seite 36
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