09.09.2005 · Die Helfer sollen den Kontakt mit den giftigen Fluten vermeiden. Trotzdem wird das kontaminierte Wasser aus New Orleans ungeklärt abgepumpt. Die Experten hoffen auf die Selbstreinigungskraft der Natur.
Von Horst RademacherDer Wasserspiegel in New Orleans sinkt langsam, aber stetig. Obwohl noch immer 60 Prozent des Stadtgebietes unter Wasser stehen, sank der Pegel in der zweiten Wochenhälfte um etwa zehn Zentimeter pro Tag.
Bauingenieuren ist es inzwischen gelungen, einen der gebrochenen Dämme vollständig zu reparieren und einige jener Pumpen zum Laufen zu bringen, welche die unter dem Meeresspiegel liegende Stadt unter normalen Umständen trocken halten. Allerdings dürfte es noch mehrere Wochen, wenn nicht sogar Monate dauern, bis das mit Chemikalien und Bakterien kontaminierte Brackwasser abgepumpt ist.
Nach dem Hurrikan „Katrina“ hatte es an vier Stellen Brüche in den Deichen und Sperrwerken von New Orleans und seinen Vororten gegeben. Die folgenreichste Leckage ereignete sich an der Betonmauer, die den Entwässerungskanal entlang der 17. Straße vor dem Überlaufen schützt. Diese mehrere Zentimeter dicke Mauer war auf einer Länge von etwa 40 Metern gebrochen. Durch die dabei entstandene Öffnung konnte das Brackwasser des Lake Pontchartrain ungehindert in die Innenstadt fließen.
Um diesen Bruch zu reparieren, schotteten die Ingenieure der für die Eindeichung des Mississippi zuständigen Pioniereinheit des amerikanischen Heers („US Army Corps of Engineers“) den Entwässerungskanal zunächst mit Spundwänden vollständig ab. Auf diese Weise konnte die Wasserströmung innerhalb der Öffnung unterbunden werden. Daraufhin gelang es, das „Loch“ mit Sandsäcken und Betonquadern zu stopfen. Anschließend wurde die Spundwand ein wenig geöffnet, so daß Wasser aus der Stadt in den Lake Pontchartrain fließen konnte, dessen Wasserspiegel inzwischen im Vergleich zu den Tagen nach dem Hurrikan merklich gefallen ist.
Künstlich geschaffener Dammbruch?
Auch am Entwässerungskanal entlang der östlich der 17. Straße gelegenen London Avenue war die Betonmauer an zwei Stellen gebrochen. Bislang konnten die Pioniere diesen Kanal nicht abschotten. Wegen des niedrigen Seepegels dringt aber durch diese beiden Öffnungen kein Wasser mehr in die Stadt ein. Der dritte Deichbruch ereignete sich an dem die Innenstadt vom Stadtteil St. Bernard trennenden „Industrial Canal“. Dieser Kanal verbindet den Mississippi im Süden mit dem Lake Pontchartrain im Norden.
Auch dieser Deichbruch ist noch nicht repariert. Diese Leckage hatte zwar keine direkten Folgen für die Innenstadt, führte aber zur nahezu vollständigen Überflutung von St. Bernard. Da das Wasser in diesem Stadtteil zunächst sehr viel schneller als im Rest der Stadt stieg, vermuten Hydrologen inzwischen, daß ein weiter östlich gelegener Deich unmittelbar nach dem Hurrikan überflutet wurde. Der Wasserstand in St. Bernard ist noch immer so hoch, daß ein Abpumpen ausweglos erscheint, selbst wenn alle Pumpen funktionierten. Deshalb wird erwogen, jenen Deich an mehrerern Stellen einzureißen, über den das Wasser während des Wirbelsturm floß.
Stromversorgung der Stadt ist vollständig unterbrochen
Dieser Deich schützt die Stadt normalerweise vor einer Überflutung durch den Mississippi, und zwar an jener Stelle, an der der Fluß in einem breiten Kanal zu seiner Mündung in den Golf von Mexiko geführt wird. Durch den künstlich geschaffenen Dammbruch könnte dann das in St. Bernard stehende Wasser abfließen. Allerdings geht man damit das Risiko ein, daß bei einem Sturm wieder Wasser aus dem Golf oder dem Fluß in die Stadt eindringen kann.
Von den 148 Pumpen, mit denen die Stadt normalerweise entwässert wird, konnten bis zum Ende der Woche nur fünf zum Laufen gebracht werden. Zum großen Teil stehen die Pumpen und die sie antreibenden Elektromotoren unter Wasser. Selbst wenn die Motoren auf dem Trockenen sind, fehlt der Strom, denn die Stromversorgung der Stadt ist vollständig unterbrochen. Nur im westlichen Vorort Jefferson gibt es in einigen Vierteln Strom.
In den vergangenen Tagen gelang es Heerespionieren und Mitarbeitern des städtischen Elektrizitätswerks, eine Verbindung zwischen Jefferson und dem „Pumphaus Nummer 6“ am Ende des Entwässerungskanals an der 17. Straße herzustellen. Vier der Pumpen dort konnten zum Laufen gebracht werden. Sie heben nun das Wasser aus der Stadt über das Sperrwerk in den Lake Pontchartrain.
Giftstoffe im Wasser
Sorgen bereitet allerdings der Zustand des Wassers, das inzwischen nahezu zehn Tage in New Orleans stand. Es enthält nicht nur Abwässer und Fäkalien, sondern wahrscheinlich auch zahlreiche Giftstoffe. Dazu gehören etwa Haushaltschemikalien, aber auch Industriechemikalien aus den zahlreichen Kleinbetrieben in New Orleans und Umgebung. Zum Teil liegt ein deutlich sichtbarer Ölfilm auf dem Wasser.
Den in der Stadt eingesetzten Soldaten, Rettungskräften und Katastrophenhelfern wird geraten, jeglichen Kontakt zu meiden, weil Infektions- oder Vergiftungsgefahr besteht. Allerdings sehen die Verantwortlichen keine Möglichkeit, das Wasser zu klären, bevor es in den Lake Pontchartrain gepumpt wird oder in das Mississippi-Delta abläuft. Man vertraue auf die Selbstreinigungskraft der Natur, sagte der Umweltminister Louisianas, Michael McDaniel, dazu.