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Neues Verbrauchersiegel Wollt ihr den Tierschutz?

Die Hälfte der Deutschen legt Wert darauf, dass ihre Lebensmittel aus besonders tiergerechter Haltung stammen. Werden sie dafür auch tiefer in die Tasche greifen?

© dpa

Die Hälfte der Deutschen legt Wert darauf, dass ihre Lebensmittel aus besonders tiergerechter Haltung stammen. Dies ist das Ergebnis einer aktuellen Umfrage, die das Bundeslandwirtschaftsministerium zur Grünen Woche vorgelegt hat. Die von Infratest dimap durchgeführte Befragung deckt sich mit dem Ergebnis einer repräsentativen emnid-Umfrage vom September 2012. Dort gaben 93 Prozent der Befragten an, dass „Fleisch aus artgerechter Haltung deutlich mehr kosten darf“, nur sechs Prozent waren anderer Auffassung.

Bereits 1975 kam der australische Ethiker Peter Singer in seinem damals bahnbrechenden Buch „Animal Liberation“ zu dem Ergebnis, dass es streng logisch betrachtet keinen Widerspruch darstellen muss, sich für den Schutz der Tiere einzusetzen und sie dennoch zu verzehren: Wenn jemand dagegen ist, dass Tieren Leid zugefügt wird, aber nicht dagegen, dass sie schmerzlos getötet werden, könnte er konsequenterweise Tiere essen, die frei von allem Leiden gelebt haben und dann sekundenschnell und schmerzlos getötet wurden. Als Konsequenz seiner ethischen Bestandsaufnahme rief Singer zum Boykott von Lebensmitteln aus intensiver Tierhaltung auf.

23014457 © Tierschutzbund Vergrößern Das neue Tierschutzlabel.

Seine Analyse ist bis heute aktuell geblieben. Singers Idee, den von der Bevölkerung geforderten Tierschutz über deren Rolle als Konsument anzustreben, fiel mittelfristig sowohl in Brüssel wie in Berlin auf fruchtbaren Boden. In ihrem Tierschutzbericht 2001 betonte die Bundesregierung bereits vor zwölf Jahren, es sei notwendig, ein allgemeines Bewusstsein für den Tierschutz zu schaffen. Dieser Appell richtet sich allerdings nicht nur an die Tierhalter, sondern auch an Verbraucher. Erst wenn diese bereit sind, ihre Verantwortung für den Tierschutz zu tragen (das heißt auch höhere Preise für Lebensmittel zu zahlen), werden die Tierhalter, die ihren Tieren ein Mehr an Tiergerechtigheit zukommen lassen, eine Chance am Markt haben. Die Bundesregierung unterstützt entsprechende Bestrebungen nachdrücklich auch im Zusammenhang mit der Neuorientierung der Landwirtschaft. Als Testballon fungierte die stark in der Kritik stehende Haltung von Legehennen in kleinen, zu Batterien zusammengeschlossenen Käfigen ohne Sitzstangen und Bewegungsmöglichkeit. Während Singer sich ausdrücklich für die ethisch relativ unbedenkliche Freilandhaltung aussprach, war es jedoch dem Verbraucher in den Ballungsräumen beinahe unmöglich, Freilandeier zu kaufen. Von der EU wurde daher im Jahr 1999 eine Richtlinie zur Festlegung von Mindestanforderungen zum Schutz von Legehennen verabschiedet, die neben den Haltungsvorgaben Vorschriften über die Rückverfolgbarkeit der in Verkehr gebrachten Eier enthält. Im Ergebnis dürfen in der EU seit dem 1. Januar 2004 Eier nur noch unter Angabe der Haltungsform vermarktet werden. In der Folge verschwanden Käfigeier im Laufe weniger Jahre aus den Regalen des Einzelhandels. Aufgrund fehlender Etikettierungsregeln für verarbeitete Eier sind sie jedoch in Form von Nudeln, Keksen und Likör bis heute dort präsent und werden vielfach aus dem osteuropäischen Ausland nach Deutschland importiert.

„Marktversagen“

Noch bevor sich der Erfolg der Eierkennzeichnung einstellte, schrieb die Europäische Union ein Forschungsprojekt zur Tierschutz-Kennzeichnung von Fleisch und Milch aus. Zwischen 2004 und 2009 bestimmte ein internationales Wissenschaftlerteam im EU-Projekt „Welfare Quality“ Kriterien, deren Einhaltung bei Rindern (Mast und Milchproduktion), Hühnern (Mast und Legehennen) sowie Schweinen eine tierschutzgemäße Tierhaltung sicherstellen würde. Im Anschluss ermittelten im Jahr 2010 Agrarökonomen der Universität Göttingen für den deutschen Markt, dass voraussichtlich zwanzig Prozent der Käufer einen höheren Preis für weniger problematisch produziertes Fleisch bezahlen würden, wenn sie dieses im Handel vertrauenswürdig identifizieren könnten. Da solche Produkte trotz Nachfrage bisher kaum angeboten wurden, stellten die Göttinger Ökonomen die Diagnose „Marktversagen“.

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Veröffentlicht: 28.01.2013, 20:20 Uhr