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Neue Seuche Überwintert der Erreger im Fötus von Haustieren?

07.02.2012 ·  Fast alle Bundesländer verzeichnen Fälle des Schmallenberg-Virus bei Schafen, Ziegen und Rindern. Jetzt ist die erste Studie über die neue Krankheit erschienen.

Von Christina Hucklenbroich
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Jeden Nachmittag um vier Uhr ist es so weit: Ein Team aus Tierseuchenexperten aktualisiert die Deutschlandkarte, auf der alle bisherigen Fälle des Schmallenberg-Virus verzeichnet sind. Die Karte ist auf der Website des Friedrich-Loeffler-Instituts abzurufen. Täglich wird sie um ein paar rote, blaue oder grüne Punkte ergänzt. Im Moment sind es meist rote, an manchen Tagen kommen mehr als zwanzig auf einmal hinzu. Nur wenige blaue und grüne sind zu sehen; sie stehen für Rinder und Ziegen. Die vielen roten Punkte hingegen stehen für Schaf-Betriebe, auf denen mit dem Schmallenberg-Virus infizierte Lämmer zur Welt kamen. Die neugeborenen Tiere sind schwer fehlgebildet und meistens nicht lebensfähig. Sie haben versteifte Gelenke und drastische Gehirnschäden: Ganze Areale fehlen, etwa das Kleinhirn; Wasserköpfe sind häufig. Fast alle deutschen Bundesländer sind inzwischen von der Krankheit betroffen, die bis vor einem Vierteljahr noch unbekannt war.

Das Muster der Punkte auf der virtuellen Karte wird sich vermutlich bald ändern. Genaue Vorhersagen wagt man beim Friedrich-Loeffler-Institut auf der Insel Riems noch nicht. Aber man hält es für möglich, dass bald viele blaue Punkte auftauchen werden, die Betriebe mit Rindern symbolisieren. Hinter diesen Meldungen könnten dann Geburten von schwerkranken Kälbern stehen.

Ein unbekanntes Virus

Bis zu dieser Prognose war es ein langer Weg, seit im Spätsommer 2011 die ersten Blutproben von erkrankten Tieren aus Nordrhein-Westfalen nach Riems geschickt worden waren. Damals waren zunächst Rinder mit Symptomen wie Milchrückgang und Fieber aufgefallen. Veterinäre und Landwirte dachten, die Blauzungenkrankheit sei wieder ausgebrochen, jene Tierseuche, die 2006 aus Afrika nach Nordeuropa eingeschleppt worden war, aber durch Impfungen völlig verdrängt werden konnte.

Die Blutproben landeten im Labor von Martin Beer, dem Leiter des Instituts für Virusdiagnostik, einer der Einrichtungen des Friedrich-Loeffler-Instituts. "Wir haben zunächst ein Standardprozedere durchgeführt, mit dem wir abklären, ob eine der gängigen Rinderkrankheiten vorliegt, etwa Maul- und Klauenseuche", sagt Beer. Dann testeten die Wissenschaftler auch auf Viren, die nicht in Europa vorkommen, etwa RiftValley-Fieber-Virus. Doch auch diese Vergleiche verliefen negativ. Auch auf eine bakterielle Erkrankung oder eine Intoxikation ergab sich kein Hinweis.

Ein Schnipsel Virusgenom

Die Wissenschaftler haben das Verfahren, das ihnen schließlich weiterhalf, in einer Publikation im Fachmagazin "Emerging Infectious Diseases" beschrieben, die jetzt online vorab erschienen ist (doi: 10.3201/eid1803.111905). Sie nutzten zunächst die sogenannte Metagenom-Sequenzierung: Man sequenziert das gesamte Genom, das in der Probe vorliegt; auf Riems wird dafür das Gerät 454 Genome Sequencer FLX der Firma Roche eingesetzt. "Dabei findet man vor allem viel Rinder- und Bakteriengenom", erklärt der Veterinärmediziner Beer. "Wenn man aber Glück hat, erwischt man dann auch einmal einen Schnipsel Virusgenom."

Die Riemser Forscher hatten dieses Glück, als sie Proben sequenzierten, die von drei Rindern eines Hofes in der Nähe von Schmallenberg im Hochsauerlandkreis stammten. Der Biomathematiker Matthias Scheuch hat am Friedrich-Loeffler-Institut verschiedene Auswertungstools für die Sequenzdaten kombiniert, so dass ein Programm entstanden ist, das innerhalb weniger Stunden den ersten Fingerabdruck des unbekannten Virus lieferte: Einige Sequenzstücke ließen sich dem Genus Orthobunyavirus zuordnen und der dazugehörenden, kaum erforschten Simbu-Serogruppe; deren 25 Vertreter sind bisher vor allem in Asien und Afrika aufgetreten. Am bekanntesten ist das Akabane-Virus, das 1959 in Japan entdeckt wurde; es schädigt ebenfalls Föten von Wiederkäuern. Die größte Verwandtschaft zeigt das in Deutschland entdeckte Virus mit dem Shamonda-Virus aus der Simbu-Serogruppe. Die Forscher halten es derzeit für möglich, dass das deutsche Virus - inzwischen heißt es "Shamonda-like Virus" oder "Schmallenberg-Virus" - eine Reassortante aus dem Shamonda-Virus und einem anderen Mitglied der Simbu-Serogruppe ist, also eine Neukombination verschiedener Viren.

„Mit kongenitalen Schäden ist zu rechnen“

Als Beer im November die erste Nachricht über das Virus mit dem internetbasierten Seucheninformationsdienst Promed-Mail verschickte, schrieb er schon, dass mit kongenitalen Schäden zu rechnen sei. Das ist von den Viren der Gruppe bekannt. Sie werden von stechenden Insekten übertragen, etwa Gnitzen. Zu einer Infektion des Fötus kommt es im ersten Drittel der Trächtigkeit. "Schafe haben eine Tragzeit von etwa 150 Tagen, Rinder tragen 260 bis 280 Tage, je nach Rasse", sagt Beer. Wenn also die verantwortlichen Insekten das Schmallenberg-Virus im Spätsommer verteilten, dann ist es nur logisch, dass die ersten kranken Lämmer im Dezember auffielen - und so war es auch.

Sollten Rinder so schwer betroffen sein wie Schafe, wird das also im Verlauf von Februar und März sichtbar werden. Allerdings kommen längst nicht alle Lämmer derzeit erkrankt zur Welt. "Zwischen fünf und fünfzig Prozent eines Bestandes sind laut Berichten von Schäfern betroffen", sagt Beer. "Zwei Dinge mussten wohl Monate zuvor zusammentreffen: Die Überträger waren aktiv, und die Trächtigkeit befand sich im empfindlichen Stadium." Möglicherweise überbrückt das Virus mit der Infektion des Fötus die kalte Jahreszeit: "Einige Lämmer leben ein paar Stunden, sie haben das Virus im Blut und könnten wieder gestochen werden", sagt Beer. Gerade Tiere, die länger im Mutterleib reifen, etwa Kälber, böten dem Virus die Chance, in die warme Saison hinüberzuwechseln.

Wurde das Virus mit lebenden Tieren eingeschleppt?

Noch ist das Überträgerinsekt unbekannt; voraussichtlich werden jetzt wieder, wie bei der Blauzungenkrankheit, Insektenfallen an vielen Orten installiert werden, um den Inhalt zu analysieren. Auch weiß man nicht, wie das Virus nach Europa kam; denkbar wäre, dass es mit lebenden Tieren eingeschleppt wurde, die es im Blut trugen. Beer gibt den Erreger derzeit an Impfstoffhersteller weiter; ein Totimpfstoff mit wirkverstärkendem Adjuvans könnte Rinder und Schafe schützen. "Beim Akabane-Virus scheint es zu funktionieren", ist Beers Hoffnung.

Auf Riems hat man ein PCR-Verfahren zur schnellen Diagnostik etabliert, das an Untersuchungsämter im In- und Ausland weitergegeben wurde. Auch in den Niederlanden, Belgien, Frankreich und Großbritannien ist das Schmallenberg-Virus inzwischen gefunden worden. Russland hat deshalb die Einfuhr von Rindern aus allen betroffenen Ländern verboten. Das Risiko für Menschen, sich anzustecken, bezeichnen die Riemser Wissenschaftler in ihrer Publikation als "sehr gering bis vernachlässigbar". Zwar gebe es in der Simbu-Serogruppe Viren, die den Menschen infizieren können. Der nächste Verwandte des Schmallenberg-Virus, das Shamonda-Virus, gehöre aber nicht dazu. Das European Centre for Disease Prevention and Control in Stockholm hat Ende Dezember immerhin noch darauf hingewiesen, dass Landwirte und Tierärzte mit engem Kontakt zu kranken Tieren beobachtet werden sollten.

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Jahrgang 1978, Redakteurin im Ressort „Natur und Wissenschaft“

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