Wenn das Schmallenberg-Virus ab dem kommenden Herbst wieder auftritt, werden die bisher betroffenen Regionen vermutlich weniger darunter leiden, weil sich bei Schafen, Rindern und Ziegen eine Immunität entwickelt hat. In Gegenden, die noch nicht betroffen sind, könnte die Seuche allerdings ähnliche Ausmaße annehmen wie beim ersten Ausbruch, der Ende 2011 seinen Lauf nahm. Zu dieser Einschätzung kommt die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) in einem aktuellen Gutachten, in dem die europäischen Experten eine Risikobewertung der neu aufgetretenen Tierseuche vornehmen. Ein Modell der räumlichen Ausbreitung des Erregers ergab, dass die neuen Fälle in der nächsten Saison wohl südlich und östlich der bisher involvierten Regionen auftreten werden. Das zuvor unbekannte Virus, das erst im November 2011 von Forschern des Friedrich-Loeffler-Institut aus dem Blut von Rindern aus dem Ort Schmallenberg im Sauerland isoliert werden konnte, betrifft inzwischen fast 1700 landwirtschaftliche Betriebe in Deutschland. Von hier aus hat es sich in die Niederlande, nach Belgien, Großbritannien, Frankreich, Italien, Luxemburg, Spanien und Dänemark ausgebreitet.
Die Efsa-Experten bekräftigen noch einmal, dass der Erreger aus der Gruppe der Orthobunya-Viren aller Wahrscheinlichkeit nach nicht auf den Menschen übertragen wird. Werden Rinder, Schafe oder Ziegen von den Überträgern, Stechmücken der Art Culicoides obsoletus, gestochen, zeigen sie nur milde Symptome, entwickeln Fieber und geben für einige Tage weniger Milch. Befindet sich ein infiziertes Tier allerdings im ersten Drittel der Trächtigkeit, können die Jungtiere mit schweren Fehlbildungen des Gehirns zur Welt kommen. Zuletzt wurden in Deutschland etwa zwanzig Betriebe wöchentlich gemeldet, auf denen kranke Tiere zur Welt kamen; Anfang des Jahres waren es noch zwanzig am Tag. Die Stagnation ergibt sich wohl durch den Infektionszeitpunkt, der offenbar meist im Herbst lag.
Fehlende Daten
Die Frage, welche Auswirkungen die Seuche für die Landwirtschaft hat, auch in wirtschaftlicher Hinsicht, spart das Gutachten weitgehend aus - mit Begründung: Die Folgen ließen sich aufgrund fehlender Daten nicht genau abschätzen. „Wir wissen nicht, ob hinter einem betroffenen Betrieb, der gemeldet wird, nur ein Fall steht oder viele“, erklärt Martin Beer vom Friedrich-Loeffler-Institut, der das Virus im vergangenen Herbst erstmals isolierte. Die Fallzahlen sind zudem mit einer Dunkelziffer behaftet, weil nicht alle Tierhalter die Fälle melden. Sie haben davon keinen Nutzen, denn noch entschädigen die Tierseuchenkassen sie nicht. Wegen der dann steigenden Beiträge sind viele Landwirte auch nicht daran interessiert, dass die neue Seuche in Zukunft mitversichert wird. Zwar besteht seit März eine amtliche Meldepflicht für Erkrankungsfälle, doch sie wird offenbar nicht immer befolgt. „Die gemeldeten Fallzahlen stellen mit Sicherheit nicht die absolute Zahl an betroffenen Betrieben dar, die liegt höher“, sagt Beer. Dennoch könnten die Meldedaten zur Orientierung dienen.
Für die weitere Erforschung der Krankheit gibt die Efsa mehrere Empfehlungen, so sollen etwa mögliche andere Übertragungswege und die vulnerable Phase während der Trächtigkeit genauer untersucht, vor allem aber kontinuierlich Blutproben von Tieren genommen werden, um die Verbreitung zu kontrollieren. Beer und sein Team haben damit schon begonnen; sie nehmen Proben in Bayern und Mecklenburg-Vorpommern. Beide Bundesländer hatten besonders geringe Fallzahlen. „Wenn man die Antikörper-Situation kennt, erfährt man, ob sich etwas verändert hat, was ein Indiz für ein erneutes Auftreten ist“, sagt Beer. Auch wenn sich bald wieder Tiere neu infizieren, sind die Wissenschaftler darauf angewiesen, dass die Erkrankung gemeldet wird - und dass man sie überhaupt erkennt. „Dass ein Tier Fieber hat und weniger Milch gibt, muss erst einmal registriert werden“, sagt Beer. „Und wenn es bemerkt wird, muss auch noch jemand eine Probe nehmen.“