Home
http://www.faz.net/-gx4-7axvg
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Neue Landschaften Willkommen in der Neonatur

Im Berliner Umland entstehen mit Hilfe von Wasserbüffeln, Wisenten und Wildpferden neuartige Landschaften: Feuchter, offener, artenreicher sind sie.

© Christian Schwägerl Vergrößern Wasserbüffel im Kalkmoor-Projekt bei Töpchin.

Auf den ersten Blick sieht Töpchin mit seinen geduckten Häusern und der ziegelroten Dorfkirche aus wie eines von vielen verschlafenen Dörfern in Brandenburg. Doch wer am südlichen Ortsausgang um die Ecke biegt, erlebt eine gewaltige Überraschung. Rechts und links der Straße laufen elf riesige schwarze Tiere umher, die in der Landschaft recht fremd wirken. Sie sind deutlich größer und mit deutlich mehr Muskeln bepackt als europäische Milchkühe. Man kennt sie als Zugtiere von Kleinbauern in Asien, aus den Reislandschaften Indiens oder Indonesiens. Es sind asiatische Wasserbüffel, die da grasen.

Mehr zum Thema

Gehören die Tiere vielleicht einer Filmcrew aus Indien, die Brandenburg als Drehort für Bollywood-Produktionen entdeckt hat? „Mancher, der hier vorbeikommt, ist beim Anblick unserer Wasserbüffel ziemlich verwirrt“, sagt Holger Rößling, Projektmanager bei der Stiftung NaturSchutzFonds Brandenburg, einer halbstaatlichen Agentur mit der Aufgabe, die Landschaften des Bundeslandes nachhaltig zu entwickeln. Die Tiere, sagt er, sind nicht als Schauspieler oder Gäste hier, sondern um zu bleiben. Sie sollen die Landschaft wieder artenreicher und biologisch vielfältiger machen. Rößling deutet auf einige Gruben im Boden, die Büffel mit ihren riesigen Hufen geschaffen haben: „So entstehen wunderbare Kleinlebensräume für Amphibien.“ Der Biologe hat die Büffel 2011 von einem französischen Züchter gekauft und in das 40 Kilometer südöstlich von Berlin gelegene Töpchin bringen lassen. Weitere Tiere haben er und sein Team am Rietzer See, einem Naturschutzgebiet im südlichen Havelland, freigesetzt. An beiden Orten geht es um eine sehr spezielle Mission.

Schrumpfende Lebensräume

Rund um Töpchin haben Biologen Reste eines Kalkmoores ausfindig gemacht. Typischerweise gedeihen Moore in einem sauren Milieu, doch hier hat sich die Moorvegetation in kalkreicher, basischer Umgebung entwickelt, mit sehr speziellen Moosarten wie dem Echten Sumpfmoos und dem Sumpf-Thujamoos, seltenen Blütenpflanzen wie dem Fleischfarbenen Knabenkraut und Vogelarten wie der Bekassine. Früher hat es solche Kalkmoore in Brandenburg auf Zehntausenden Hektar Fläche gegeben, heute sind davon nur noch kleine Reste übrig.

Neonatur © Christian Schwägerl Vergrößern Konik-Pferd

Am Rietzer See stehen Binnen-Salzwiesen im Fokus. Dort kommen die Überreste eines längst vertrockneten Urmeeres an die Oberfläche, was Arten wie das Strand-Milchkraut weit entfernt von den heutigen Küstenlinien gedeihen lässt. Doch die Spezialhabitate sind durch menschliche Eingriffe arg geschrumpft. Entwässerungskanäle und Düngereintrag haben dazu geführt, dass sich gewöhnliche Vegetation ausbreitete, dominiert von wenigen Arten, die überall gut durchkommen.

Robuste und genügsame Retter

Die Büffel haben nun die Aufgabe, den Lebensraum seltener Arten wieder zu vergrößern. Würde man die Flächen sich selbst überlassen, würden sie nämlich überwuchern, die Spezialisten würden verschwinden. Mahd ist nötig, um überschüssige Biomasse zu entfernen. Doch wie? Rößling dachte zunächst an normale mitteleuropäische Zuchtkühe, aber die sind für den Einsatz im Moor und auf salzigem Untergrund nicht mehr robust genug. „Hochgezüchtete Kühe würden durch den feuchten Untergrund schnell Hufinfektionen bekommen und auch die Vegetation nicht gut vertragen“, sagt der Projektmanager. Mähmaschinen einzusetzen ist sehr teuer. Büffel dagegen sind widerstandsfähig und fressen gerne auch derbere Pflanzen. Etwas mulmig war Rößling anfangs schon zumute, die Tiere mit ihrem massiven Habitus auszusetzen, aber inzwischen sind sie für ihn ein fester Teil der Landschaft geworden.

1 | 2 | 3 | 4 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Indonesien Der Kuss der Totenschädel

Im Hochland der indonesischen Insel Sulawesi lebt ein Volk, das sich vor dem Tod nicht fürchtet, sondern ihn verehrt: die Toraja, die einen einzigartigen Ahnenkult pflegen. Mehr Von Jakob Strobel y Serra

14.10.2014, 18:37 Uhr | Reise
Gestrandeter Buckelwal an der Goldküste gerettet

Ein gestrandeter Meeressäuger hat an der Goldküste für Aufregung gesorgt. Helfern gelang es nach mehreren Versuchen, das tonnenschwere Tier wieder ins offene Meer zu ziehen. Mehr

10.07.2014, 09:43 Uhr | Gesellschaft
Deutsche Einzelkritik Dirigent Kroos - Laufwunder Götze

Kroos dirigiert, Götze rennt, Bellarabi gefällt. Das DFB-Team macht gegen Irland kein schlechtes Spiel, gewinnt aber trotzdem nicht. Neuer bleibt praktisch ohne Beschäftigung – bis zur Nachspielzeit. Mehr

14.10.2014, 22:55 Uhr | Sport
Schlemmen wie Tyrion

Ein Restaurant in San Francisco hat sich darauf spezialisiert, Gerichte aus der Kult-Serie "Game of Thrones" nachzukochen. Dafür büffeln die Köche in alten Kochbüchern, um die mittelalterlichen Spezialitäten möglichst authentisch auf den Tisch zu bringen. Die Fans sind begeistert. Mehr

08.10.2014, 15:53 Uhr | Gesellschaft
FAZ.NET-Tatortsicherung Vierzig Tote suchen einen Schuldigen

Der neue Tatort war eine Gewaltorgie mit klassischer Musik und barocken Gemälden. Die Handlung wirkte ausgeklügelt, die Polizei machtlos. Passte das alles zusammen? Der Sonntagskrimi im Realitätstest. Mehr Von Uwe Ebbinghaus

12.10.2014, 21:45 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 09.07.2013, 18:00 Uhr

Haltung!

Von Joachim Müller-Jung

Ärzte lieben Symbole, wie die Kunst und Geschichte. Und besonders lieben sie politische Symbole. Wenn Ärzte der Stadt Berlin also zehn Spree-Eichen spenden, dann steckt da sicher etwas dahinter. Oder wünschen sie sich einfach nur eine schönere, grüne Hauptstadt? Mehr 7