Home
http://www.faz.net/-gx4-7axvg
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Neue Landschaften Willkommen in der Neonatur

 ·  Im Berliner Umland entstehen mit Hilfe von Wasserbüffeln, Wisenten und Wildpferden neuartige Landschaften: Feuchter, offener, artenreicher sind sie.

Artikel Bilder (4) Lesermeinungen (2)

Auf den ersten Blick sieht Töpchin mit seinen geduckten Häusern und der ziegelroten Dorfkirche aus wie eines von vielen verschlafenen Dörfern in Brandenburg. Doch wer am südlichen Ortsausgang um die Ecke biegt, erlebt eine gewaltige Überraschung. Rechts und links der Straße laufen elf riesige schwarze Tiere umher, die in der Landschaft recht fremd wirken. Sie sind deutlich größer und mit deutlich mehr Muskeln bepackt als europäische Milchkühe. Man kennt sie als Zugtiere von Kleinbauern in Asien, aus den Reislandschaften Indiens oder Indonesiens. Es sind asiatische Wasserbüffel, die da grasen.

Gehören die Tiere vielleicht einer Filmcrew aus Indien, die Brandenburg als Drehort für Bollywood-Produktionen entdeckt hat? „Mancher, der hier vorbeikommt, ist beim Anblick unserer Wasserbüffel ziemlich verwirrt“, sagt Holger Rößling, Projektmanager bei der Stiftung NaturSchutzFonds Brandenburg, einer halbstaatlichen Agentur mit der Aufgabe, die Landschaften des Bundeslandes nachhaltig zu entwickeln. Die Tiere, sagt er, sind nicht als Schauspieler oder Gäste hier, sondern um zu bleiben. Sie sollen die Landschaft wieder artenreicher und biologisch vielfältiger machen. Rößling deutet auf einige Gruben im Boden, die Büffel mit ihren riesigen Hufen geschaffen haben: „So entstehen wunderbare Kleinlebensräume für Amphibien.“ Der Biologe hat die Büffel 2011 von einem französischen Züchter gekauft und in das 40 Kilometer südöstlich von Berlin gelegene Töpchin bringen lassen. Weitere Tiere haben er und sein Team am Rietzer See, einem Naturschutzgebiet im südlichen Havelland, freigesetzt. An beiden Orten geht es um eine sehr spezielle Mission.

Schrumpfende Lebensräume

Rund um Töpchin haben Biologen Reste eines Kalkmoores ausfindig gemacht. Typischerweise gedeihen Moore in einem sauren Milieu, doch hier hat sich die Moorvegetation in kalkreicher, basischer Umgebung entwickelt, mit sehr speziellen Moosarten wie dem Echten Sumpfmoos und dem Sumpf-Thujamoos, seltenen Blütenpflanzen wie dem Fleischfarbenen Knabenkraut und Vogelarten wie der Bekassine. Früher hat es solche Kalkmoore in Brandenburg auf Zehntausenden Hektar Fläche gegeben, heute sind davon nur noch kleine Reste übrig.

Am Rietzer See stehen Binnen-Salzwiesen im Fokus. Dort kommen die Überreste eines längst vertrockneten Urmeeres an die Oberfläche, was Arten wie das Strand-Milchkraut weit entfernt von den heutigen Küstenlinien gedeihen lässt. Doch die Spezialhabitate sind durch menschliche Eingriffe arg geschrumpft. Entwässerungskanäle und Düngereintrag haben dazu geführt, dass sich gewöhnliche Vegetation ausbreitete, dominiert von wenigen Arten, die überall gut durchkommen.

Robuste und genügsame Retter

Die Büffel haben nun die Aufgabe, den Lebensraum seltener Arten wieder zu vergrößern. Würde man die Flächen sich selbst überlassen, würden sie nämlich überwuchern, die Spezialisten würden verschwinden. Mahd ist nötig, um überschüssige Biomasse zu entfernen. Doch wie? Rößling dachte zunächst an normale mitteleuropäische Zuchtkühe, aber die sind für den Einsatz im Moor und auf salzigem Untergrund nicht mehr robust genug. „Hochgezüchtete Kühe würden durch den feuchten Untergrund schnell Hufinfektionen bekommen und auch die Vegetation nicht gut vertragen“, sagt der Projektmanager. Mähmaschinen einzusetzen ist sehr teuer. Büffel dagegen sind widerstandsfähig und fressen gerne auch derbere Pflanzen. Etwas mulmig war Rößling anfangs schon zumute, die Tiere mit ihrem massiven Habitus auszusetzen, aber inzwischen sind sie für ihn ein fester Teil der Landschaft geworden.

1 | 2 | 3 | 4 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
  Weitersagen Kommentieren (13) Merken Drucken

09.07.2013, 18:00 Uhr

Weitersagen
 

Der Wind dreht sich

Von Joachim Müller-Jung

Der neue IPCC-Bericht warnt vor den katastrophalen Folgen des Klimawandels. Gleichzeitig wird aber deutlich, dass es keine globale Klimapolitik geben wird. Regionale Interessen erfordern regionale Ziele. Mehr 170 50