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Freitag, 10. Februar 2012
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Neu entdeckte Spinnenart? Mit Flickflacks durch den Wüstensand

09.01.2009 ·  Ingo Rechenberg, Professor für Bionik und Evolutionstechnik an der Technischen Universität Berlin, hat in der Sahara eine Spinne entdeckt, die sich rollend fortbewegt. Nun will er sie für technische Neuentwicklungen nutzen.

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Sie ist geschickt und schnell. Ingo Rechenberg, Professor für Bionik und Evolutionstechnik an der Technischen Universität Berlin, hat bei einer Wüstenwanderung in der Sahara eine Spinne entdeckt, die sich rollend fortbewegt und auf diese Weise zwei Meter in der Sekunde zurücklegen kann. Nun will er sie für technische Neuentwicklungen nutzen, etwa ein Mobil für den Mars.

Herr Rechenberg, Sie haben eine Spinne entdeckt, die rollen kann?

Ja. Als ich im vergangenen Sommer auf einer Forschungsreise in der Sahara in Marokko nahe der algerischen Grenze war, habe ich eine weiße Spinne entdeckt, die nicht nur läuft, sondern auch rollt. Sie ist etwa so groß wie ein Handteller.

Wie sind Sie auf sie gestoßen?

Ich habe sie nachts bei einer Wüstenwanderung im Lichtkegel meines großen Handscheinwerfers gesehen. Mein Kollege, der mich begleitete, und ich hatten Glück. Wir konnten gleich wunderbare Filmaufnahmen bei Sonnenaufgang machen. Ich war ganz aufgeregt, als sie wegrollte. Mir war gleich klar, dass das eine Sensation ist.

Wie kann denn eine Spinne rollen?

Nach unseren bisherigen Beobachtungen stößt die Spinne sich ab und vollzieht dann mit zusammengefalteten Beinen wie ein Kunstturner eine Reihe sehr schneller Flickflacks hintereinander. Dabei sind immer drei ihrer acht Beine auf dem Boden. So bleibt sie stabil, muss sich aber auch nicht jedes Mal abstoßen, wenn sie genug Schwung hat. Damit ist sie auf dem ebenen Wüstenuntergrund viel schneller, als wenn sie laufen würde. Etwa zwei Meter pro Sekunde legt sie zurück.

War die Art bisher unbekannt?

Sie gehört laut der Aussage von Spinnenexperten zu der Gattung der Cebrennus. Ich hoffe natürlich, dass sie bald „Cebrennus rechenbergii“ heißt! Dazu müssen die Biologen jedoch noch ein Weibchen untersuchen. In Spiritus eingelegt habe ich ihnen bisher nur ein Männchen schicken können. Zu Hause habe ich zwar eine jetzt aus der Sahara mitgebrachte Spinne, die wahrscheinlich weiblich ist. Aber die möchte ich nicht hergeben. Ich habe sie Ariadne getauft.

Sie haben als Haustier seit vier Monaten eine große, weiße Spinne mit dem Namen Ariadne?

Ja, ihre Ausleger vorne sind spitz. Bei den Männchen dagegen sind sie kolbenförmig verdickt.

Ist die Spinne giftig?

Letztens hat Ariadne mich in den Finger gebissen, als sie orientierungslos in der Ecke des Terrariums saß und ich sie zu ihrer Höhle zurückbringen wollte. Der Schmerz war wahnsinnig, das hätte ich gar nicht für möglich gehalten. Sie blieb auf meinem Finger sitzen und ließ nicht los, bis ich meinen Finger vorsichtig in den Wüstensand gedrückt habe.

Sind Sie zum Arzt gegangen?

Ach nein. In der Sahara hat sie mich auch schon mal gebissen, wenn auch nicht so stark. Da ist auch nichts passiert.

Wie kann man mit bloßen Händen unbekannte Wüstenspinnen anfassen?

Ich hatte vor vier Jahren schon einmal eine solche Spinne bei einer meiner Wanderungen in der Sahara entdeckt. Da habe ich sie mit einem Taschentuch angefasst. Als ich aber Aufnahmen von ihr machen wollte, ist sie recht schnell verendet. Damals hatte ich sie überstrapaziert. Wüstentiere sind unglaublich empfindlich. Als ich jetzt auf der Reise wieder eine entdeckte, wollte ich nichts falsch machen. Durch ein Taschentuch spürt man ja kaum was. Wir müssen jetzt erst mal mehr Spinnen fangen und sie genauer beobachten. Dann können wir mehr darüber sagen, was sie alles kann.

Sie forschen selbst auch weiter daran?

Im Mai oder Juni fahre ich wieder in die Sahara. Da werde ich versuchen, mehrere dieser Spinnen zu fangen, um sie zu den Fachleuten zu schicken. Aber es wird schon eine neue Art sein: Nicht einmal meine Nomadenfreunde dort kennen diese Tiere. In den Dünen Floridas und der südafrikanischen Namib-Wüste gibt es zwar auch rollende Spinnen. Doch die in der Namib-Wüste zum Beispiel rollt nur passiv die Dünen herab – nicht aktiv über Ebenen wie die, die ich gefunden habe.

Was haben Sie sonst noch über das Tier herausgefunden?

Ich habe die Vermutung, dass die Spinnen sich am Sternenhimmel orientieren. Weil der bei mir zu Hause fehlt, findet Ariadne vielleicht so oft nicht zu ihrer Höhle zurück.

Wie lebt ihre Spinne denn bei Ihnen zu Hause?

Im mitgebrachten Wüstensand eines 50 mal 50 Zentimeter großen Terrariums. Wie auch in der Sahara hat sie sich einen brunnenförmigen Schacht gebaut, in dem sie tagsüber schläft. Ich muss nur aufpassen, dass ich sie nicht überfüttere. Mehr als zwei Würmer pro Woche darf sie nicht bekommen, sonst wird sie zu dick.

Hat der Fund auch für Sie als Bioniker eine besondere Bedeutung? Könnte man die Spinne gar für technische Neuentwicklungen nutzbar machen?

Ja, natürlich! Wir hier am Institut wollen die Spinne nachbauen. Seit ich 1954 Weltmeister im Modellflug geworden bin, hat mich die Natur als Vorbild für die Technik nicht losgelassen – damals war es der Vogel für die Modellflieger.

Und für was könnte die Spinne als Vorbild dienen?

Wir haben zum Beispiel an Marsmobile gedacht. Ein Gefährt, das laufen und rollen kann. Bei flachem Untergrund ist das Rollen nicht nur schneller, sondern auch energiesparend. Auch als eine Art Rad für ein Behindertenfahrzeug könnte die Fortbewegungstechnik etwas sein. Eine rollende Spinne wäre nicht zuletzt auch ein schönes Spielzeug.

Die Fragen stellte Anna Loll.

Quelle: F.A.Z.
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