Dem Japanischen Staudenknöterich geht es wie manchen seiner Landsleute: Er liebt Europa. Vom Mittelmeer bis nach Skandinavien wächst er und wächst und wächst - und wird damit zum Problem. Denn so unschuldig der ursprünglich als Zier- und Futterpflanze importierte Strauch auch aussehen mag: Ökologisch bedeutet er ein Desaster. Er überwuchert Flußufer, Straßenränder und Eisenbahntrassen, kann Asphalt aufbrechen und verdrängt die einheimische Vegetation. "Allein in Deutschland verursacht die Pflanze jedes Jahr Schäden in Höhe von dreißig Millionen Euro", schätzt Frank Reinhardt von der Universität Frankfurt.
Der Knöterich Fallopia japonica breitet sich fast ungestört aus. Er hat bei uns keine natürlichen Feinde; die sind alle in Japan geblieben. Ihm mit herkömmlichen Bekämpfungsmaßnahmen wie Ausreißen oder Herbiziden beizukommen ist teuer und aufwendig, denn jeder Rest unterirdischen Speichergewebes, des Rhizoms, reicht der Pflanze, um neu auszutreiben. Einem Bericht der britischen Regierung zufolge würde ein dreijähriges Programm zur langfristigen Eindämmung des Knöterichs allein im Vereinigten Königreich umgerechnet 2,29 Milliarden Euro verschlingen.
50 problematische Arten
Invasive Neophyten, also Pflanzenarten, die innerhalb der letzten fünfhundert Jahre eingewandert sind und jetzt auf irgendeine Weise Probleme bereiten, gibt es in Deutschland etwa fünfzig. Neben dem Knöterich sind das zum Beispiel die mannshohe und giftige Herkulesstaude Heracleum mategazzianum oder die spätblühende Traubenkirsche Prunus serotina. Wie kommt man ihnen am besten bei?
"Unser Ansatz ist es, natürliche Feinde - meistens Insekten oder Pilze - aus dem Ursprungsgebiet der Pflanzen nachzuholen", sagt Marion Seier, Pflanzenpathologin bei der Internationalen Forschungsorganisation "Centre for Applied Biosciences International" (CABI) im britischen Ascot. Die Hoffnung dabei ist: Man setzt den Schädling einmal aus, und die Sache regelt sich von selbst. In Nordamerika, Australien, Neuseeland oder Südafrika wird diese Methode der klassischen biologischen Kontrolle schon seit Jahrzehnten eingesetzt. Zwei als Heilpflanzen aus Europa nach Australien gebrachte Natternkopfarten werden dort beispielsweise mit Hilfe eines ebenfalls aus Europa importierten Rüsselkäfers bekämpft. "In diesen Ländern sind die Probleme mit invasiven Pflanzen allerdings wesentlich größer als bei uns", sagt Franz Bigler von der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Agrarökologie und Landbau in Zürich. In Europa ist das Problem dagegen noch relativ neu.
Angst vor Plagen
"Die Europäer stehen der Methode eher skeptisch gegenüber", sagt Frank Klingestein, der im Bundesamt für Naturschutz (BfN) zuständig für Neophyten ist. Auf dem Feld sei "in der Vergangenheit ja auch viel Blödsinn gemacht worden". Zum Beispiel in Australien: Auf Zuckerrohrfeldern richteten dort zu Beginn des letzten Jahrhunderts die beiden Käfer Dermolepida albohirtum und Lepidiota frenchi große Schäden an. Um sie zu bekämpfen, führte die Zuckerindustrie 1935 die Agakröte Bufo marinus aus Südamerika ein. Die zeigte allerdings kein wirkliches Interesse an den Käfern, sondern fraß statt dessen buchstäblich alles, was ihr in den Weg kam, von Insekten über Frösche bis hin zu kleinen Säugetieren. Ohne einen einzigen natürlichen Feind breitete sie sich schnell aus. Heute ist ihre Dichte in Australien etwa zehnmal so hoch wie in ihrer Heimat Venezuela. Die Agakröte ist giftig, so daß Schlangen, Warane und andere Tiere sterben, wenn sie sie fressen. Mittlerweilen ist sie in Australien eine wesentlich größere Plage, als es der Zuckerrohrkäfer jemals war.
Marion Seier vom CABI läßt die Agakröte aber als ein für allemal abschreckendes Beispiel nicht gelten: "Das war vollkommen dilettantisch damals, ohne jede wissenschaftliche Grundlage. Heutzutage würde man niemals ein Wirbeltier aus der Heimat nachholen, um Schädlinge zu bekämpfen, denn die sind nie wirtsspezifisch genug." Wirtsspezifität ist ein Schlüsselwort in der biologischen Schädlingsbekämpfung. Die nachgeholte Art, so Seier, solle ja nicht zum Problem für heimische Tiere oder Pflanzen werden. Inzwischen gehe man wesentlich vorsichtiger ans Werk.
Natürliche Feinde gesucht
Um die natürlichen Feinde des Staudenknöterichs zu finden, ist eine Forschergruppe des CABI in den vergangenen drei Jahren mehrfach nach Japan gereist. Zusammen mit Wissenschaftlern der Universität von Kyushu in Fukuoka suchten sie nach Insekten und Krankheiten, die die Pflanze zum einen stark schädigen und zum anderen - zumindest dem ersten Anschein nach - nur auf diesem Knöterich vorkommen.
Erfolgversprechende Kandidaten nahmen sie mit nach Großbritannien, um sie unter strengen Quarantänebedingungen in abgeschotteten Klimakammern an über achtzig Testpflanzen auszuprobieren. "Das waren einheimische Pflanzen, die nahe verwandt mit dem Staudenknöterich sind, wie etwa der Rhabarber", erklärt Marion Seier. Die Forscher vermuten, daß die am nächsten mit dem Knöterich verwandten Arten auch am ehesten anfällig für die eingeführten Kontrollorganismen sein dürften. Sobald ein Schädling eine Testpflanze befallen hatte, war er aus dem Rennen: Er wurde im Dampfdruckkessel abgetötet und verbrannt, um eine versehentliche Ausbreitung zu verhindern.
Drei Schädlinge in der Auswahl
Jetzt, nach fast drei Jahren Arbeit, sind noch drei Pflanzenschädlinge in der engeren Auswahl geblieben: ein Blattfloh der Gattung Alphalara, ein Lixus-Rüsselkäfer und eine Blattfleckenkrankheit namens Mycosphaerella. Alle drei scheinen nur den japanischen Einwanderer zu befallen. Ein ähnliches Projekt zur Bekämpfung der Herkulesstaude mußte die Forschungsgruppe allerdings erfolglos beenden. Die Wissenschaftler hatten keinen Organismus gefunden, der wirklich nur diese Art anfiel.
"Die Arbeit am Staudenknöterich ist einfacher, weil sich die Pflanze in Europa bisher nur vegetativ fortgepflanzt hat. Alle Individuen sind Klone, also genetisch identisch", sagt Seier. Das macht es leichter, einen Gegenspieler zu finden, der genau auf diese Variation paßt. "Wenn unsere Untersuchungen abgeschlossen sind, werden wir die Ergebnisse dem britischen Umwelt- und Landwirtschaftsministerium vorstellen. Dort wird dann entschieden, ob die von uns vorgeschlagenen Schadorganismen ausgesetzt werden dürfen."
Wer gibt die Genehmigung?
In Deutschland ist noch nicht klar, wer im Zweifelsfall für eine Genehmigung zuständig wäre. "Hier hat es ja noch keinen solchen Fall gegeben", sagt Frank Klingenstein vom BfN. In Frage kämen die Naturschutz- oder die Pflanzenschutzbehörden. Ingo Kowarik, Professor für Ökologie an der Technischen Universität Berlin, hält die biologische Kontrolle zwar theoretisch für eine sinnvolle Methode: "Aber in der Praxis bin ich eher skeptisch. Selbst wenn man einen natürlichen Feind findet, der wirtsspezifisch zu sein scheint, kann man nicht komplett ausschließen, daß er irgendwann seine Freßgewohnheiten ändert, andere Pflanzen anfällt und großen Schaden anrichtet." Deshalb sollte man seiner Ansicht nach eher die traditionellen Unkrautbekämpfungsmethoden verbessern.
Für Franz Bigler dagegen überwiegen die Vorteile: "Wenn man einmal einen Schädling aussetzt, der die Problempflanze in Schach hält, ist das viel billiger, als sie von Hand immer wieder neu bekämpfen zu müssen." Außerdem sei die Methode sehr umweltfreundlich, da sie ohne den Einsatz von Pflanzenvernichtungsmitteln auskomme. Aber auch er räumt ein: "Ein Restrisiko bleibt."