15.02.2004 · Die „Regenwälder der Tiefe“ sind in Gefahr. Insbesondere die Schleppnetzfischerei bedroht die fragilen Ökosysteme, von denen viele in wenigen Jahren nicht mehr zu retten sein werden.
Von Joachim Müller-Jung, SeattleMit der Veröffentlichung eines Manifests zum Schutz von Tiefsee-Korallen, das von 1136 Wissenschaftlern aus 69 Ländern unterschrieben wurde, sind am Sonntag zwei internationale Mammutkongresse fortgesetzt worden: die Vertragsverhandlungen der Vereinten Nationen zur Biodiversitätskonvention in Kuala Lumpur, Malaysia, sowie das größte Wissenschaftlertreffen weltweit, der Kongreß der „American Association for the Advancement of Science“ in Seattle, Washington.
Der parallele Aufruf ist vor allem gegen die Schleppnetzfischerei gerichtet. Etwa ein Dutzend Staaten verfügen mittlerweile über eine moderne Fischereiindustrie, die es dank moderner Technik erlaubt, ihre mit Stahlgewichten oder schweren Rollen ausgerüsteten Schleppnetze bis in Tiefen von bis zu 1500 Metern vorzudringen. So können die Fischer bei ihrer Jagd nach Schrimps und Fischen auch Ozeanrücken, Tiefseeberge und Abhänge nutzen, die von der althergebrachten Netzfischerei nicht erreicht wird. Bisher soll der Anteil der auf diese Weise gefangenen Fische zwar weniger als ein halbes Prozent der weltweiten Fangmengen ausmachen. Doch die Konsequenzen der Schleppnetzfischerei sind nach Auffassung der Wissenschaftler unverhältnismäßig groß.
„Regenwälder der Tiefe“
In den lichtarmen und kalten Tiefen zerstören die Netze noch weithin unbekannte Lebensgemeinschaften, deren Existenz und Ausmaß erst vor wenigen Jahren entdeckt worden war: Reich verzweigte und zuweilen gigantische, bis zu zehn Meter große Kaltwasserkorallen, die an einigen Stellen mehr als tausend Jahre alt sind, und artenreiche Schwammansiedlungen. Wieviele Arten von Organismen in diesen Tiefseeriffen leben, ist noch völlig unklar. Doch die ersten Expeditionen hatten die Wissenschaftler rasch überzeugt, daß es mehr sind als man jemals vermutete.
Inzwischen wird schon von den „Regenwäldern der Tiefe“ gesprochen. Lance Morgan vom amerikanischen Marine Conservation Biology Institute sagte in Seattle, daß die Politik unter Zugzwang sei: “Wir wissen inzwischen, wie fragil diese Ökosysteme sind, und wenn der gegenwärtige Trend fortgesetzt wird, haben wir nicht mehr viel Zeit, zahlreiche dieser bis zu tausend Jahre alten Lebensgemeinschaften zu retten.“ Gefunden hat man die Kaltwasser-Gesellschaften vor Norwegen, Schweden, Großbritannien, Irland, Alaska, Neuschottland, British Columbia, Japan, Tasmanien, Kolumbien, Brasilien, Mauretanien und vor weiten Teilen vor allem der amerikanischen Atlantik- und Pazifikküste.
Wenige Länder lenken ein
Wie es in dem Manifest der Meeresforscher heißt, sind in vielen Fällen jedoch die genannten Länder nicht mehr Herr über die Tiefseefanggründe. Dann nämlich, wenn diese außerhalb der völkerrechtlich festgelegten Zweihundert-Nautikmeilen-Zone vor der Küste fällt, in denen das jeweilige Land seine souveränen Rechte ausüben kann. Durch geologische Besonderheiten kann diese Zone zwar noch stellenweise um Hunderte Meilen ausgedehnt sein, aber insgesamt sei, so klagen die Wissenschaftler, damit der Schutz der Tiefseeriffe nicht zu gewährleisten. Vor allem dann nicht, wenn die betroffenen Staaten selbst an der Tiefseefischerei interessiert sind.
Einige wenige Länder haben sich mittlerweile verpflichtet, den Fischfang in den Korallengebieten einzuschränken, darunter Norwegen, Neuseeland, Australien und Kanada, das statt der Schleppnetze in ihren Fanggründen nur noch Langleinen zum Fischfang erlauben will. In dem Manifest dringen die Wissenschaftler die Vereinten Nationen, ein Moratorium für die Schleppnetzfischerei auf hoher See zu verhängen.
Joachim Müller-Jung Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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