10.03.2006 · Um die Artenvielfalt in den Regionen des Kaukasus zu erhalten, gehen Türken und Armenier, Iraner und Aseris, Russen und Georgier einen gemeinsamen Weg. In Berlin wurde die Gründung eines Naturschutzfonds beschlossen.
Von Roland Knauer, BerlinIn den sechziger Jahren wurde der Kaukasus-Leopard Panthera pardus ciscaucasica in freier Natur für ausgestorben erklärt. Einige der letzten Leoparden Europas aber waren den Augen der Artenschützer entgangen. Als die Naturschutzorganisation WWF im Jahr 2001 noch einmal genauer nachschaute, fanden sich im Süden Armeniens, an der Grenze zwischen Aserbaidschan und Iran, im Osten Georgiens und an den Nordhängen des Großen Kaukasus noch 20 oder 30Tiere. Nur wenn alle sechs Kaukasus-Länder Rußland, Georgien, Aserbaidschan, Iran, Armenien und die Türkei zusammenarbeiten, haben diese Leoparden noch eine Chance.
Für den WWF und die KfW-Entwicklungsbank in Frankfurt war das Grund genug, die Umweltminister dieser Länder auf eine Konferenz zu bitten. Und so kamen am Donnerstag die Umweltminister von Georgien, Armenien und Aserbaidschan - die anderen drei Länder entsandten ranghohe Vertreter aus den Umweltministerien - nach Berlin. Heidemarie Wieczorek-Zeul, die Bundesministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, empfing sie mit einer frohen Botschaft: Die deutsche Entwicklungszusammenarbeit werde die Gründung eines grenzübergreifenden Naturschutzfonds für den Südkaukasus mit fünf Millionen Euro unterstützen.
Verschwindende Vielfalt
Die Minister und ihre Vertreter werden bis zum Samstag auch darüber beraten, wie man die gesamte Vielfalt der Arten in der Region erhalten kann. Weil die Gletscher der letzten Eiszeiten die gebirgige Landenge zwischen dem Kaspischen Meer im Osten und dem Schwarzen Meer weiter im Westen kaum erreichten, überlebten dort viele der Arten, die im Rest Europas von der Kälte ausgerottet wurden: Der Kaukasus zählt mit seinen Bezoar-Ziegen, Kropf-Gazellen, Braunbären und Streifen-Hyänen zu den 25 wichtigsten Gegenden der Artenvielfalt auf der Erde.
Diese Vielfalt aber verschwindet zunehmend aus der Region, die mit einer halben Million Quadratkilometer rund 1,4 Mal größer ist als Deutschland. Wälder werden abgeholzt, weil die Menschen Brenn- und Bauholz brauchen. Zu große Herden fressen die Weiden kahl, auf der auch Wildtiere ihr Futter finden. Wilderer reichern ihre Küchenvorräte so eifrig mit Wildfleisch an, daß in Georgien nur noch 150 Rothirsche übriggeblieben sind. Junge Männer schießen die letzten Leoparden, weil sie sich mit deren Fell als tapfere Helden darstellen wollen. Andere Großkatzen fallen erbosten Hirten zum Opfer, auf deren Schafe die Leoparden ausweichen, nachdem ihre natürliche Beute wie die Bezoar-Ziege vielerorts fast verschwunden ist.
Kampf gegen Wilderer
Vorarbeit zur Lösung dieser Probleme haben die Naturschützer bereits geleistet, wie WWF-Kaukasus-Spezialist Frank Mörschel berichtet: So halten Naturschützer im Talysch-Gebirge mit seinen tropisch anmutenden Regenwäldern an der Grenze zwischen Aserbaidschan und dem Iran eine WWF-eigene Schafherde. Reißt ein Leopard ein Schaf aus einer anderen Herde, erhält der Hirte ein Ersatztier vom WWF. Da gibt es dann keinen Grund mehr, auf die Leoparden anzulegen.
Vielerorts fehlt aber das Geld, Schutzgebiete zu unterhalten, die oft genug mit Mitteln der KfW, des WWF und der Weltbank eingerichtet wurden. Junge Männer auf der Suche nach einem Männlichkeitssymbol lassen sich kaum von Nationalparkschildern davon abhalten, den letzten Leoparden das Fell über die Ohren zu ziehen. Erst schlagkräftige Anti-Wilderer-Brigaden haben eine Chance, solches Treiben zu unterbinden. Wenn die Wildhüter aber von den Regierungen der armen Länder im Süden des Kaukasus nicht bezahlt werden, sinkt ihre Motivation erheblich, den gefährlichen Kampf gegen Wilderer aufzunehmen oder das Abholzen der Wälder im Reservat zu verhindern. Und wenn auch noch Benzin oder Ersatzteile für den Geländewagen fehlen, haben die Ranger ohnehin keine Chance, Leopardenjägern auf die Schliche zu kommen. Meist ist in diesen Ländern der Off-Roader ohnehin ein Vierbeiner. Aber selbst das Heu für Pferde ist den Regierungen oft zu teuer.
„Kaukasus-Schutzgebiet-Fonds“
Dabei sehen die Regierungen der Kaukasus-Länder die Naturreichtümer ihrer Region durchaus als Chance, in Zukunft mit Ökotourismus oder mit dem Verkauf von Heil- und Gewürzkräutern aus den Randzonen von Schutzgebieten Geld zu verdienen. Bevor solche langfristigen Perspektiven durch Finanzierungsfragen endgültig zerstört werden, wollen BMZ, KfW und WWF mit dem „Kaukasus-Schutzgebiet-Fonds“ eingreifen. 40 Millionen Euro sollen von der Bundesregierung, der KfW, dem WWF, der Weltbank und der amerikanischen Naturschutzorganisation Conservation International in diesen Fonds eingezahlt werden. Gut angelegt, soll das Geld jedes Jahr 1,7 Millionen Euro Zinsen abwerfen. Das wiederum sollte reichen, um für die 77 wichtigsten Schutzgebiete der Kaukasus-Region die Hälfte der laufenden Kosten zu zahlen.
Unterstützt werden die Regierungen der Kaukasus-Länder aber nur, wenn sie die andere Hälfte der Unterhaltskosten übernehmen. Obendrein müssen sie mit Management-Plänen nachweisen, wie sie langfristig den Lebensraum von Leoparden und Bezoar-Ziegen erhalten wollen. Auf die groben Richtlinien haben sich 160 Vertreter der Regierungen, Universitäten und Naturschutzorganisationen der Kaukasus-Länder im Prinzip bereits geeinigt. Für den Kaukasus-Spezialisten Frank Mörschel ist das die eigentliche Sensation: Die Geschichtsbücher verzeichnen für diese Region blutige Konflikte vom Völkermord an den Armeniern über die Auseinandersetzungen zu Berg-Karabach bis zum weiter anhaltenden Tschetschenien-Krieg. Und doch finden Türken und Armenier, Iraner und Aseris, Russen und Georgier im Naturschutz einen gemeinsamen Weg - von dem hoffentlich auch die letzten Leoparden Europas profitieren.