19.05.2009 · Mitten in Deutschland liegt der Hainich, einer der letzten alten Buchenmischwälder. Er zeigt, wie sich die Natur weitgehend ohne menschlichen Eingriff entwickeln würde - und dass Naturschutz nicht immer zugleich Artenschutz sein kann.
Von Georg RüschemeyerDer Duft der Wildnis hat eine starke Note von Knoblauch. Dabei wird der Bärlauch, der den Boden der Buchenwälder im Nationalpark Hainich im Westen Thüringens fast überall bedeckt, erst in zwei, drei Wochen sein Aromamaximum erreichen, wenn die krautigen Blätter in die Gammelphase eingehen. Vorher aber zeigt sich Allium ursinum noch von seiner schönen Seite: Jetzt, Anfang Mai öffnen sich die Blüten, in einigen geschützteren Stellen leuchtet der Waldboden schon im reinsten Blütenweiß, das bald schon allgegenwärtig sein wird.
Der Bärlauch ist allerdings nur einer von vielen Frühlingsblühern im Hainich. So nutzen auch Leberblümchen, Anemone, Zwiebel-Zahnwurz und Frühlingsplatterbse die wenigen Wochen, in denen die Frühlingssonne noch durch die Baumkronen auf den Waldboden dringt, um ihre Blätter dem Licht entgegenzustrecken und ihre Blüten von den Frühaufstehern unter den Insekten bestäuben zu lassen. Ist das Laubdach der Buchen erst voll ergrünt, halten es in ihrem Schatten nur noch einige Spezialisten wie die Türkenbundlilie aus; die Frühlingsblüher kümmern den restlichen Sommer vor sich hin oder ziehen sich wie der Bärlauch bis zum nächsten Jahr ganz in ihre Wurzelknollen und Zwiebeln zurück.
Freiheit für den Borkenkäfer
Der Bärlauch dürfte zwar die weitaus häufigste Pflanze des Hainich sein, die Mutter des am Rande des Thüringer Beckens auf einem Höhenzug aus Muschelkalk liegenden Waldes ist jedoch Fagus sylvatica, die Rotbuche. Sie macht rund die Hälfte der Bäume im Hainich aus, die andere Hälfte teilen sich Hainbuche, Esche, Ahorn und einige andere Laubbaumarten.
Was mit den sonst so oft vorherrschenden Fichten geschieht, wenn man die Natur wie im Hainich sich selbst überlässt, führt Rüdiger Biehl, stellvertretender Leiter des 1997 gegründeten Nationalparks, gleich zu Beginn einer ausgedehnten Hainich-Wanderung vor. In Sichtweite des Craulaer Kreuzes, eines steinernen Sühnekreuzes aus dem 16. Jahrhundert, ragen noch ein Paar Fichtenskelette über eine zuwachsende Lichtung. "Denen war's hier ohnehin zu trocken, den Rest hat der Borkenkäfer erledigt", sagt Biehl. Die Kerbtiere dürfen hier nach Lust und Laune walten, schließlich lautet der Grundsatz der deutschen Nationalparks, die Natur möglichst weitgehend sich selbst zu überlassen. Im Hainich bereitet das angesichts der ohnehin nur noch geringen Restbestände an Fichten kaum Probleme, anders als etwa in den Nationalparks Bayrischer Wald und Harz, wo der Borkenkäfer große Fichtenflächen entwaldete - und angrenzende Wirtschaftwälder gleich mit. Als Inseln im Meer der deutschen Kulturlandschaft stoßen die Nationalparks deshalb nicht immer auf Gegenliebe bei den Anrainern.
Zurück zum Buchenmischwald
Im Hainich, mit rund 160 Quadratkilometern schon jetzt Deutschlands größter zusammenhängender Laubwald, soll die konsequente Nichteinmischungspolitik im knapp die Hälfte der Fläche umfassenden Nationalpark erklärtermaßen zu einem "Urwald mitten in Deutschland" führen. Solche Buchenurwälder mit veränderlichen Anteilen anderer Baumarten bedeckten noch vor zweitausend Jahren den größten Teil Mitteleuropas, bevor der Mensch sie zur Gewinnung von Weide- und Ackerland nach und nach rodete.
Letzte, weitgehend ungestörte Reste dieser alten Vegetationsform findet man heute nur noch in den Karpaten nahe der Grenze zwischen der Slowakei und der Ukraine. Ließe man der Natur jedoch ihren Lauf, so würde sich die Buche innerhalb weniger hundert Jahre auch bei uns auf ihren ehemaligen Standorten wieder breitmachen, vermuten Landschaftsökologen. Sie sprechen vom Buchenmischwald als typischer Klimaxvegetation Mitteleuropas, jenem in Kulturlandschaften kaum anzutreffenden stabilen Gleichgewichtszustand also, der sich nach einer Störung über eine Reihe von Übergangsstadien wieder einstellt.
Beachtliche Artenvielfalt
Wie eine solche Sukzession vom Offenland zum Laubwald aussehen kann, kann man auf Wanderungen durch die verschiedenen Bereiche des Hainich sehen. Auf gut zwei Dritteln der Nationalparkfläche wächst alter Buchenmischwald, der zumindest dem Laien schon sehr urwüchsig vorkommt. Zu diesem Eindruck tragen neben dem beachtlichen Umfang der oft 200 Jahre alten Bäume vor allem die vielen abgestorbenen und teilweise umgestürzten Baumriesen bei, die im Nationalpark ungestört ihr zweites Dasein als Nahrungsgrundlage für Spechte, Pilze wie den Zunderschwamm und bohrende und knabbernde Totholzinsekten führen können. Das Ergebnis ist eine beachtliche Artenvielfalt: Allein 15 verschiedene Fledermausarten, 107 verschiedene Brutvögel und über 2000 Käferarten wurden im Hainich bereits nachgewiesen.
Dabei währt die weitgehende Ruhe vom Menschen hier - anders als in den Karpaten - noch nicht seit der letzten Eiszeit, sondern erst seit gut 50 Jahren. Wirklich ruhig war es dabei die meiste Zeit nicht, denn der Hainich verdankt seine Existenz der Nationalen Volksarmee der DDR und der Roten Armee, die das Gebiet bis 1991 als Truppenübungsplatz nutzten. "Der Wald diente aber nur als Kugelfänger oder vielleicht einmal, um die Übernachtung im Freien zu üben", sagt Rüdiger Biehl.
Überblick vom „Generalshügel“
Die eigentlichen Kriegsspiele fanden auf Flächen statt, deren Baumbestände kurzerhand umgesägt wurden. Besonders heftig wütete die Motorsäge Anfang der achtziger Jahre auf dem "Kindel", dem südlichen Ausläufer des heutigen Nationalparks, wo auf einen Schlag 600 Hektar Wald gerodet und die Stämme vor Ort mit Diesel überschüttet und verbrannt wurden. "Eine absolute Wahnsinnsaktion", meint Forstwirt Biehl. Übrig blieb nur eine Reihe einzelner Buchen als Landmarken für die Militärs. Sie stehen noch heute, doch hat die fehlende Einbindung in einen Waldverbund den gegen direkte Sonne empfindlichen Bäumen schwer zugesetzt - den Tag, an dem hier wieder junge Buchen hochkommen, werden sie wohl nicht mehr erleben.
Vom Generalshügel aus, einer Aufschüttung, auf der die Armeeführung früher die Manöver überwachte, kann man aber schon jetzt sehen, wie die natürliche Sukzession fortschreitet. Aus von Panzerspuren durchfurchten Wiesen wurde wieder Buschland mit Schlehe und Weißdorn, die Jahr für Jahr höher wachsen. "Vor zwei, drei Jahren hatte man von hier oben aus noch freien Blick auf die Landschaft, jetzt verdecken die Büsche die Sicht", sagt Thomas Mölich.
Panzerspuren als Biotop
Der Biologe sieht diese Entwicklung mit gemischten Gefühlen, denn für seinen speziellen Schützling bedeutet sie den Verlust geeigneter Lebensräume. "Wildkatzen brauchen den Wald nur als Rückzugsmöglichkeit, für die Jagd sind sie auf Waldränder und waldnahe Buschflächen abonniert, wie sie auf dem Kindel zu finden sind." Mit der fortschreitenden Verwaldung werde der Kindel deshalb für die Tiere weniger attraktiv, meint der Leiter des "Projektbüros Wildkatze" des BUND Thüringen. Mit ihren Vorlieben sind die Katzen nicht allein: Ganze Floren- und Faunengemeinschaften sind auf solche Sukzessionsflächen spezialisiert, darunter seltene Vögel wie Neuntöter und Braunkehlchen, Schmetterlinge, Käfer und Orchideen.
Wie man mit dieser von der Natur selbst ausgehenden Bedrohung für menschengemachte Biotope umgehen soll, ist unter Naturfreunden umstritten. Besonders brisant sind die Veränderungen auf dem Kindel, weil dort eine der größten deutschen Populationen der Gelbbauchunke lebt. Die streng geschützten Froschlurche mit der warzigen Ober- und knallgelben Unterseite gehören zu den typischen Pionierarten, zur Vermehrung benötigen sie nur zeitweilig gefüllte Kleinstgewässer. Die gibt es in ihrem ebenfalls bedrohten natürlichen Lebensraum, dem Auwald, oder eben in den wassergefüllten Panzerspuren von Truppenübungsplätzen. "In den Neunzigern forderten deshalb einige Artenschützer ernsthaft den Einsatz von Panzern, um die Unkenbiotope offen zu halten", sagt Rüdiger Biehl. Die Idee vom Artenschutzpanzer wäre jedoch mit dem Nationalparkprinzip, die Natur Natur sein zu lassen, kaum vereinbar - Artenschutz und Naturschutz sind nicht automatisch das Gleiche.
Gutes Klima für die Buchen
Inzwischen haben sich die meisten Artenschützer mit dem Verlust der künstlichen Feuchtbiotope auf dem Kindel abgefunden. Und auch Wildkatzenexperte Mölich sieht den Veränderungen gelassen entgegen. "Im gleichen Maße werden sich in den alternden Waldgebieten durch den Bruch alter Bäume wieder mehr Lichtungen öffnen, die den Katzen neuen Lebensraum bieten", hofft er.
Fürs Erste wird der Kindel den Katzen wohl noch die richtige Mischung aus guter Deckung und hoher Mäusedichte bieten - bis hier wieder Buchen wachsen, vergehen noch mindestens hundert Jahre, in denen zunächst ein lichter Ahorn- und Eschenwald entstehen muss, in dessen Schatten dann auch Jungbuchen überleben. Ob das Endergebnis jemals den heutigen Urwäldern der Karpaten gleichen wird, ist allerdings fraglich. Denn eine Klimaxvegetation ist immer nur so stabil wie ihre äußeren Umweltbedingungen. Und die verändern sich zur Zeit nachhaltig. Deutlich wärmere und trockenere Sommer, wie sie Klimatologen für Mitteleuropa erwarten, werden dem Wald mit Sicherheit zusetzen. Am schwersten treffen wird dies die weitverbreitete Fichte, die schon jetzt an vielen ihrer künstlich angepflanzten Vorkommen zu wenig Wasser findet. "Der Wald hier im Hainich kann dem Klimawandel dagegen relativ gelassen entgegen sehen", sagt Werner Kutsch, Botaniker vom Max-Planck-Institut für Biogeochemie in Jena. Die Buche befinde sich hier wie in fast allen deutschen Standorten in ihrem Wohlfühlbereich, selbst um zwei Grad höhere Durchschnittstemperaturen würden sie nur an wenigen Standorten in existentiellen Stress versetzen.
Wälder als Kohlenstoffsenken
Wälder sind jedoch nicht nur potentielle Opfer des Kilmawandels, als Senken für das Treibhausgas Kohlendioxid kommt ihnen auch eine aktive Rolle zu. Welchen Part dabei alte Wälder wie der Hainich haben, untersucht Kutschs Arbeitsgruppe an einem Messturm tief im Wald. Die 42 Meter hohe Stahlkonstruktion ermöglicht die kontinuierliche Messung des Kohlendioxidgehalts der Luft in verschiedenen Höhenstufen und damit Rückschlüsse auf die Aufnahme und Abgabe des Gases durch die Bäume. Bei Sonnenschein nehmen diese wie alle Pflanzen CO2 über ihre Blätter auf und fixieren den darin enthaltenen Kohlenstoff in Traubenzucker, aus dem schließlich Holz und Laub werden. Nachts und im Winter setzen sie es wieder frei.
Was über das Jahr an Kohlenstofffixierung übrig bleibt, hängt stark vom Alter des Waldes ab: Während junge Wälder noch viel Biomasse produzieren, sollten sich Produktion und Zerfall im Gleichgewicht eines Klimax-Waldes eigentlich die Waage halten. "Erstaunlicherweise findet man diesen theoretischen Endzustand aber nicht einmal bei tropischen Urwäldern. Überall auf der Welt scheinen die Wälder noch CO2 aufzunehmen", sagt Kutsch. Woran das liegt, sei noch ein Rätsel, eine Theorie laute, dass der vom Menschen freigesetzte Stickstoff die Wälder dünge und so für neuen Zuwachs sorge.
Auch der Hainich hat nach Kutschs Hochrechnungen ein ansehnliches Potential als Kohlenstoffsenke: Pro Jahr fixiert er rund 20 000 Tonnen reinen Kohlenstoff. Das klingt beachtlich, die Rettung des Weltklimas kann der Hainich damit allerdings nicht besorgen: der aufgenommene Kohlenstoff entspricht nicht einmal den CO2-Emissionen der in den umliegenden Städten Eisenach, Mühlhausen und Bad Langensalza zugelassenen Autos.
Die überraschend hohe Kohlenstoffaufnahme des Hainich ist aber nicht nur für Klimatologen, sondern auch für Ökologen interessant: als Indiz, dass es bis zu einem Urwald im Gleichgewicht von Wachstum und Zerfall noch ein weiter Weg ist.