05.06.2007 · Die Mittelmeer-Mönchsrobben sind etwas besonderes. Und das nicht nur, weil sie besonders selten ist. Spanische Wissenschaftler haben besonderes Sozialverhalten bei den Robben entdeckt: Die Großfamilie.
Von Dietmut KlärnerDie Mittelmeer-Mönchsrobbe (Monachus monachus) zählt nur noch wenige hundert Exemplare und gehört damit zu den rarsten Säugetierarten. Aus weiten Teilen ihres Verbreitungsgebiets, das einst vom Schwarzen Meer bis zu den Kapverdischen Inseln reichte, ist sie völlig verschwunden. Auch wo sie noch ein Refugium hat, bekommt man sie selten zu Gesicht. Gewöhnlich zieht sie sich am Strand in Höhlen zurück und entzieht sich so den neugierigen Blicken. Das mag erklären, warum man erst kürzlich entdeckt hat, dass Mönchsrobben ihren Nachwuchs mehr als doppelt so lange säugen, als das bei Robben üblich ist. Vor allem aber stellte sich heraus, dass die Weibchen neben dem eigenen Sprössling oft auch fremde Junge versorgen.
Wissenschaftler der Universität Barcelona, des Museo Argentino de Ciencias Naturales in Buenos Aires und des British Antarctic Survey in Cambridge haben bei der Halbinsel Cap Blanc an der afrikanischen Westküste, wo sich die größte verbliebene Population tummelt, mehrere Jahre lang die Kinderstuben der Mönchsrobben studiert. Dank des warmen Klimas ist dort das ganze Jahr über Nachwuchs anzutreffen. Den Beobachtungen zufolge sind Mutter und Kind nach der Geburt eine Woche lang unzertrennlich. Anschließend kommt das Junge zeitweilig allein zurecht, während die Mutter zum Fischen geht. In die Höhle zurückgekehrt, erkennt sie ihren Sprössling am Geruch und an der Stimme. Nicht selten muss sie aber eine Weile suchen, denn nach den ersten Schwimmübungen im Alter von wenigen Tagen werden die Jungtiere zunehmend mobiler. Sie besuchen mitunter sogar andere, mehr als einen Kilometer entfernte Höhlen. Unabhängig von mütterlicher Fürsorge werden sie allerdings viel später als der Nachwuchs anderer Robbenarten.
Eine Art Großfamilie
Die meisten Vertreter der Robbenfamilie verköstigen ihre Jungen nur wenige Wochen mit Milch. Junge Klappmützen, auf dem Eis des nördlichen Polarmeers geboren, werden sogar bloß vier Tage lang gesäugt. Schließlich gilt es, das prekäre Quartier baldmöglichst wieder zu räumen. Die urtümlichen Mönchsrobben - eine weitere, ebenfalls rare Art (Monachus schauinslandi) bevölkert die Gewässer um Hawaii - sind die einzigen, die in ausgesprochen warmen Klimazonen leben. Dort können sie sich Zeit lassen und ihre Jungen auch im Alter von vier bis fünf Monaten noch mit Milch versorgen.
Ist die eigene Mutter einmal nicht zur Stelle, versuchen die hungrigen Robbenkinder anderswo ihr Glück. In mehr als einem Viertel der Fälle, in denen die Forscher die Tiere individuell identifizieren konnten, säugten die Mönchsrobbenweibchen fremden Nachwuchs („Journal of the Marine Biological Association of the United Kingdom“, Bd. 87, S. 93). Bisweilen hängen fremde Sprösslinge sogar neben dem leiblichen Kind an den Zitzen. Dass sich weibliche Mönchsrobben so tolerant und freigebig zeigen, gibt auch Jungen, die ihre Mutter verloren haben, eine Überlebenschance. Während die Wissenschaftler die Mönchsrobben bei Kap Blanc beobachteten, wurden dort zwei Jungtiere von Weibchen adoptiert, denen das eigene Kind abhanden gekommen war.
Offenbar wachsen die Mönchsrobben in einer Art Großfamilie auf, wo sich außer der Mutter noch andere, vermutlich nahe verwandte Weibchen um sie kümmern. Deshalb warnen die Forscher davor, scheinbar verlassene Jungtiere voreilig in Obhut zu nehmen. Gemeinsam den Nachwuchs zu betreuen setzt freilich voraus, dass etliche Mönchsrobben denselben Strandabschnitt als Kinderstube nutzen. In der Ägäis, wo weit verstreut die letzten Mönchsrobben des Mittelmeers leben, fehlt es oft an hilfreichen Nachbarinnen, bei denen verwaiste Junge unterkommen könnten. Dass sie mitunter rechtzeitig gefunden und von Menschenhand großgezogen werden, mag erfreulich sein. Doch an der misslichen Lage der Robbenpopulation ändert es wenig. Im weitgehend leergefischten Mittelmeer ist nicht nur die Verpflegung knapp geworden, sondern es mangelt auch an ruhigen Stränden, an denen die Mönchsrobben ungestört ihren Nachwuchs großziehen könnten.