06.08.2004 · Herr Piatkowski, Sie waren mit am Mittelatlantischen Rücken. Wie geht es denn den Lebewesen dort?Ja, ich war den ganzen Juni auf der "G.O. Sars". Unsere Untersuchungen zeigen eine immense Artenvielfalt an Lebewesen, deren Muster ...
Der Tintenfischfachmann Uwe Piatkowski vom Kieler Leibniz-Institut für Meereswissenschaften (IFM-Geomar) äußert sich im F.A.Z.-Gespräch zur Arbeit auf dem Schiff.
Herr Piatkowski, Sie waren mit am Mittelatlantischen Rücken. Wie geht es denn den Lebewesen dort?
Ja, ich war den ganzen Juni auf der "G.O. Sars". Unsere Untersuchungen zeigen eine immense Artenvielfalt an Lebewesen, deren Muster sich von Nord nach Süd merklich ändert und in allen Tiergruppen, vom Zooplankton über Tintenfische und Fische bis hin zu den Großwalen, ausgeprägt ist. Offensichtlich geht es den Lebewesen dort im offenen Ozean recht gut.
Wie sah Ihr Tag aus auf dem Schiff?
Eine Expedition in weitgehend unbekannte Regionen ist natürlich für jeden Meeresforscher faszinierend. Aber es war schon sehr anstrengend, weil die Arbeitszeiten streng nach einem Sechs-Stunden-Wachen-Rhythmus eingeteilt waren und damit richtiges Ausschlafen nie möglich war. Schiffszeit ist kostbar, und eigentlich kam ich nie zur Ruhe, weil immer irgendwelche Stationsarbeiten anlagen. Auch das Wetter war nicht immer gut, aber der Nordatlantik ist nun mal nicht die Südsee.
Warum müssen wir denn gerade wissen, was am Mittelatlantischen Rücken lebt, vor allem am Meeresgrund?
Der Mittelatlantische Rücken ist das größte untermeerische Gebirgssystem im Weltozean. Wir wissen von seiner Struktur weniger als von vielen Teilen des Mondes. Seine Erhebungen, Schluchten und Seeberge beherbergen eine Fauna, die nur dort vorkommt und sich an diese geologisch recht jungen Strukturen hervorragend angepaßt hat. Die Biologie und Lebensweise dieser Lebewesen ist so gut wie unbekannt. Es ist aber ein Hauptziel der modernen Grundlagenforschung, im Zusammenspiel mit neuen Technologien diese Lebewesen zu dokumentieren und ihre Lebensweise zu erforschen.
Wie können Tiere in großen Meerestiefen überleben? Es ist kalt dort, finster, der Wasserdruck ist gigantisch.
Alle Tiere, die in großen Meerestiefen oder auf dem Tiefseeboden leben, sind Spezialisten, die besondere Strategien und Anpassungen entwickelt haben. Dies zu erforschen, also ihre Funktionsweisen in diesem für uns so unwirtlichem Milieu aufzudecken, ist nicht nur eine Herausforderung für Biologen, sondern für alle Naturwissenschaftler. Im Prinzip sind aber auch die Bewohner der Tiefsee abhängig von der Produktion in den oberen Wasserschichten. Hier wird alljährlich eine Algenbiomasse produziert, die wie an Land von Nährstoffen und Sonnenlicht abhängig ist. Diese Algen, im offenen Ozean sind es zumeist kleine Kieselalgen, auch Phytoplankton genannt, bilden die Grundnahrung für die kleinsten tierischen Lebewesen im Ozean, das Zooplankton. Dies wiederum liefert die Nahrungsbasis für alle höheren Lebewesen im Meer, wie Garnelen, Tintenfische, Fische oder Meeressäuger. All die Lebewesen, die aus dem Oberflächenwasser in die Tiefe gelangen, sei es durch Absinken nach dem Tod oder durch aktive Wanderung in tiefere Regionen, bilden die Grundnahrung für die Tiefseebewohner.
Welche Meeresforschungen werden in Deutschland besonders gefördert?
Das Meer beeinflußt das gesamte Leben auf der Erde. Globale Änderungen, verursacht durch anthropogene Einflüsse oder klimatische Schwankungen, wirken sich im Meer besonders stark aus, wie es derzeit bei den Überschwemmungen in Bangladesh besonders schlimm zum Ausdruck kommt. Daher sind Untersuchungen zu Wechselwirkungen zwischen Ozean und Atmosphäre zur Zeit ein Schwerpunkt der deutschen Meeresforschung. Wichtig sind auch Untersuchungen zur marinen Rohstoffgewinnung und zum Problem der Überfischung in den Schelfmeeren. Die Grundlagenforschung und die Erfassung der Ökosysteme im Ozean sind derzeit keine Hauptanliegen deutscher Meeresforschung. Die große Tradition der deutschen meereskundlichen Expeditionen des vergangenen Jahrhunderts ist leider etwas ins Stocken geraten. Hier sind Institutionen aus Norwegen, Großbritannien, Frankreich und den Vereinigten Staaten im Augenblick wesentlich aktiver.
Was sagt Ihre Frau dazu, wenn Sie immer wieder auf Expeditionen verschwinden?
Sie duldet es mit großer Toleranz. Unser erster Sohn war gerade sechs Wochen alt, als ich für fast drei Monate auf Expedition in die Antarktis verschwand. Beim zweiten war es nicht viel anders. Erst nach der Geburt unserer Tochter wurde ich etwas ruhiger. Ich weiß, viele Frauen würden so etwas nicht mitmachen, aber die Begeisterung für Seereisen und für die marine Fauna lassen mich nicht los. Da ist es dann auch nicht verwunderlich, daß einer meiner Söhne Geologie studiert und von meeresgeologischen Expeditionen träumt. Seine Begeisterung kann ich natürlich gut verstehen, aber die extrem schlechten Berufsaussichten machen mich auch nachdenklich.