Home
http://www.faz.net/-gwz-x0i8
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Marienkäfer aus Fernost Vom Nützling zum Schädling

Marienkäfer bringen Glück, so heißt es. Wenn sie aber zu Tausenden anrücken, werden sie zu Störenfrieden. Der asiatische Vetter der heimischen Käferart ist weiter auf dem Vormarsch und erobert Europa.

© AP Photo/CP, Windsor Star - Jason Kryk Vergrößern Harmonia axyridis, die asiatische Variante des heimischen Marienkäfers.

Etwas überrascht war Volker Weisel schon von seinen neuen Hausgenossen. Im Februar fielen sie unerwartet auf dem Lindenhof ein, den Weisel als Nebenerwerbsbauer bewirtschaftet. Immer mehr Marienkäfer sammelten sich im Wohnzimmer, obwohl es draußen noch viel zu kalt für den Insektenflug war. "Die krabbelten am Fenster rum, saßen unter der Lampe, irgendwo war immer einer." Familie Weisel war anfangs noch darauf bedacht, sie behutsam wieder ins Freie zu setzen; schließlich weiß jedes Kind, dass Marienkäfer zu den Nützlingen gehören. Irgendwann kam ihnen die Sache aber dann doch spanisch vor. Und so brachte der Hausherr einige Exemplare mit ins Institut für Phytopathologie der Universität Gießen, wo er hauptberuflich angestellt ist. Dort war der vermeintliche Glücksbringer schnell entlarvt: 19 schwarze Punkte auf den roten Flügeln und das schwarze "M" auf seinem weißen Halsschild wiesen ihn eindeutig als einen Vertreter der asiatischen Käferart Harmonia axyridis aus.

Der Vetter aus Fernost ist etwas größer als der beliebte heimische 7-Punkte-Marienkäfer und verfügt über eine erstaunliche Formenvielfalt. Anders als sein europäischer Verwandter ist er wenig wählerisch, was seine Nahrung betrifft. Neben Blattläusen frisst er auch Blattflöhe, Gallenläuse und Schildläuse. Und genau aus diesem Grund wurde er schon 1916 aus seiner asiatischen Heimat zum Zwecke der biologischen Schädlingsbekämpfung in die Vereinigten Staaten exportiert. Auch nach Europa kam er nicht etwa als blinder Passagier, sondern wurde ganz bewusst eingeführt, und zwar zum ersten Mal 1982 nach Südfrankreich, dann nach Belgien und in die Niederlande. Von dort gelangte er schließlich über den Versandhandel auch nach Deutschland, wo er unter Gärtnern als biologische Alternative zum Chemikalieneinsatz in der Gewächshauskultur gilt.

Mehr zum Thema

Die einheimische Art wird verdrängt

Harmonia axyridis aber hielt es nicht lange im Gewächshaus. Inzwischen geht er längst auf Beutefang in freier Wildbahn. Dort erweist er sich als höchst anpassungsfähiger Opportunist ohne spezielle Ansprüche an Lebensraum und Nahrung. Hat er erst einmal alle Blattläuse weggefressen, macht er sich hemmungslos über die Larven anderer Nützlinge her, verschmäht auch pflanzliche Kost nicht und frisst schließlich sogar die Larven seiner europäischen Verwandten.

Marienkäfer Ginkgo-Blatt © picture-alliance/ dpa Vergrößern Ein Exemplar der heimischen Variante des Marienkäfers

"Der asiatische Marienkäfer zeigt ganz eindeutig die Tendenz, einheimische Arten zu verdrängen", sagt der Entomologe Andreas Vilcinskas vom Institut für angewandte Zoologie der Uni Gießen. Das zeigte sich schon in Nordamerika, wo die erste frei lebende Population von Harmonia axyridis zwar erst 1988 in Louisiana entdeckt worden war. Doch innerhalb weniger Jahre gelang es ihr, sich von dort aus bis nach Florida und Kanada auszubreiten. In Europa dauerte es weniger lange: 15 Jahre nach der Einfuhr fand sich der asiatische Marienkäfer 1997 bereits im belgischen Freiland. Um die Jahrtausendwende herum trat er dann erstmals im Rhein-Main-Gebiet und in Hamburg auf.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Nach Streit mit Gießen Ikea darf in Wetzlar bauen

Ein langer Streit findet ein Ende: In Wetzlar darf der schwedische Möbelriese Ikea ein Einrichtungshaus bauen. Allerdings mit Auflagen für das Sortiment. Mehr Von Wolfram Ahlers, Wetzlar

23.03.2015, 09:30 Uhr | Rhein-Main
Trailer "State Festival" On/Off

Ein sehr professionell gemachter Film des französischen Regisseurs Thierry Lorenzi. Ein Mann und eine Frau, die offensichtlich auch ein Pärchen sind, forschen und leben auf einer Raumstation. Mehr

28.10.2014, 10:20 Uhr | Wissen
Elektroautobauer gescheitert Teslas China-Kater

Der amerikanische Elektroautobauer wollte den weltgrößten Markt im Sturm erobern – und ist kläglich gescheitert. Der Tesla-Chef weiß auch, wer daran schuld ist: die Kunden. Mehr Von Hendrik Ankenbrand, Schanghai

30.03.2015, 07:09 Uhr | Wirtschaft
Trailer "State Festival" Turbulent

Dieser Film ist der abstrakteste und deswegen vielleicht auch konsequenteste Film der Festival. Über zwei Minuten hinweg sieht man Aufnahmen eines Mikroskopes. Mehr

28.10.2014, 10:19 Uhr | Wissen
Spurensuche auf dem Mars Wo kommt der Dünger her?

Die Suche nach Lebensspuren auf dem Mars ist für den ferngelenkten Rover Curiosity ein gefundenes Fressen: Er bohrt fleißig und findet eine chemische Zutat nach der anderen. Mehr

24.03.2015, 17:22 Uhr | Wissen
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 05.05.2008, 15:34 Uhr

Macht endlich etwas aus dem Gehirn

Von Thomas Thiel

Was nun Visionäre? Europas Milliarden schweres „Human Brain Project“ soll eines Tages das Gehirn simulieren. Vorausgesetzt es kommt jetzt endlich in Gang. Mehr 5 4