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Manila-Muschel Willkommener Neubürger

 ·  Einwandernde Tier- und Pflanzenarten stehen häufig im Verdacht andere Arten zu verdrängen. Dass das Zusammenspiel dabei oft vielschichtiger ist, zeigt das Beispiel der Manila-Muschel. Diese könnte sogar die Bestände heimischer Wattvögel retten.

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Fremdländische Organismen, die sich hierzulande in der Natur ansiedeln, sind gewöhnlich nicht allzu gern gesehen. Schließlich stehen sie im Verdacht, sich auf Kosten einheimischer Pflanzen und Tiere auszubreiten. Die ökologischen Zusammenhänge sind aber mitunter vielfältiger als vermutet. Ein Beispiel hierfür liefert die Manila-Muschel (Tapes philippinarum), ein biologischer Neubürger von der Ostküste Asiens.

In den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts begann dieser bis zu sechs Zentimeter große Vertreter der Venusmuscheln auch an Europas Küsten Fuß zu fassen. Die Folgen sind zwar noch nicht abzusehen, aber gegenwärtig lässt sich beobachten, dass die Vogelwelt der Wattenmeere von den Muscheln aus Fernost zu profitieren scheint. Austernfischer greifen jedenfalls eifrig auf die neue Nahrungsquelle zurück. Das belegen Untersuchungen, die Wissenschaftler um Richard Caldow vom Winfrith Technology Centre in Dorchester und Philippa Wood von der University of Southampton kürzlich vorgenommen haben.

Flugs entwischt und ausgebreitet

Ende der achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts wurde an der englischen Küste begonnen, Manila-Muscheln in Aquakulturen zu züchten. Fachleute hatten angenommen, die Wassertemperaturen seien dort viel zu niedrig, als dass die exotischen Schalentiere eine Chance hätten, in freier Natur zu gedeihen.

Bei Poole Harbour, an der Küste von Dorset, sind die Muscheln dennoch flugs entwischt und haben sich in der Umgebung ausgebreitet („Proceedings of the Royal Society“, Teil B, Bd. 274, S. 1449). Wie die Forscher beobachteten, wissen die dort überwinternden Austernfischer die neuartige Kost zu schätzen. Manila-Muscheln sind bei diesen Vögeln mittlerweile ebenso begehrt wie die heimischen Herz- und Sandklaffmuscheln.

Willkommener Ersatz für viele Wattvögel

Verglichen mit der Lagune von Venedig, wo sich mancherorts mehr als eintausend Manila-Muscheln auf einem Quadratmeter drängen, sind die Wattflächen bei Poole Harbour mit durchschnittlich fünf Exemplaren pro Quadratmeter noch recht dünn besiedelt. Nach den Berechnungen der britischen Forscher genügt das aber bereits, Austernfischer vor dem Verhungern zu retten und so die Sterblichkeit dieser Vögel während der Wintermonate deutlich zu senken.

Sollten die Winter, wie von Klimaforschern prognostiziert, künftig milder werden, dürfte das die Lebensbedingungen für Manila-Muscheln in Europa noch verbessern. Nicht nur Englands Südküste, auch das Wattenmeer der Nordsee könnte dann großflächig besiedelt werden. Wenn die Bestände alteingesessener Arten abnehmen, weil sie hohe Temperaturen schlecht vertragen, wären die wärmeliebenden Muscheln für viele Wattvögel ein willkommener Ersatz. An der englischen Küste zeigen die Manila-Muscheln bislang keine Neigung, andere Muschelarten unmittelbar zu verdrängen. In der Lagune von Venedig geht ihr Erfolg anscheinend aber zu Lasten der einheimischen Herz- und Venusmuscheln, die sich neben den erfolgreichen Neuankömmlingen kaum noch behaupten können.

Quelle: D.K. / F.A.Z., 29.08.2007, Nr. 200 / Seite N1
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