Was gibt’s heute zu essen? Am besten was Vegetarisches, man will ja nicht nur gesund leben, sondern auch die Umwelt schonen. Also zum Beispiel Gemüse mit Reis, grünen Salat und hinterher eine Banane. Der Reis stammt von Okinawa, hat zehntausend Kilometer Transport per Schiff und Lastwagen hinter sich, beim Anbau pro Kilo 1675 Liter Wasser verbraucht und kostet im Supermarkt 2,49 Euro. Die Paprika kommt aus einem marokkanischen Gewächshaus, die Champignons sind aus Litauen, der Fenchel aus Italien, der Salat wurde in der Nähe von Almería geerntet und die Banane in der Dominikanischen Republik.
Das summiert sich zu einer Transportdistanz von dreißigtausend Kilometern, einem Kohlendioxidausstoß von fünf Kilogramm und einem Wasserverbrauch von viertausend Litern pro Kilo. Alles für ein vegetarisches Essen, das unter dem Strich nicht mehr kostet, als der Hartz-IV-Satz hergibt: Vollwertig und gesund, wie es bereits einem ehemaligen Berliner Finanzsenator vorschwebte.
Ein Drittel wandert in den Orkus
Die Zahlen hat der österreichische Fotograf Klaus Pichler zusammengetragen. Er hat in Wien fünf Dutzend gängige Nahrungsmittel gekauft, ihren Weg in die Anbaugebiete zurückverfolgt, sie dann planvoll verrotten lassen und im Studio arrangiert. „One Third“ nannte er sein Projekt, weil er kaum fassen konnte, was die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) im März 2011 vorgerechnet hat. Demnach wandert regelmäßig ein Drittel der gesamten weltweiten Lebensmittelproduktion in den Orkus.
Auf der einen Seite stehen Verluste bei der Ernte, bei der Lagerung und beim Vertrieb, auf der anderen Seite der Kunde. An die hundert Kilo Lebensmittel wirft er pro Jahr auf den Müll. Durchaus mit schlechtem Gewissen, wie Umfragen in Deutschland zeigen: Elf Millionen Tonnen landen immerhin in der Biotonne. Großverbraucher wie Industrie, Handel und Restaurants sind für vierzig Prozent der Abfälle verantwortlich, Endverbraucher für den Rest.
Dabei ist es ganz egal, mit welchem Aufwand ein Nahrungsmittel produziert wurde. Fertigpizzen werden ebenso weggeschmissen wie Gemüsekonserven, Orangen genauso aussortiert wie Gurken, die nicht mehr taufrisch sind. Verkaufen lässt sich nur noch makellose Ware, deren Herkunft man ihr nicht mehr ansieht.
Zum Beispiel werden in Deutschland jährlich rund sechshundert Millionen Hähnchen geschlachtet, doch gegessen werden fast ausschließlich Brust und Keule. So gehen die Innereien nach Russland, die Füße nach Asien und was sonst noch anfällt, landet auf dem afrikanischen Markt. Von dort kommen wiederum die Kenia-Bohnen und der preiswerte Viktoria-barsch. Letzterer gern mit dem Flugzeug, wo er sich den Frachtraum mit lebendem Hummer, frischer Papaya und sogenannter „Flug-Ananas“ teilt. Außerhalb der Saison werden Weintrauben, Beeren oder Spargel eingeflogen. Klaus Pichler fand bei seinen Recherchen allerdings auch ordinäre Zwiebeln, die aus Neuseeland herangekarrt worden waren, sie kosteten nur 1,32 Euro pro Kilo.
Wie kann das sein? Und was ist in solchen Fällen mit dem „Carbon Footprint“? Nehmen wir als Paradebeispiel den Apfel. Auch in Deutschland wachsen genug davon, und es ist im Grunde nicht einzusehen, warum man sie aus dem fernen Neuseeland beziehen sollte. Der Haken am heimischen Apfel ist, dass er nur drei Monate im Jahr geerntet wird, von Mitte August bis Mitte November. In kontrollierter Atmosphäre und gekühlt lässt er sich maximal bis in den Mai lagern. Doch die meisten Konsumenten halten es für unzumutbar, bis zur nächsten Ernte zu warten. Dann schlägt eben die Stunde der Braeburns und der Gala Royals vom anderen Ende der Welt. Sie haben 23 000 Kilometer mit dem Schiff hinter sich, die Äpfel aus dem Alten Land dagegen 150 Tage im Kühlhaus verbracht.
Der Bonner Agrarwissenschaftler Michael Blanke hat die Energiebilanzen verglichen. Ergebnis: Ein Kilo Neuseeländer Äpfel verursachen, bis sie im Obstkorb landen, rund 400 Gramm CO2, die aus dem Alten Land gerade mal ein Drittel weniger. Das muss man relativ sehen: Ein Kunde, der zwei Kilometer mit dem Kombi zum Supermarkt fährt, produziert hin und zurück auch schon ein halbes Kilo des Treibhausgases.
Kompliziert wird es bei den weiterverarbeiteten Produkten. Am bekanntesten ist das Beispiel des Erdbeerjoghurts: Die Raumplanerin Stefanie Böge hat vor zwanzig Jahren nachgeforscht, woher seine einzelnen Komponenten stammen. Die Bakterienkulturen kamen aus Niebüll, die Erdbeeren aus Polen, beide wurden in Stuttgart mit Milch zusammengerührt, die einzelnen Bestandteile der Verpackung nahmen noch abenteuerlichere Wege. Schließlich musste das fertige Produkt bundesweit ausgeliefert werden. Auf den einzelnen 150-Gramm-Becher umgerechnet entsprach das einer Lkw-Strecke von 14 Metern. Bei einem Pro-Kopf-Verbrauch von 15 Kilo Joghurt pro Jahr ist also jeder Bundesbürger mit anderthalb Lastwagenkilometern dabei.
Theoretisch müsste man für jedes einzelne Lebensmittel eine eigene Klimabilanz erstellen. Einige Großhandelsketten haben bereits mit Labeln experimentiert, auf denen „food miles“ verzeichnet sind. Doch für ein Gesamtbild reicht das nicht. Wie häufig ein Produkt verzehrt wird, wie es gelagert und zubereitet wird, spielt mindestens eine ebenso große Rolle.
Wer ist die größte Kohlendioxid-Schleuder?
Das Ökoinstitut Darmstadt hat im Auftrag des nordrhein-westfälischen Landesamtes für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz im vergangenen Jahr eine Metastudie abgeliefert, in die knapp zweihundert Untersuchungen an rund sechshundert Produkten eingeflossen sind. Die größte Kohlendioxid-Schleuder ist demzufolge Schweinefleisch, weil es oft auf den Teller kommt (224 Kilo CO2 pro Kopf und Jahr). Dahinter finden sich Käse und Butter (170, 164), weil zu ihrer Herstellung viel Milch erzeugt werden muss. Rindfleisch, Fisch und Bier liegen im Mittelfeld (90, 69, 96), gefolgt von Kaffee, Mineralwasser und Eiern (43, 55, 36). Am wenigstens Kohlendioxid verursachen Äpfel (17), Kartoffeln (13), Tomaten (6) und Teigwaren (6).
Was darf’s also guten Gewissens sein? Puffer mit Apfelmus. Oder endlich wieder der Kinderklassiker: Spaghetti mit Tomatensauce.
Auch wenn "Wasserverbrauch" so schön "schlimm" klingt:
Gerhard Katz (spital8katz)
- 04.10.2012, 16:31 Uhr
Vielleicht erinnert sich der eine oder andere noch an die
"Lebensumstände" in der DDR
Rolf-Dirk Maehler (RDMAEHLER1)
- 29.09.2012, 16:25 Uhr
Überzogene Qualitätsansprüche - Industriequalität
Bernd Lieferts (Beutelschneider)
- 29.09.2012, 14:36 Uhr
Trotz irreführendem Titel ein guter Beitrag, dem aber noch einiges
hinzuzufügen wäre.
Otto Meier (DerQuerulant)
- 29.09.2012, 12:49 Uhr
Welthandel und Arbeitsbedingungen
Markus Weber (marlaegn)
- 29.09.2012, 12:13 Uhr