Home
http://www.faz.net/-gwz-7328x
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Lebensmittel Ein Drittel ist für die Katz

Lebensmittel werden kreuz und quer über den Globus befördert. Das schadet dem Klima. Und am Ende wandert vieles in die Tonne.

© Klaus Pichler / Anzenberger Vergrößern Luxus für die Tonne

Was gibt’s heute zu essen? Am besten was Vegetarisches, man will ja nicht nur gesund leben, sondern auch die Umwelt schonen. Also zum Beispiel Gemüse mit Reis, grünen Salat und hinterher eine Banane. Der Reis stammt von Okinawa, hat zehntausend Kilometer Transport per Schiff und Lastwagen hinter sich, beim Anbau pro Kilo 1675 Liter Wasser verbraucht und kostet im Supermarkt 2,49 Euro. Die Paprika kommt aus einem marokkanischen Gewächshaus, die Champignons sind aus Litauen, der Fenchel aus Italien, der Salat wurde in der Nähe von Almería geerntet und die Banane in der Dominikanischen Republik.

Jörg Albrecht Folgen:  

Das summiert sich zu einer Transportdistanz von dreißigtausend Kilometern, einem Kohlendioxidausstoß von fünf Kilogramm und einem Wasserverbrauch von viertausend Litern pro Kilo. Alles für ein vegetarisches Essen, das unter dem Strich nicht mehr kostet, als der Hartz-IV-Satz hergibt: Vollwertig und gesund, wie es bereits einem ehemaligen Berliner Finanzsenator vorschwebte.

Ein Drittel wandert in den Orkus

Die Zahlen hat der österreichische Fotograf Klaus Pichler zusammengetragen. Er hat in Wien fünf Dutzend gängige Nahrungsmittel gekauft, ihren Weg in die Anbaugebiete zurückverfolgt, sie dann planvoll verrotten lassen und im Studio arrangiert. „One Third“ nannte er sein Projekt, weil er kaum fassen konnte, was die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) im März 2011 vorgerechnet hat. Demnach wandert regelmäßig ein Drittel der gesamten weltweiten Lebensmittelproduktion in den Orkus.

Auf der einen Seite stehen Verluste bei der Ernte, bei der Lagerung und beim Vertrieb, auf der anderen Seite der Kunde. An die hundert Kilo Lebensmittel wirft er pro Jahr auf den Müll. Durchaus mit schlechtem Gewissen, wie Umfragen in Deutschland zeigen: Elf Millionen Tonnen landen immerhin in der Biotonne. Großverbraucher wie Industrie, Handel und Restaurants sind für vierzig Prozent der Abfälle verantwortlich, Endverbraucher für den Rest.

Dabei ist es ganz egal, mit welchem Aufwand ein Nahrungsmittel produziert wurde. Fertigpizzen werden ebenso weggeschmissen wie Gemüsekonserven, Orangen genauso aussortiert wie Gurken, die nicht mehr taufrisch sind. Verkaufen lässt sich nur noch makellose Ware, deren Herkunft man ihr nicht mehr ansieht.

One Third © Klaus Pichler / Anzenberger Vergrößern Trauben: Nicht mehr zum Genießen, sondern nur noch zum Fotografieren. Bilder von Klaus Pichler /Anzenberger Gallery. com

Zum Beispiel werden in Deutschland jährlich rund sechshundert Millionen Hähnchen geschlachtet, doch gegessen werden fast ausschließlich Brust und Keule. So gehen die Innereien nach Russland, die Füße nach Asien und was sonst noch anfällt, landet auf dem afrikanischen Markt. Von dort kommen wiederum die Kenia-Bohnen und der preiswerte Viktoria-barsch. Letzterer gern mit dem Flugzeug, wo er sich den Frachtraum mit lebendem Hummer, frischer Papaya und sogenannter „Flug-Ananas“ teilt. Außerhalb der Saison werden Weintrauben, Beeren oder Spargel eingeflogen. Klaus Pichler fand bei seinen Recherchen allerdings auch ordinäre Zwiebeln, die aus Neuseeland herangekarrt worden waren, sie kosteten nur 1,32 Euro pro Kilo.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Investieren in Landwirtschaft Die Ackerrendite

Ob Hofanleihe, Erntegenossenschaft oder Foodfunding - immer mehr Städter stecken ihr Geld in die Landwirtschaft. Zinsen gibt’s in Naturalien. Mehr Von Nadine Oberhuber

21.04.2015, 14:21 Uhr | Finanzen
Vegetarische Küche Quinoa-Salat aus Österreich

Das vegetarische Restaurant Tian in Wien ist für seine kreative Küche mit einem Michelin-Stern und drei Hauben vom Gault Millau ausgezeichnet. Hier bereitet Chefkoch Paul Ivic ein Gericht aus seinem Buch Vegetarische Sommerküche zu. Mehr

08.04.2015, 17:41 Uhr | Stil
Kulinarik über den Wolken Willkommen im fliegenden Weinkeller

Essen und trinken hält nicht nur Leib und Seele zusammen, sondern auch Passagiere in der Luft bei Laune. Deswegen betreibt Singapore Airlines einen so großen Aufwand um seine Bordverpflegung wie wohl keine zweite Fluggesellschaft - und das ausgerechnet unter der Regie eines unorthodoxen, norddeutschen Grünkohl-Fans. Mehr Von Jakob Strobel y Serra

24.04.2015, 11:30 Uhr | Reise
Hongkong Reis aus dem Großstadtdschungel

Das eng umgrenzte Hongkong muss fast alle Lebensmittel importieren. Bei Obst und Gemüse stammen nur zwei Prozent aus örtlichem Anbau. Doch die Zahl der Biohöfe wächst - langsam, aber stetig. Mehr

08.12.2014, 14:28 Uhr | Gesellschaft
Gefragte Watch Das Geheimnis von Apples Erfolg in China

Noch nie war ein Apple-Produkt so sehr auf chinesische Käufer zugeschnitten wie die neue Uhr. Bald schon wird die Volksrepublik zum größten Markt der Amerikaner. Ihr Verkaufsgeheimnis ist Chinas konfuzianischer Kollektivismus. Mehr Von Hendrik Ankenbrand, Schanghai

23.04.2015, 07:16 Uhr | Wirtschaft
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 28.09.2012, 11:07 Uhr