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Klimaschutz Entwaffnet die Industrie

30.05.2009 ·  Die Null-Kohlenstoff-Industrie muss das ultimative Ziel sein. So formuliert es ein Memorandum zum Klimaschutz, das eine Gruppe von Nobelpreisträgern in London vorstellte. Die Zeit sei bereits knapp geworden, um die richtigen Weichenstellungen vorzunehmen.

Von Joachim Müller-Jung
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, London. Es gehört zur unerbittlichen Logik des Klimasystems und zur vielleicht noch unerbittlicheren Realität der Klimapolitik in diesen Tagen, knapp ein halbes Jahr vor der Klimakonferenz von Kopenhagen, dass der Menschheit allmählich die Zeit davonzulaufen droht. Jetzt! So lautete der Imperativ, der gleich mehrfach in ein Memorandum eingearbeitet wurde, den zwanzig Nobelpreisträger, vom Physik- bis zum Wirtschaftslaureaten, zusammen mit ein paar Dutzend internationalen Fachleuten in London ausgearbeitet und unterzeichnet haben.

Das Treffen fand im ältesten Londoner Palast, dem ehrwürdigen St. James Palace nahe Buckingham, statt. Und natürlich war es wie alles, was in diesen Tagen weltökonomische Aspekte berührt, überschattet von der Finanzkrise, von der Frage nach den zusammenbrechenden Industriestrukturen und dem Versagen der Ökonomie als Wissenschaft. Am Ende aber war die Wirtschaftskrise ein bloßer Nebenschauplatz, so volatil wie Wunderjahre. Die Krise des Weltklimas jedoch, die man in dem Manifest mit der „unerbittlichen Dringlichkeit des Jetzt“ überschrieben hat, sie verspricht die Menschheit nach Überzeugung der Nobelpreisträger für Generationen in den ökologischen und ökonomischen Würgegriff zu nehmen.

Von knapper Zeit

Ein geosoziales Desaster ersten Ranges drohe, so war zu hören. Eines, das nach menschlichem Ermessen nur extrem schwer abzuwenden sei. Eine globale Notsituation also. Und weil dies allenfalls noch mit einer Art geopolitischer Notoperation gelingen könnte, weil die Weltkonferenz in Kopenhagen im Dezember von den wichtigsten Denkern der Welt quasi als die allerletzte Chance angesehen wird, das Ruder noch herumzureißen und eine „hoffentlich noch akzeptable Erderwärmung von höchstens zwei Grad“ zu ermöglichen, hat man es im „St. James Palace Memorandum“ an Klarheit nicht vermissen lassen: „Die Null-Kohlenstoff-Industrie muss das ultimative Ziel sein.“

Radikale industrielle Abrüstung ist angesagt, die „Dekarbonisierung“ der Wirtschaftsysteme, und das alles nicht etwa in Zeiträumen von Generationen, sondern in wenigen Dekaden, ja in Jahren. Zeit sei der entscheidende Faktor. „Wir wissen, was zu tun ist, wir können nur nicht warten, bis es zu spät ist.“ Wem solche Formulierungen vertraut klingen, der dürfte sich an das „Russell-Einstein-Manifest“ über die möglichen Folgen des Einsatzes von Kernwaffen erinnern, abgefasst von Bertrand Russell und Albert Einstein im Jahre 1955 – erdacht in London und unterzeichnet wie diesmal von einer ganzen Reihe prominenter Nobelpreisträger: Linus Pauling, Max Born, Józef Rotblat. Das Russell-Einstein-Manifest legte den Grundstein für die später mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnete Pugwash-Konferenz, die sich immer wieder gegen den Rüstungswettlauf richtete.

Verschärfte Forderungen

Dass nun der Geist dieser Bewegung in dem Klima-Memorandum der zwanzig Nobelpreisträger steckt, geht auf Hans Joachim Schellnhuber zurück, dem Direktor des Potsdam-Instituts und langjährigen Kanzlerin-Berater. Er hatte das Nobelpreisträger-Treffen 2007 ins Leben gerufen und schon das damalige Denkermanifest vor der Bali-Konferenz in die entscheidenden Kanäle der Klimapolitik eingeleitet. Das Londoner Kalkül ist dasselbe, nur sind die Forderungen verschärft: „Weitere fünf oder zehn Jahre zu warten ist keine Option mehr.“ Spätestens ab dem Jahr 2015 müsse der Gipfel der Treibhausgasemissionen überschritten und der Beginn der globalen Reduktion eingeleitet sein.

Schellnhuber und die Nobelpreisträger rufen deshalb auf zum „Abrüstungswettlauf“ der Industriestaaten. Das Konzept: Die Länder drohen sich gegenseitig mit dem raschen Einstampfen der energieintensiven, schmutzigen Industrie und dem Aufbau sauberer, klimafreundlicher Wirtschaftssysteme. Wer zögert, zahlt am Ende drauf und verliert. „Jeder tut soviel er kann“, hofft Schellnhuber. Und trifft damit den politischen Kern, den der Londoner Ehrengast, Obamas Energieminister und Physik-Nobelpreisträger Steven Chu, als die mögliche Formel für Kopenhagen ausgegeben hat. Keine festen Reduktionszahlen mehr wie seinerzeit im Kyoto-Protokoll, sondern die Formulierung einer globalen Abrüstungsstrategie für die Kohlenstoffwelt. Wie realistisch das ist? Keiner weiß es, die Klima-Verhandlungen drohen nach Aussagen von Beteiligten derzeit gerade gegen die Wand zu fahren.

Mit Blick auf Kopenhagen

Sir Nicholas Stern, dessen Bericht vor zwei Jahren eine neue Klimaschutzbewegung in Gang gesetzt hat, glaubt noch immer an „den größten globalen Deal der Menschheitsgeschichte“. Sich darunter aber eine Roadmap mit fixen Werten vorzustellen, ein Kopenhagen-Protokoll, sei vermutlich eine naive Vorstellung, meint demgegenüber Schellnhuber: „In Kopenhagen geht es vor allem darum, die Tür nicht zuzuschlagen.“

Utopia, das war für einige der wichtigen Denker in London eine Art Weltregierung, ein „Earthland“, das all die radikalen geopolitischen Schritte ins Werk setzt (und bereitwillig Geld hineinpumpt), die für die Vermeidung einer gefährlichen Erwärmung nötig wären. Eine klarer geopolitischer Schnitt, Pugwash eben. In der multipolaren Welt von heute allerdings, räumte Schellnhuber ein, müsse „notfalls halt jedes Jahr neu verhandelt werden.“

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Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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