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Sonntag, 19. Februar 2012
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Klimaforschung Vor uns die Sintflut?

16.02.2010 ·  In der letzten Eiszeit stieg der Meeresspiegel urplötzlich kräftig an - und das trotz niedriger CO2-Pegel. Für uns Klimasünder eher eine schlechte Nachricht.

Von Ulf von Rauchhaupt
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Als hätten Klimaschützer nicht genug Sorgen. Da werden im Bericht des nobelpreisgekrönten Weltklimarats IPCC tendenziöse Schlampereien entdeckt. Da wird die schon länger kritisierte Vermischung von Politik und Wissenschaft in dem UN-Gremium nun auch von prominenten Klimaforschern angeprangert (siehe den Kasten unten: "Es wird einsam um Pachauri"). Da ist es draußen vor der Tür auch noch saukalt. Wie soll man bei diesen Temperaturen die Leute davon überzeugen, dass der Treibhauseffekt unserer Abgase ein Problem ist?

Nun auch noch das: In der jüngsten Ausgabe von Science haben Geologen um Jeffrey Dorale von der University of Iowa eine Studie veröffentlicht, die geeignet scheint, all jenen ein Argument zu liefern, die den Zusammenhang von Klimaerwärmung und zivilisationsbedingten CO2-Emissionen für eine Erfindung grüner Spinner und geltungssüchtiger Forscher halten.

Dorale und seine Kollegen haben Mineralablagerungen auf Tropfsteinen in mehreren küstennahen Höhlen auf Mallorca untersucht. Solche Ablagerungen entstehen, wenn die Höhlen mit dem Meer in Verbindung kommen und teilweise geflutet werden. Im Takt von Ebbe und Flut wachsen den Stalagmiten und Stalaktiten dann dort, wo sie aus dem Wasser ragen, über die Jahre hinweg charakteristische Mineralwülste.

Flutung zur Eiszeit

Schon in den 1970er Jahren war es Dorales Kollege Bogdan Onac sowie Joaquin und Angel Ginés von der Universitat de les Illes Balears aufgefallen, dass viele Wülste sich in etwa ein bis anderthalb Meter Höhe über dem heutigen Meeresspiegel befinden. Sie müssen also zu einer Zeit entsprechend höherer Ozeanpegel entstanden sein. Wann das war, konnten die drei Forscher erst jetzt zusammen mit Dorale und weiteren Kollegen dank moderner Analysemethoden aus den Spuren radioaktiver Zerfallsprozesse ermitteln. Das Ergebnis: Die Wülste haben sich vor etwa 81 000 Jahren gebildet.

Das ist verblüffend. Denn damals herrschte Eiszeit - die bislang letzte, die vor 116 000 Jahren einsetzte, vor 21 000 Jahren ihren frostigen Höhepunkt erreichte und vor 8000 Jahren zu Ende war. Solche Eiszeiten oder "Kaltzeiten", wie die Geologen lieber sagen, wechseln sich seit 2,6 Millionen Jahren mit Perioden gemäßigteren Klimas ab. Der Wechsel von warm zu kalt findet mit schöner Regelmäßigkeit etwa alle 100 000 Jahre statt, wenn Umlaufbahn und Achsenstellung der Erde eine besonders geringe sommerliche Sonneneinstrahlung auf der Nordhalbkugel bescheren.

Wenn die Sommer aber nicht mehr warm genug sind, bleibt irgendwann das ganze Jahr hinweg Schnee liegen. Über Jahrhunderte und Jahrtausende kommt es dann zu einer Ausweitung der Vergletscherungen auf den Landmassen der Nordhalbkugel. Die Gletscher binden Wasser, das den Ozeanen fehlt, weshalb die Meeresspiegel auf den Höhepunkten vergangener Eiszeiten bis zu 130 Meter unter dem heutigem Niveau lagen.

Die Rolle von CO2

Zwar schwanken die Eismassen - und damit die Wasserpegel - auch innerhalb einer Eiszeit. Doch vor 81 000 Jahren sollte das Meeresniveau eigentlich gut 20 Meter unter dem heutigen gelegen haben. Noch vor 85 000 Jahren war das auch so. Und vor 79 000 Jahren wieder, wie Tropfsteinwülste aus Mallorca, die 2006 vermessen wurden, zeigen. Dazwischen aber muss für einige Jahrtausende das Meer ganze 21 Meter höher gestanden und sich dann ebenso schnell wieder zurückgezogen haben. Die Daten deuten auf Steiggeschwindigkeiten von bis zu zwei Metern pro Jahrhundert. "Diese Anstiegsraten sind denen beim letzten großen Gletscherrückgang vor 15 000 Jahren vergleichbar", sagt Jeffrey Dorale, "und sie gehören zu den höchsten, von denen wir wissen."

Was Klimaskeptiker hellhörig machen dürfte: Das Wasser flutete die Strände Mallorcas (und damit wahrscheinlich auch aller anderen Meeresküsten) zu einer Zeit, als die Konzentration an wärmenden Treibhausgasen weit unter der heutigen und auch unter der vor Anbruch des Industriezeitalters lag. Hinter einem Anstieg der Meere muss also keineswegs ein Anstieg der Treibhausgase stecken.

Allerdings bedurfte es zu dieser Erkenntnis nicht erst der mallorquinischen Tropfsteinhöhlen. Daten aus Eisbohrkernen etwa zeigen, dass die Schwankungen der eiszeitlichen CO2-Pegel denen der Vereisungen stets mit einer Verzögerung von einigen Jahrhunderten folgten. CO2 ist für die Erwärmungen nach einer Eiszeit also nicht ursächlich, dürfte aber an den Verstärkungsprozessen beteiligt sein, ohne die eine himmelsmechanisch wieder wirksamere Sommersonne die Eisschilde nicht auftauen könnte. Der Umkehrschluss, Änderungen der atmosphärischen Konzentrationen des CO2 und anderer Treibhausgase seien für die globalen Durchschnittstemperaturen und damit die Meeresspiegel unbedeutend, gilt damit keineswegs.

Offene Fragen

Nun haben die neuen Tropfstein-Daten für die Klimadebatte aber eine andere Relevanz, und die ist eher unschön. Denn offenbar sind Wechselwirkungen von Klima, Eis und Meer tatsächlich komplizierter als die Modelle, die man sich davon heute macht. "Wir rechnen damit, dass das System so komplex ist, dass wir es noch nicht verstanden haben", sagt Malte Thoma vom Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven. Es gibt leider keinen Grund zur Annahme, dass diese Prozesse gutmütiger als bisher gedacht auf den menschengemachten Einfluss reagieren könnten - und nicht noch empfindlicher.

Fragt man sich beispielsweise, was hinter jener eiszeitlichen Sintflut stecken könnte, dann fällt einem schnell der westantarktische Eisschild von heute ein. Da dessen kontinentaler Untergrund zum Teil unter Meeresniveau liegt, könnten seine Eismassen bei fortgesetzter Erwärmung instabil werden und schlagartig aufschwimmen. Das würde die Meeresspiegel rund um den Erdball plötzlich um mindestens drei Meter steigen lassen. Das ist bis jetzt eine theoretische Möglichkeit. Aber könnte so etwas nicht auch damals vor 81 000 Jahren passiert sein.

"Darüber können wir bislang nur spekulieren", sagt Jeffrey Dorale. "Wir wissen zu wenig über die damalige Eisverteilung, um sagen zu können, ob es damals irgendwo eine Region gab, wo so etwas hätte geschehen können. Doch der Eisverlust, auf den wir schließen können, deutet wahrscheinlich auf noch unverstandene Aspekte des Klimasystems hin. Und weil Meerespiegeländerungen heute ein soziales Problem sind, ist das keine gute Nachricht."

Es wird einsam um Pachauri

Im November fing der Ärger für Rajendra Pachauri, den Vorsitzenden des Weltklimarates IPCC, an. Da erschien eine Studie des Geological Survey of India, die dem IPCC-Bericht widersprach. Es ging um Aussagen über den Schwund der Himalaja-Gletscher in dem Teilbericht der Arbeitsgruppe 2 (AG2), der das Wissen über die ökonomischen und sozialen Folgen des Klimawandels darstellen soll. Pachauri tat die indische Kritik als „Voodoo-Wissenschaft“ ab, da kein Peer-Review stattgefunden habe.

Im Januar wurde dann publik, dass die Himalaja-Passage im AG2-Bericht tatsächlich Fehler enthielt. Sie waren nicht zuletzt auf die Verwendung von Literatur ohne Peer-Review zurückzuführen, auf den Report einer Umweltorganisation. Tatsächlich wird solche „Graue Literatur“ von den AG2 und AG3 (Letztere befasst sich mit Maßnahmen gegen den Klimawandel) oft verwendet.

Im Februar kamen weitere Fehler ans Licht. Einmal wurde der Anteil der unterhalb des Meeresspiegels gelegenen Fläche Hollands mit 55 Prozent angegeben, richtig sind 26 Prozent. Ernster waren die Aussagen über zukünftige Wasserknappheit und Ernterückgänge in Afrika. Sie waren ebenfalls nur dem Bericht einer Umweltorganisation entnommen, der sich zudem nur auf drei nordafrikanische Länder bezog. Trotzdem standen die Zahlen sogar in der „Zusammenfassung für Entscheidungsträger“ und wurden von Pachauri in Vorträgen zitiert.

Die Befunde der Klimaforscher im eigentlichen Sinn, also der Bericht der IPCC-Arbeitsgruppe 1 (AG1), ist von solcher Kritik bisher nicht betroffen. Sie beruhen allerdings auch hauptsächlich auf echter Fachliteratur. Den klaren Verdiensten der AG1 steht aber gegenüber, dass Fehler der AG2 alle in Richtung einer Dramatisierung der Auswirkungen des Klimawandels ausfallen. Das nährt den auch bei einzelnen Akteuren der AG1 geäußerten Verdacht, dass hier nicht nur ein Wissensstand referiert werden, sondern die politische Stimmung beeinflusst werden soll.

In dieser Glaubwürdigkeitskrise gehen nun auch namhafte Forscher zum IPCC-Vorsitzenden auf Distanz, darunter die Direktoren des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung Ottmar Edenhofer und Hans-Joachim Schellnhuber. An einer Reform des IPCC im Allgemeinen und am Rücktritt von Rajendra Pachauri im Besonderen dürfte daher kaum noch ein Weg vorbeiführen.

UvR

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Jahrgang 1964, verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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