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Kaffeeplantagen : Kaffee in den Schatten gerückt

  • -Aktualisiert am

Teurer: Kaffee aus naturnahem Anbau Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Die Kaffeepflanze stammt aus dem Unterholz afrikanischer Regenwälder. Naturnah geführte Plantagen bieten vielen Tieren Unterschlupf und brauchen keine Pestizide, der Endverbraucher muß dafür mehr bezahlen.

          Die Kaffeepflanze stammt aus dem Unterholz afrikanischer Regenwälder. Sie führt demnach von Natur aus ein Schattendasein. Auch in Mittel- und Südamerika, wo sie vom Menschen eingeführt wurde, wuchs sie traditionell unter den Überresten einstiger Wälder oder unter eigens dafür angepflanzten Bäumen. Neue Kaffeesorten gedeihen freilich auch ohne solch ein Kronendach. Im prallen Sonnenlicht herangezogen, liefern sie bei entsprechender Pflege pro Hektar fast dreimal so hohe Erträge wie die Schattengewächse.

          Kein Wunder, daß die meisten Kaffeeplantagen mittlerweile in Monokulturen umgewandelt wurden. Für Flora und Fauna erweist sich diese oft staatlich geförderte Modernisierungswelle als fatal. Wenn zwischen den Kaffeesträuchern nichts anderes mehr wachsen darf, können sich dort nur noch wenig Tiere heimisch fühlen. Das beobachtete Ivette Perfecto von der University of Michigan in Ann Arbor, als sie bei Forschungsaufenthalten in Mittelamerika die Insektenfauna auf unterschiedlichen Kaffeeplantagen studierte.

          Hohe Artenzahl an Insekten

          Auf einer Skala der biologischen Vielfalt rangieren einförmige Reihen von Kaffeesträuchern ganz unten. Je reichhaltiger das Sortiment der schattenspendenden Bäume, desto mehr Insekten des Regenwalds tummeln sich dort. Ausgesprochene Spezialisten - Schmetterlinge etwa, die als Raupen nur ganz bestimmte Futterpflanzen akzeptieren - finden zwar auch auf reichstrukturierten Plantagen nicht so leicht eine neue Heimat.

          Käfer sind dort aber mit einer ähnlich hohen Artenzahl vertreten wie in benachbarten Waldgebieten. Dasselbe gilt für Ameisen. Daß diese Artenfülle auch einen praktischen Nutzen hat, weil sich die Ameisen in der Schädlingsbekämpfung engagieren, berichtete die Forscherin kürzlich auf einem Regenwald-Symposion in Göttingen.

          Gefürchtet: Der Kaffeekirschenkäfer

          Die gefürchtetste Plage auf Kaffeeplantagen ist ein Bohrkäfer mit dem wissenschaftlichen Namen Hypothenemus hampei - der Kaffeekirschenkäfer. Wenn er sich ungehemmt vermehren kann, nagt er die meisten Früchte an und mindert so die Qualität des Kaffees beträchtlich. Eine reichhaltige und vielgestaltige Ameisenfauna kann diesem Schädling am wirksamsten zu Leibe rücken.

          Große Ameisen fangen die ausgewachsenen Käfer ab, kleine kriechen in die Bohrgänge hinein, um Eier und Larven hervorzuholen. Allerdings tummeln sich auf den Kaffeesträuchern auch Ameisen wie Azteca instabilis, die sich gern an den zuckrigen Ausscheidungen von Schildläusen gütlich tun. Wenn ihre Schützlinge an Kaffeepflanzen saugen, richten sie mitunter merklichen Schaden an, wenn auch längst nicht so großen wie der Kaffeekirschenkäfer.

          Insekten halten sich gegenseitig in Schach

          Daß sich die Anwesenheit von Azteca-Ameisen dennoch positiv auswirkt, hat die Forscherin auf einer ökologisch bewirtschafteten Kaffeeplantage in Mexiko herausgefunden. Zum einen verhindert dort eine parasitische Fliege, daß sich diese Art von Ameisen großflächig ausbreitet. Zum anderen fallen zahlreiche Schildläuse dem hungrigen Nachwuchs bestimmter Marienkäfer zum Opfer. Von den emsig patrouillierenden Ameisen haben diese Käferlarven nichts zu befürchten, denn eine dicke Wachsschicht macht sie unangreifbar.

          Und nicht nur das - sie profitieren sogar davon, daß die Ameisen ihre Schildlaus-Herde so energisch verteidigen. Die wachsamen Ameisen vertreiben nämlich auch jene Parasiten, die sonst die Käferlarven drastisch dezimieren. Unter ihrer Obhut wachsen deshalb besonders viele Marienkäfer heran, die dann ausschwärmen und auf der gesamten Kaffeeplantage die Schildläuse in Schach halten.

          Baumreiche Plantagen beherbergen auch Vogelarten

          Biologische Vielfalt sorgt somit gratis für biologische Schädlingsbekämpfung. Traditionelle Plantagen mit abwechslungsreichem Bauminventar haben außerdem den Vorteil, daß die Erträge von Jahr zu Jahr nicht so stark schwanken wie auf den Monokulturen. Daß auch manche Schattenspender nützliche Früchte tragen, macht den geringeren Ertrag an Kaffee zwar nicht wett. Wer ohne Kunstdünger und Pestizide auskommt, kann aber davon profitieren, daß Produkte aus ökologischem Anbau einen höheren Preis erzielen.

          Die amerikanische Forscherin plädiert für weiter gehende Zertifizierungen, die sich auch auf Aspekte des Artenschutzes erstrecken. Schließlich beherbergen baumreiche Plantagen nicht nur eine Vielzahl von Ameisen und anderen kleinen Krabbeltieren. Ein Großteil der Vogelfauna, die sich ursprünglich im Regenwald tummelte, kann sich ebenfalls mit den waldähnlichen Kaffeepflanzungen anfreunden. Außerdem finden dort auch viele Zugvögel aus Nordamerika ein behagliches Winterquartier. Der Zuwachs an Artenvielfalt auf derart bewirtschafteten Flächen wird freilich oft mit spürbaren Ertragseinbußen und somit höheren Preisen erkauft - ein Prüfstein für das Umweltbewußtsein von Kaffeetrinkern.

          Quelle: F.A.Z., 11.10.2005, Nr. 236 / Seite 40

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