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Insekten Wespengesichter: Fast wie ein Ausweis mit Paßbild

08.12.2004 ·  Individuelle Gesichtszüge sind kein Privileg des Menschengeschlechts. Nicht nur manch andere Säugetiere erkennen einander ebenfalls an ihrer Physiognomie, sondern auch Wespen.

Von Diemut Klärner
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Individuelle Gesichtszüge sind kein Privileg des Menschengeschlechts. Manch andere Säugetiere, Schafe zum Beispiel, erkennen einander ebenfalls an ihrer Physiognomie. Daß auch bestimmte Insekten diese Fähigkeit besitzen, entdeckte Elizabeth Tibbetts von der Cornell University in Ithaca (New York).

Als Forschungsobjekt dienten ihr Feldwespen namens Polistes fuscatus. Wie bei Feldwespen allgemein üblich, baut auch diese in Nordamerika heimische Art eine flache Wabe aus zerkauten Holzfasern. Da weder zusätzliche Stockwerke noch vielschichtige Hüllen den Blick versperren, lassen sich die Bewohner leicht im Auge behalten.

Schminke zur Täuschung

Wenn mehrere Wespenweibchen gemeinsam mit dem Nestbau beginnen, verläuft die Gründungsphase recht turbulent. Ähnlich wie Hennen auf einem Hühnerhof messen die Wespen zunächst ihre Kräfte. Sobald die Rangordnung geklärt ist, flauen die Auseinandersetzungen ab. Künftig scheinen die Nestgründerinnen einander an ihrer schwarz-gelben Zeichnung zu erkennen, die vor allem am Kopf individuell ausgeprägt ist.

Gelbe Streifen können den inneren oder äußeren Rand der Augen schmücken, über den Antennen prangen, Spitze oder Ränder des Kopfschilds zieren, und das alles in beliebiger Kombination. Welche Bedeutung diese farbigen Akzente haben, zeigte die Forscherin, indem sie einzelne Wespen unterschiedlich schminkte ("Proceedings of the Royal Society of London", Teil B, Bd.269, S.1423).

Zurück im heimatlichen Nest, wurden Tiere mit modifizierter Zeichnung unsanft empfangen. Zwar wurden sie nicht schlichtweg vertrieben wie Artgenossen mit fremdem Geruch, aber doch auffallend häufig angerempelt und herumgestoßen. Nach ein bis zwei Stunden legte sich die gesteigerte Angriffslust allmählich. Anscheinend hatten sich die Wespen mit dem veränderten Äußeren ihrer Mitbewohnerin vertraut gemacht.

Auf ein gedeihliches Zusammenleben

Daß die Wespen einander individuell unterscheiden, fördert vermutlich ein gedeihliches Zusammenleben ohne ständige Reibereien um die Rangordnung. Wer sich seinen Mitbewohnern zu erkennen gibt, braucht sich nur noch mit unmittelbaren Konkurrenten auseinanderzusetzen. Läßt sich eine Wespe dagegen nicht einordnen, so fühlen sich erwartungsgemäß auch alle anderen zum Kampf herausgefordert.

Bei der strikten Hierarchie im Wespennest geht es schließlich nicht nur um die Futterrationen, sondern auch um die Produktion von Nachkommenschaft. Wenn ein Weibchen einen höheren Rang einnimmt, wird ihm von der Königin mehr eigener Nachwuchs zugestanden. Offenbar halten die Königinnen von Polistes fuscatus ihre fleißigen Helferinnen auf diese Weise bei der Stange.

Ohne solch eine Fortpflanzungschance täten die Wespenweibchen besser daran, ein eigenes Nest zu gründen. Mitunter wählen sie tatsächlich diese Strategie, bei der die Erfolgsaussichten freilich geringer sind, als wenn mehrere Weibchen zusammenarbeiten.

Viele Wesepenarten achten auf die Physiognomie

Die Feldwespe Polistes fuscatus ist nicht die einzige ihrer Gattung, die auf individuelle Erkennungszeichen setzt. Wie die Wissenschaftlerin anhand von Museumsbeständen herausfand, sind auch etliche andere Polistes-Arten auffallend abwechslungsreich gefärbt ("Proceedings of the Royal Society", Teil B, Bd.271, S.1955).

Bei einigen Dutzend studierte sie die schwarz-gelbe Körperzeichnung. Dabei entdeckte sie, daß Wespen, die ihre Nester stets im Alleingang gründen, jeweils recht gleichförmig daherkommen. Dasselbe gilt für solche, die eine Nestgründung immer als Gemeinschaftswerk betreiben. Arten, die sich in der Gründungsphase ähnlich flexibel verhalten wie Polistes fuscatus, sind hingegen meist recht variabel gefärbt.

Vermutlich erweisen sich individuelle Erkennungszeichen in solchen Sozialgefügen als derart vorteilhaft, daß sie sich in der Entwicklungsgeschichte der Feldwespen mehr als einmal herausgebildet haben.

Der Rang ist ins Gesicht geschrieben

Bei der auch hierzulande heimischen Gallischen Wespe (Polistes dominulus), die ihr Nest gerne unter sonnenbeschienenen Dachziegeln baut, findet sich eine besonders raffinierte Variante: Diesen Feldwespen steht ihr sozialer Rang von vornherein ins Gesicht geschrieben, so berichtete Elizabeth Tibbetts kürzlich in der Zeitschrift "Nature" (Bd.432, S.218).

Wie sie gemeinsam mit James Dale von der Simon Fraser University in Burnaby (British Columbia) herausgefunden hat, müssen sich Tiere mit einfarbig gelbem Kopfschild meist solchen mit schwarz geflecktem unterordnen.

Wie bleiben die Rangabzeichen glaubwürdig?

Je mehr Schwarz die Wespenweibchen sehen lassen und je komplexer das Muster ist, desto eher können sie sich gegen Konkurrentinnen durchsetzen. Und dafür gibt es auch eine Erklärung. Im Durchschnitt verfügen auffälliger gezeichnete Tiere nämlich über eine kräftigere Statur.

Damit stellt sich jedoch die Frage, wie dieser Zusammenhang gewahrt bleibt. Rangabzeichen bleiben schließlich nur dann glaubwürdig, wenn sich niemand ungestraft als „Hauptmann von Köpenick" aufspielen kann. Daß diese Überlegung auch im Tierreich zutrifft, scheint plausibel. Bislang fehlte allerdings ein schlüssiger Nachweis.

Attacken auf die „anmaßenden“ Heimkehrer

Untersuchungen an der Gallischen Wespe belegen nun eindeutig, daß irreführende Rangabzeichen ihre Besitzer teuer zu stehen kommen. Eine solch mißliche Situation ergibt sich, wenn Wespenweibchen bei der gemeinschaftlichen Nestgründung nicht die Spitzenposition erringen konnten, die dem Muster auf ihrem Kopfschild entspräche. Vermeintlich anmaßend, werden sie weitaus häufiger von der Königin drangsaliert als Tiere mit bescheidener gefärbtem Kopfschild.

Ob es tatsächlich um dieses optische Signal geht, prüften die Forscher, indem sie einige Wespen mit falschen Rangabzeichen bemalten. Wie erwartet löste ein aufgewerteter Kopfschild heftige Angriffe aus. Erstaunlicherweise blieben aber auch Tiere, die einen niedrigeren Rang als zuvor signalisierten, nicht verschont.

Zwar wurden sie seltener attackiert als die "anmaßenden" Heimkehrer, aber doch deutlich mehr als Wespen mit unverändertem Rangabzeichen. Womöglich profitierten diese davon, daß sie an ihrer individuellen Zeichnung sofort wiedererkannt wurden. Wenn es den sozialen Status zu sichern gilt, zeigen die kleinen Insekten jedenfalls einen bemerkenswerten Sinn fürs Detail.

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