16.04.2007 · Verehrt, verfemt, verzehrt: Seit der Mensch sich für die Tierwelt interessiert, gilt sein Blick in besonderer Weise den Käfern. Und das völlig zu Recht: Die Deckenflügler sind praktisch überall auf dem Globus anzutreffen und ein echtes Erfolgsmodell der Evolution.
Von Georg Rüschemeyer„Gott scheint eine übertriebene Vorliebe für Käfer zu haben“, soll der 1964 verstorbene Evolutionstheoretiker John Haldane geantwortet haben, als er gefragt wurde, welche Rückschlüsse man aus der Schöpfung auf deren Urheber ziehen könne. Diese Vorliebe manifestiert sich in den rund 350.000 Käferarten, denen die Wissenschaft bisher Namen gegeben hat. Schätzungen der tatsächlichen Artenvielfalt reichen gar bis zu acht Millionen Spezies. Grob geschätzt dürfte also etwa jede vierte Tierart auf Erden die käfertypischen Merkmale aufweisen, deren wichtigstes schon Aristoteles beschrieb: „Die Deckenflügler (Coleoptera) tragen ihre Flügel unter einer Decke.“ Die besteht aus den beiden verstärkten Vorderflügeln, die sich schützend über den Hinterleib und die mehrfach zusammengefalteten Hinterflügel legen, welche erst kurz vor dem Abflug ausgepackt werden.
Die absolute Vormachtstellung der Käfer im Tierreich war Aristoteles wohl noch nicht bewusst; in seinen überlieferten Schriften finden gerade mal sechs Käferarten Erwähnung, darunter der Pillendreher und der Hautreizungen hervorrufende Blasenkäfer. Das Käferzählen überließ Aristoteles anderen. Etwa Johann Sperling, der in seiner „Zoologia physica“ von 1661 die verwirrende Vielfalt der Käfer betonte: Nicht weniger als vierzig Arten seien der Wissenschaft bekannt! Gut, dass der Wittenberger Gelehrte nicht mehr miterleben musste, wie Linné im 18. Jahrhundert zunächst 654 Käfer beschrieb und sein Schüler Christian Fabricius diese Zahl bald darauf nochmals nahezu verzehnfachte, womit er schon recht nahe an die heute aus Mitteleuropa bekannten 8000 Arten herankam. Das Gros der Käfer bewohnt allerdings tropische Gefilde, ein einziger Hektar panamaischen Regenwalds beherbergt wahrscheinlich rund 20.000 Arten.
Erste Käfer schon vor 270 Millionen Jahren
Was machte die Coleopteren neben ihrem gepanzerten, aber oft etwas schwerfälligen Körper zu einem derartigen Erfolgsmodell der Evolution? Die ältesten bekannten Käferfossilien lebten vor rund 270 Millionen Jahren im ausgehenden Erdaltertum. Wenig später existierten bereits Vertreter der heutigen vier Käfer-Unterordnungen Archostemata, Myxophaga, Adephaga und Polyphaga. Ein Anfang war gemacht, doch die ganz große Karriere der Krabbler begann erst vor rund 100 Millionen Jahren. Dass just zu dieser Zeit auch die modernen Blütenpflanzen (Angiospermen) die zuvor bestehende Ordnung aus Farnen, Schachtelhalmen und Koniferen mit einer beispiellosen Artenexplosion über den Haufen warfen, halten die wenigsten Wissenschaftler für einen Zufall. Die neue Pflanzenpracht bot den vegetarisch lebenden Käfer-Ahnen ungeahnte Möglichkeiten, mit jeder neuen Pflanze bildete sich ein auf sie spezialisierter Käfer, was wiederum den Angiospermen Ansporn zu neuer Artenbildung war.
Bildergalerie: Wer zählt die Käfer, nennt die Namen ...
In der Folge erschlossen sich Käfer abgesehen vom offenen Meer (in dem Angiospermen weitgehend fehlen) fast alle Lebensräume der Erde. Einige Arten von Laufkäfern wurden auf Höhen von über 5000 Meter gefunden, auf Spitzbergen mit seinen durchschnittlichen Sommertemperaturen von 5º C sichteten Koleopterologen immerhin noch vier Arten.
Wüstenkäfer auf Wasserfang
Wesentlich artenreicher lebt das Käfervolk am anderen Ende des Temperaturspektrums: Allein die extremen Lebensbedingungen der südafrikanischen Namib-Wüste haben rund 200 Arten von Schwarzkäfern hervorgebracht. Um der sengenden Hitze des Tages zu entgehen, verbuddeln sich die meisten Wüstenkäfer tagsüber im Sand. Nachts machen sie sich dann auf die Suche nach pflanzlicher Nahrung, die in der Namib hauptsächlich aus angewehtem Detritus, zerriebenem pflanzlichen Material, besteht. Ihren Durst stillen einige Arten ausschließlich aus dem bei der Oxidation der Nahrung entstehenden Wasser.
Andere Wüstenkäfer gehen dagegen regelrecht auf Wasserfang: Sie werfen am frühen Morgen kleine Sandhügel auf, an denen sich der um diese Zeit auch in der Wüste auftretende Nebel niederschlägt. Perfektioniert haben diese Technik Schwarzkäfer der Gattung Stenocara, die ihren eigenen Körper als Wasserfänger nutzen. Dieser ist von einer Vielzahl kleiner Warzen bedeckt, auf deren wasseranziehendender Oberfläche sich der Nebel besonders leicht absetzt. Erreicht der Kondenswassertropfen eine kritische Größe, so rutscht er ab und wird von wasserabstoßenden Bereichen des Chitinpanzers direkt zum Mund geleitet.
Sowohl kleinstes als auch größtes Insekt ein Käfer
Die Liste faszinierender Anpassungen und Rekorde aus dem Reich der Käfer ließe sich endlos fortsetzen. Sie stellen nicht nur das vermutlich kleinste Insekt der Erde (ein nur 0,25 Millimeter langer Federflügler), sondern auch den Goliath unter den Sechsbeinern, den 16 cm langen und bis zu hundert Gramm schweren Riesenbockkäfer des Amazonasgebiets. Und als einzige Tierart neben dem Menschen benutzen sie Feuerwaffen: Bombardierkäfer besitzen in ihrem Hinterleib eine mit Chitin verstärkte Brennkammer, in die sie bei Gefahr aus einer Vorratsblase ein Gemisch aus Hydrochinon und Wasserstoffperoxid drücken. Dieses hochreaktive, aber zunächst stabile Gemisch wird in der Brennkammer durch spezielle Enzyme gezündet, die entstehenden, bis zu 100º C heißen Verbrennungsgase treiben ein Gemisch aus Chinonen und anderen Sekreten explosionsartig durch eine Öffnung am Körperende des Käfers. Käferfeinde wie Sammler und Vögel lassen die sechsbeinige Bombe vor Schreck fallen, für angreifende Ameisen kann der Schock sogar tödlich sein.
Ameisen sind aber nicht immer des Käfers Feinde. Einige Koleopteren haben sich bei der sechsbeinigen Verwandtschaft sogar häuslich eingerichtet, so etwa der Kurzflügler Atemeles, der sein ganzes Leben in Ameisennestern verbringt. Mit Hilfe ameisentypischen Fühlertrillerns und der Produktion passender Duftstoffe macht er den Bewohnern weis, selbst ein Artgenosse zu sein. Die Betrogenen füttern den Kuckucksgast durch und schreiten selbst dann nicht ein, wenn dieser sich über die Ameisenbrut hermacht.
Nur wenige Fleischfresser
Fleischliche Ernährung gehört unter Käfern aber eher zu den Ausnahmen, der sich neben Kurzflüglern, Laufkäfern und der vollkommen ans Wasserleben angepassten Verwandtschaft des Gelbrandkäfers nur wenige Familien verschrieben haben. Auf tote Kleintiere, etwa eine Maus, haben es Aaskäfer wie der Totengräber abgesehen. Das Männchen verteidigt einen gefundenen Kadaver und vergräbt diesen zusammen mit seiner Auserwählten in einer Höhle. Nach der Eiablage bleiben beide bei den Larven und helfen diesen beim Leichenschmaus, womit der unappetitliche Totengräber zu den wenigen Käfern gehört, die Brutpflege betreiben.
Die absolute Mehrzahl der Käfer lebt jedoch wie ihre Urahnen aus dem unteren Perm rein vegetarisch. Holz ist das täglich Brot etlicher Käferfamilien, etwa des Clans der Borkenkäfer oder der Larven der meisten Bockkäfer. Beim Verdauen des für andere Insekten kaum zu knackenden Holzgrundstoffs Lignin helfen symbiotische Bakterien und Pilze im Darm der Tiere. Die Ambrosiakäfer haben diese Zusammenarbeit auf eine höhere Kulturstufe gehoben: In ihren ins Holz gebohrten Gängen kultivieren sie Ambrosiapilze, deren Mycel und winzige Fruchtkörper ihre einzige Nahrungsquelle sind. Schlüpft der Jungkäfer aus seiner Puppenhülle, so nimmt er in einer speziellen Hauttasche Sporen des Pilzes mit auf den Weg zu einem neuen Baum.
Positives Image: der Maikäfer
Die meisten Käfer begnügen sich aber mit leichter verdaulichen Pflanzenteilen, seien es Blätter, Stengel, Blüten, Pollen, Früchte oder Wurzeln. Neben Allesfressern wie dem Maikäfer sind viele Arten mehr oder minder streng auf bestimmte Pflanzen spezialisiert. Zu ihnen gehört auch der Kartoffelkäfer. Der hatte es in seiner Heimat im Mittleren Westen der Vereinigten Staaten ursprünglich nur auf wilde Nachtschattengewächse abgesehen und entdeckte seinen Heißhunger auf Kartoffeln erst im 19. Jahrhundert, als Siedler die Erdäpfel einführten. Seither hat er sich mit dem intensiven Kartoffelanbau weltweit verbreitet und gehört zu den schlimmsten Schädlingen der Landwirtschaft.
Während mehrere tausend Käferarten als Agrar-, Forst- oder Vorratsschädlinge hervortreten, haben andere Vertreter ein ausgesprochen gutes Image. So ernährt sich der Marienkäfer hauptsächlich von Blattläusen und ist deshalb gern gesehen. Neben der biologischen Schädlingsbekämpfung nutzt der Mensch Käfer auch als Nahrungsmittel (in Form der nahrhaften Larven), als Arzneimittel (vor dem Einsatz der „Spanischen Fliege“ als Potenzmittel wird wegen heftiger Nebenwirkungen jedoch gewarnt) oder profitiert von ihren Diensten als Blütenbestäuber.
Den alten Ägyptern war der zu den Blatthornkäfern gehörende Pillendreher als Symbol für Leben und Auferstehung sogar heilig. Die „Pille“, die das Insekt mit den Hinterbeinen vor sich herschiebt, galt als Sinnbild der vom Sonnengott Re über das Himmelszelt getragenen Sonne; dass die Pille aus Kuhdung besteht, in den der Skarabäus seine Eier legt, tat der Ehrerbietung keinen Abbruch.
Viel Zeit, Artenvielfalt zu entwickeln
Die unglaubliche Vielfalt von Farben, Mustern und Formen, von der die Bilder des amerikanischen Fotografen Poul Beckmann (www.living-jewels.com) in der hier gezeigten Galerie einen Eindruck vermitteln, machte die Koleopterologie seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert zu einem beliebten Hobby des gehobenen Bildungsbürgers. Während sich Gelehrte angesichts dieser Vielfalt von Krabbeltieren wohl schon lange vor John Haldane über Gottes unerklärliche Wege wunderten, fragt die Evolutionsbiologie heute nach jenen Faktoren, die die Bildung neuer Arten bestimmen.
Im Falle der Käfer gilt die Theorie von der gleichzeitigen Artenexplosion von Coleopteren und Angiospermen zwar als Favorit. In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift American Naturalist stellen die amerikanischen Biologen Mark McPeek und Jonathan Brown jedoch eine sehr viel simplere Erklärung vor. Ihre Analyse der genetischen Stammbäume von Käfern und einer Vielzahl anderer Tiergruppen ergab wesentlich stabilere Raten der Artbildung als erwartet. Auch wenn sie die Bedeutung ökologischer Umwälzungen nicht verneinen, so hätten die seit vermutlich 300 Millionen Jahren umherkrabbelnden Käfer nach Meinung von McPeek und Brown vor allem eines besessen, um ihre atemberaubende Vielfalt zu entwickeln: viel, viel Zeit.
rund und vermutlich, so lauten die Phrasen der Altersangaben
Norbert Pütz (nevergiveup)
- 17.04.2007, 13:02 Uhr
Intelligent?
Raimund Poppinga (Diplom-Amateur)
- 18.04.2007, 20:01 Uhr