11.07.2010 · Hunde töten vor allem schlafende Neugeborene und alte Menschen. Ist das mit Kampfhundeverbot und Rasselisten zu verhindern? Experten plädieren für einen Hundeführerschein und meinen: Auf die Haltung kommt es an.
Von Christina HucklenbroichInnerhalb von nur einem Monat wurden in Deutschland zwei Kinder von Hunden getötet: Ende April starb ein acht Wochen altes Baby in Cottbus. Der Familienhund, ein Husky, warf den Kinderwagen um, als er allein mit ihm auf der Terrasse war, und fügte dem Mädchen tödliche Bissverletzungen zu. Ende Mai töteten vier Staffordshire Bullterrier ein dreijähriges Mädchen im Haus seiner Tante in Thüringen. Das Kind hatte sich auf dem Arm der Großmutter befunden, als die Tiere, die der Tante gehörten, es angriffen.
Die Vorfälle haben eine alte Diskussion über die Gesetze zum Schutz vor gefährlichen Hunden neu entfacht. Seit Anfang Juli hat die Debatte an Brisanz zugelegt: Verschiedene Nachbarländer haben ihre Kampfhunde-Regelungen verschärft. Seit dem 1. Juli gilt in Dänemark ein Kampfhundeverbot. Dreizehn verschiedene Hunderassen, darunter Pitbullterrier, dürfen nicht mehr gezüchtet oder erworben werden. In zwei Bundesländern Österreichs geht man andere Wege: Hier wurde zeitgleich ein „Hundeführerschein“ zur Pflicht, den Besitzer diverser „Kampfhunde“-Rassen ablegen müssen.
Schutz vor gefährlichen Hunden
Auch innerhalb Deutschlands ist man sich nicht einig: In Thüringen, wo es vor dem Tod des Kleinkindes keine Liste gefährlicher Rassen gab, wird der Landtag im August wohl eines der strengsten Hundegesetze Deutschlands verabschieden – inklusive „Rassenliste“. Für die aufgeführten Hunde gelten Maulkorbzwang und andere Maßnahmen. In Niedersachsen hingegen soll bald ein Hundeführerschein für alle Hundehalter Pflicht werden - egal, ob sie einen Kampf- oder einen Schoßhund besitzen.
Bisher sind in den meisten Bundesländern Rasselisten üblich. Hundehalter, deren Tiere nicht darauf stehen, werden nicht behelligt. Ob diese Regelung ausreichenden Schutz bietet, ist allerdings schon lange wissenschaftlich umstritten. Die Listen enthalten unterschiedliche Hunderassen, die als besonders aggressiv gelten, etwa Bullterrier und Kreuzungen daraus, aber auch weniger bekannte Rassen wie den Kaukasischen Owtscharka, einen russischen Hütehund, oder den Tosa Inu, einen japanischen Kampfhund. Wer solche Hunde halten will, muss beispielsweise ein polizeiliches Führungszeugnis vorlegen und das Tier in der Öffentlichkeit mit einem Maulkorb ausstatten. Die meisten Bundesländer führten die Listen ein, nachdem im Jahr 2000 in Hamburg ein sechsjähriger Junge auf einem Schulhof von einem Pitbull-Mischling und einem Staffordshire Terrier getötet worden war.
Ob die Zahl der Verletzungen durch Hundebisse danach gesunken ist, konnte bisher nicht geklärt werden. Das Statistische Bundesamt registriert nur die Todesfälle durch Hundeangriffe. Zwischen 1998 und 2008 starben im Durchschnitt vier Menschen pro Jahr auf diese Weise; ein rückläufiger Trend ist dabei nicht ersichtlich. Welche Rassen beteiligt waren, wird nicht dokumentiert. Zwar existieren polizeiliche Statistiken über nicht-tödliche Beissangriffe auf Menschen, bei denen auch die Rasse der beteiligten Hunde ins Protokoll aufgenommen wurde, aber dabei wurde bisher versäumt, die Zahl der auffällig gewordenen Hunde einer Rasse zur Größe der Population dieser Rasse insgesamt ins Verhältnis zu setzen.
Nicht nur Bullterrier und Pittbulls beißen zu
Lediglich eine Studie von Veterinärmediziner der Freien Universität Berlin aus dem Jahr 2006 berücksichtigt die jeweilige Anzahl, mit der die einzelnen Hunderassen in der Gesamthundepopulation repräsentiert sind. Die Veterinärmediziner zeigten am Beispiel der Beißstatistiken von Berlin und Brandenburg, dass nicht gelistete Hunderassen im Verhältnis zu ihrer Gesamtzahl teilweise häufiger Menschen beißen als gelistete Rassen. In Berlin wurde – im Verhältnis betrachtet – zum Beispiel der Pitbull genauso häufig auffällig wie der Deutsche Schäferhund, der nicht gelistet ist; der American Staffordshire Terrier (gelistet) biss genauso häufig Menschen wie der Rottweiler (nicht gelistet). In Brandenburg zeigte sich, dass einige nicht gelistete Hunde wie der Golden Retriever und der Husky im Verhältnis zur Gesamtzahl der Rassevertreter sogar häufiger bissen als Bullterrier oder Pitbull. Die Autoren der Studie kommen zu dem Schluss, dass Rasselisten keinen Schutz bieten, sofern nicht auch in großer Zahl gezüchtete Rassen wie der Deutsche Schäferhund und der Rottweiler aufgenommen werden. Zählt man Schäferhund-Mischlinge mit, wäre dann jedoch die Hälfte der gesamten Hundepopulation in Deutschland von den Regeln betroffen.
In den Vereinigten Staaten betrachtet man ein anderes Kriterium, um die Gefährlichkeit von Hunden einzuschätzen: nicht die Beissvorfälle gelten als entscheidend, sondern die tödlichen Angriffe auf Menschen. Die amerikanische Gesundheitsschutzbehörde Centers for Disease Control and Prevention (CDC) in Atlanta analysiert seit Jahrzehnten regelmäßig auch die Begleitumstände, etwa das Alter der Getöteten, die Rasse und den Ort des Geschehens. Bis zu achtzig Prozent der Opfer in einem Zeitraum waren demnach Kinder bis zu elf Jahren; die überwiegende Mehrzahl davon war unter fünf Jahren.
Neugeborene hatten ein hundertmal so hohes Risiko, von einem Hund getötet zu werden als Erwachsene. Vor allem schlafende Säuglinge waren auffallend häufig betroffen. Daneben waren Menschen, die älter als siebzig Jahre alt waren, besonders gefährdet. In sechzig Prozent der Fälle befanden sich die beteiligten Hunde ohne Leine oder Kette auf dem Grundstück ihres Besitzers.
Hundefürherschein für alle Rassen
Die Wissenschaftler der CDC behandeln in einer ihrer Studien die Frage, welche Rassen besonders häufig Menschen töten. Über zwei Jahrzehnte (1979 bis 1998) betrachtet, seien Pitbulls und nahe Verwandte sowie Rottweiler für mehr als die Hälfte der Todesfälle verantwortlich gewesen. Am dritthäufigsten attackierte der Deutsche Schäferhund Menschen mit tödlichen Folgen. Handelte es sich bei den Angreifern um streunende Hunde, waren es doppelt so häufig Pitbulls wie andere Rassen.
Dennoch sei es keine Lösung, lediglich bestimmte Rassen zu reglementieren, bilanzieren die Amerikaner, denn insgesamt seien viele verschiedene Hunderassen an den tödlichen Angriffen beteiligt.
Auch in Deutschland geraten Rasselisten zunehmend in die Kritik. Im vergangenen Jahr publizierten Forscher der Tierärztlichen Hochschule Hannover einen Fachartikel, für den sie Bullterrier einer bestimmten Zuchtlinie auf gestört aggressives Verhalten untersucht hatten. Sie kamen zu dem Schluss, dass die Tiere sich hinsichtlich ihrer Aggressivität nicht von einer Kontrollgruppe aus den als freundlich geltenden Golden Retrievern unterschieden. Alle Hunde mussten einen Wesenstest absolvieren, wie er in den Hundegesetzen der Länder für die als gefährlich gelisteten Rassen vorgeschrieben ist. Die weit überwiegende Mehrheit der Bullterrier „zeigte sich während der gesamten Studie sowohl sozial kompetent als auch zur Kommunikation und Konfliktlösung befähigt“, schreiben die Autoren.
Bullterrier und Golden Retriever unterscheiden sich nicht hinsichtlicher ihrer Aggressivität
Mediziner aus Philadelphia beschrieben allerdings im Herbst 2009 Bisse bei Kindern, die in einem Zeitraum von fünf Jahren in einem Krankenhaus behandelt wurden. In der Hälfte der Fälle seien Pitbulls verantwortlich gewesen, in knapp zehn Prozent Rottweiler und in sechs Prozent Mischlinge aus beiden Rassen. Die Ärzte schilderten auch das Muster der Bisse: Babys und Kinder im Vorschulalter wurden vor allem ins Gesicht gebissen, ältere Kinder in die Extremitäten.
Die Vorfälle der vergangenen Wochen werfen noch andere Fragen auf. So sollte nach dem Vorfall in Thüringen, in den vier Hunde involviert waren, geprüft werden, ob die Haltung von Hunden in großen Gruppen reglementiert werden muss. In der amerikanischen Fachliteratur finden sich mehrere Untersuchungen zu Fällen, in denen Rudel von etwa fünf bis zehn Hunden Menschen anfielen und töteten. Die Risikogruppen für solche Angriffe sind demnach Kinder ohne Begleitung und ältere Frauen. In einer Studie der CDC heißt es, dass stets mehr als ein Hund beteiligt war, wenn tödliche Angriffe außerhalb des Grundstücks des Hundebesitzers erfolgten.
Sentimentales Vertrauen in das „Gute“ im Hund scheint jedenfalls nicht angebracht zu sein – schon gar nicht, wenn Kinder im Spiel sind. Die amerikanischen Wissenschaftler empfehlen nach jahrzehntelanger Auswertung der Todesfälle, strengere Hundegesetze zu verabschieden, die Öffentlichkeit detailliert über die Gefahr zu informieren und insbesondere Eltern zu sensibilisieren: „Eltern sollten sich bewusst sein, dass ein Kleinkind zu Tode kommen kann, wenn man es mit einem Hund allein lässt.“
Der allgemeine Hunderführerschein ist der erste sinnvolle Vorschlag, ...
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Christina Hucklenbroich Jahrgang 1978, Redakteurin im Ressort „Natur und Wissenschaft“
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