http://www.faz.net/-gwz-7ocgb
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F+ Icon
F.A.Z. PLUS
abonnieren

Veröffentlicht: 19.04.2014, 11:09 Uhr

Geist und Moral von Hühnern Schadenfrohes Gackern

Hühner besitzen ein walnusskleines Gehirn, doch sie nutzen es exzellent. Das haben Forscher herausgefunden. Doch haben die Tiere auch Moral und ist es Moral nach menschlichem Verständnis?

von Kathrin Zinkant
© F1online „Verschlagene“ und „feige“ Tiere: Haushühner auf ihrer Wiese.

Zwei Dinge werden schnell klar, wenn man das Tor passiert hat. Erstens: Wo Hühner sind, wächst bald kein Gras mehr. Zweitens: Die Freibadsaison hat begonnen. Unter dem Kirschbaum räkelt sich eine bunte Schar von Hühnern in ihren Staubgruben. Vornehmlich des Gefieders wegen, das so vor Parasiten geschützt wird. Aber die Federtiere scheinen sich auch sonst recht wohl zu fühlen.

Dreißig verschiedene Rassen leben hier auf dem Archehof nahe Nordwalde in Westfalen, jede einzelne eine Augenweide. Man trifft sich am Teich, rennt vor einem zudringlichen Hahn davon oder wagt einen Ausflug ins Umland, durch die vielen Löcher im Zaun. Passieren tut jedenfalls immer was. „Stundenlang kann ich da zugucken“, sagt Kerstin Albrecht, eine kleine, kräftige Frau mit fester Stimme, die den Hof mit ihrem Lebensgefährten betreibt. Aus vielen Erfahrungen weiß sie vielleicht besser als jeder andere: Dumme Hühner gibt es nicht. Aber wie schlau sind sie wirklich?

Verhaltensforscher wie der norwegische Zoologe Thorleif Schjelderup-Ebbe haben sich schon zu Beginn des vorigen Jahrhunderts mit der Sozialpsychologie des Haushuhns beschäftigt. Als 19-Jähriger beschrieb er die Laute und später die sehr spezielle Hierarchie in Hühnergemeinschaften, die heute als Hackordnung bekannt ist. Sie zu etablieren setzt die Fähigkeit voraus, Individuen zu erkennen und richtig zuzuordnen. Zu welchen Leistungen das walnussgroße Hirn von Gallus gallus domesticus sonst noch in der Lage ist, beginnen Wissenschaftler allerdings erst jetzt herauszufinden. Erforscht wird das heute mit allen Mitteln des technologischen Zeitalters.

Verhaltensforschung in virtueller Umgebung

Zum Beispiel durch Fernsehen. Australische Verhaltensbiologen haben mit Hilfe von Lautsprechern und Bildschirmen virtuelle Umgebungen geschaffen, in denen sie gezielt bestimmte Situationen simulieren können, einen heranschleichenden Fuchs beispielsweise oder einen Raubvogel am Himmel. Es lassen sich auch dreidimensional erscheinende Hähne generieren, mit denen die Hennen dann wie in einem Computerspiel flirten können, sobald sie durch eine Tür gelassen werden. Eines der Hühner war allerdings besonders schlau: Es fand heraus, wie sich die Tür öffnen ließ, und musste nie wieder warten.

Zwei Dutzend verschiedene Lautäußerungen haben die Forscher außerdem registriert und dabei ihre „funktionelle Referenzialität“ entdeckt. Ein Warnruf ist demnach nicht bloß ein Warnruf. Vielmehr passt ihn das Huhn an sein Publikum an und vermittelt auch Informationen über die konkrete Gefahr: Woher kommt sie, wie groß ist sie? Entsprechend reagieren die Gewarnten auch nicht reflexhaft, sondern so, wie es ihnen angesichts der Lage am besten erscheint.

„Die Tiere erkennen die Zusammenhänge“, bestätigt Kerstin Albrecht. So flüchten die Hennen, wenn ein Habicht überm Hof kreist, entweder unter den Baum oder in den Stall. Lauert die Gefahr stattdessen am Boden, etwa durch ein fremdes Tier oder in Gestalt der Hofbesitzer, die eines der Hühner einfangen wollen, ist der Stall plötzlich keine Option mehr. Die Tiere wissen genau, dass die sonst so sichere Behausung in diesem Fall eine böse Falle wäre. Umgekehrt beherrschen die Federtiere das Fallenstellen selbst ganz gut, meint die Hühnerfrau Albrecht.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite