Home
http://www.faz.net/-gx4-6w8id
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Hoatzin Floßfahrt eines seltsamen Vogels

02.01.2012 ·  Die Heimat des Hoatzin war ürsprünglich Afrka, wie Fossilien belegen. Doch heute ist er in Südamerika zu Hause. Ist der Vogel einst mit Treibgut über das Meer gedriftet?

Von Reinhard Wandtner
Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (1)

Dass Hoatzins äußerst merkwürdige Vögel sind, steht außer Frage. Die etwa krähengroßen Tiere der Art Opisthocomus hoazin, die im Tiefland des Amazonas- und Orinocogebietes auf Bäumen leben, haben den Forschern immer wieder Kopfzerbrechen bereitet. Aussehen, Verhalten und Anatomie sind ungewöhnlich. Lange rätselte man zum Beispiel über den riesigen Kropf, in dem die schwer verdaulichen Blätter, die Hauptnahrung dieser Vögel, zerrieben werden. Der Hoatzin stinkt. Bernhard Grzimek beschreibt in seinem "Tierleben", dass "der durchdringende Duft, der mich an einen Kuhstall erinnerte", von dem grünen Nahrungsbrei ausgeht. Eine bakterielle Fermentation im Kropf ist von keinem anderen Vogel bekannt, und die Einzelheiten wurden erst vor gut zwanzig Jahren entschlüsselt.

Fossilien verraten die Herkunft

Unbeantwortet blieb aber eine grundsätzliche Frage, nämlich die nach der Verwandtschaft und Herkunft des Hoatzins. Gerald Mayr vom Forschungsinstitut Senckenberg in Frankfurt am Main hat nun zusammen mit Wissenschaftlern aus Brasilien und Frankreich eine überraschende Entdeckung an Fossilien gemacht. Demnach ähneln 23 Millionen Jahre alte Knochen aus Brasilien stark denen des heutigen Hoatzins ("Naturwissenschaften", doi: 10.1007/s00114-011-0849-1). Der Bau der Schultergürtelknochen des urtümlichen Hoazinavis lacustris, wie das Fossil benannt wurde, weist darauf hin, dass schon damals die Nahrung in einem großen Kropf fermentiert wurde. Bisher hatte ein nur rund halb so alter Fund aus Kolumbien als frühester sicherer Beleg für Hoatzinvögel in Südamerika gegolten.

Die konsequente Schlussfolgerung

Zum biologischen Zündstoff wurde das neue Ergebnis, als die Forscher um Mayr einen schon im Jahr 2003 beschriebenen siebzehn Millionen Jahre alten Fund aus Namibia genau studierten. Sie kamen zu der Überzeugung, dass es sich nicht wie angenommen um einen Kranichvogel handelt, sondern um einen Vertreter der Hoatzine. Schließt man eine voneinander unabhängige, gleichartige Entwicklung in Afrika und Südamerika aus, für die es von den Fossilien her auch keine Anhaltspunkte gibt, muss man annehmen, dass Hoatzine von einem Kontinent zum anderen gelangt sind.

Insel aus Treibgut

Ihre Flugkünste sind kläglich, und im Wasser geben sie auch keine gute Figur ab. Daher favorisieren die Forscher eine andere Art der Ozeanüberquerung - die auf schwimmenden Inseln aus Treibgut. Von Afrika aus, so ihre Überlegung, könnten solche Inseln mit den vorherrschenden Meeresströmungen und Winden nach Südamerika gedriftet sein. Eine solche Route hat man zuvor schon anderen Tieren zugeschrieben, einigen Affen, Nagern und Eidechsen.

Anspruchsvoller Transfer

Afrika und Südamerika sind seit etwa hundert Millionen Jahren getrennt. Die Entfernung wuchs mit der Zeit. Vor rund zwanzig Millionen Jahren, also zu Lebzeiten des jetzt untersuchten brasilianischen Hoatzins, dürfte die kürzeste Entfernung ungefähr eintausend Kilometer betragen haben. Große Naturflöße von Dutzenden Metern Länge und Breite, wie sie sich im Mündungsbereich eines Stroms vom Ufer lösen können, kämen als Vehikel in Frage. Eine erfolgreiche Überfahrt setzt aber eine ganze Reihe weiterer Bedingungen voraus. Ein kanadischer Forscher hat sie vor Jahren einmal am Beispiel des vermuteten Transfers der Neuweltaffen in einer langen Liste aufgereiht.

Sichere Fahrt dank günstiger Winde

Das Floß müsste demnach eine genetisch geeignete Gruppe von Individuen beherbergen, die auch in schwerer See - der die Treibgutinsel natürlich trotzen muss - nicht über Bord gehen. Die Vegetation der treibenden Insel muss genügend Nahrung bieten und darf nicht durch Salzwassergischt zerstört werden. Voraussetzung ist natürlich auch, dass die Passagiere Sturm, Hitze und Mangel an Süßwasser überstehen. Dann bedarf es "nur" noch günstiger Strömungen und Winde, damit das Vehikel den neuen Kontinent erreicht, bevor die Tiere verdursten und verhungern. Der Überlebenskampf geht nach der Landung weiter, denn es lauern ungewohnte Gefahren, angefangen bei Räubern und neuen Krankheitserregern bis hin zur fremdartigen Umwelt mit einem erst zu erschließenden Nahrungsangebot. Alle diese Hürden hat Mayr bedacht. Eine rund einwöchige bis vierzehntägige Floßreise der Hoatzine über den Paläo-Atlantik bleibt für ihn trotzdem die plausibelste Erklärung für das, was die Fossilien den Forschern verraten haben.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Das Gespenst Gentechnik geht

Von Joachim Müller-Jung

Während fast überall auf der Welt neue Nutzpflanzen gezüchtet werden, sinkt das Interesse für die grüne Gentechnik in Deutschland und Europa ständig. Auf dem Acker fahren wir im Rückwärtsgang. Die EU-Kommission versucht das zu ändern. Mehr 9 7