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Haben depressive Fische Schmerzen? : Psyche am Haken

Bild: dpa

Was machen die nur mit unseren Lebensmitteln? Züchten depressive Fische und behaupten, die Kiemenatmer könnten trotzdem keine Schmerzen empfinden. Etwas viel Forschergeist.

          Im Urlaub trifft man so viele Fische wie sonst im ganzen Jahr nicht. Leider enden diese Begegnungen selten harmonisch. Entweder man trifft sich am Buffet, das ist irreversibel und für den Fisch das, was heute als worst case gilt, oder der eine flüchtet im Wasser vor dem anderen - was auf eine nach wie vor tiefsitzende zwischenartliche Intoleranz hindeutet. Und seien wir ehrlich: Auch das Aquarium ist ja in Wirklichkeit nur ein erzwungener Scheinfriede, der einige kritische Parallelen zur Sklavenhaltung aufweist.

          Joachim  Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Als uns Neurobiologen vom Max-Planck-Institut vor kurzem darüber unterrichteten, dass man in Martinsried schwerst depressive Zebrafische im Aquarium hält, um möglicherweise Medikamente gegen stressbedingte Depressionen bei Mitmenschen entwickeln zu können, musste man, um ins Grübeln zu kommen, kein großer Anhänger Schopenhauers und seiner Moralvorstellungen sein oder ein Fan des Dresdner Schriftstellers Ernst von Weber. Von ihm stammt das 1879 veröffentlichte Buch „Die Folterkammern der Wissenschaft“.

          Wobei zugunsten der Hirnforscher anzumerken ist, dass wir keineswegs sicher sein können, wie weit verbreitet die Fischdepression ohnehin schon unter den freilebenden Fischen in den sogenannten Taucherparadiesen ist. Alles, was es dazu braucht, angefangen vom Stresshormon bis zum entsprechenden Kortisolrezeptor, ist den Ermittlungen der Martinsrieder Neurobiologen zufolge im Nervenkonstüm der Fische angelegt und funktionstüchtig. Eine sorgfältig dosierte Einleitung von Antidepressiva, auch das haben die Martinsrieder Studien gezeigt, könnte die Lösung sein. Fluoxetin jedenfalls hat bei melancholischen Zebrafischen ganz gut gewirkt. Was zwar die Meerespsychologie voranbringt, aber die viel gravierendere Frage der Schmerzbehandlung ungelöst lässt. Denken wir an die Myriaden geköderter und im Netz zappelnder Fische oder an die am Teichrand gekeulten Tiere. Was ist mit ihren Emotionen? Ein internationales Team von Neurobiologen, Verhaltensökologen und Fischereiwissenschaftlern hat sich nach der Analyse „aller wesentlichen Studien“ grundsätzliche Gedanken dazu gemacht. Fazit: Fische besitzen kein dem Menschen vergleichbares Schmerzempfinden. Was allerdings zu präzisieren ist. Denn Schmerzrezeptoren, Nozizeptoren, sind auch bei Fischen durchaus verbreitet. Aber die Reize, die damit wahrgenommen werden, gelangen nicht ins Bewusstsein, sie generieren kein „Schmerzerleben“, sagen die Forscher, denn Bewusstsein setzt eine Großhirnrinde voraus.

          Auf Eingriffe, die bei uns Menschen höchst schmerzhaft wären, zeigen Fische keine Reaktion. Und Schmerzmittel sind praktisch wirkungslos. Kein Aspirin beim Angeln also, aber was ist mit den Emotionen, dem Leid? Vom Verhalten, sagen uns dazu die Fischforscher in der Zeitschrift “Fish and Fisheries“, auf „zugrunde liegende emotionale Zustände zu schließen ist grundsätzlich problematisch“. Was wohl heißen soll: Depressive Fische sind Simulanten und die Psychologie nichts als emotionale Schleppnetzfischerei. Darf man so über seine Mitgeschöpfe reden?

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