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Grönland Immer in Richtung auf das Meer

31.07.2005 ·  Grönland ist bekannt für Eis, Schnee und Schlittenhunde. Aber was passiert eigentlich im Juni und Juli, wenn das Eis geschmolzen ist? Eine Sommerreise zur Westküste der Insel liefert Antworten.

Von Tilman Spreckelsen
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Es beginnt ganz leise. Ein einzelner Ruf, gerade laut genug, damit die anderen aufmerken. Dann pflanzt sich das fort, schwillt an, ein Chor stimmt ein, und über dem Städtchen hängt ein paar Minuten lang das vereinte Geheul vieler, vieler Schlittenhunde. Bis die matten Tiere wieder auf ihre Felsplatten zurücksinken und erst mal Ruhe geben.

Das Schöne am Reisen ist, daß man ständig Antworten auf ernste Fragen bekommt, die man sich nie gestellt hatte. „Was machen Schlittenhunde eigentlich im Sommer?“ ist so eine, und wer je eine grönländische Siedlung nördlich des Polarkreises zur Zeit der Mitternachtssonne besucht, stößt an jeder Ecke, vor jedem Haus auf die Antwort: Die Tiere liegen an Ketten auf der Erde, schleppen sich ab und an zur nächsten Wasserstelle, fressen ein bißchen, dösen, streiten sich, und wenn ihnen dann immer noch langweilig ist, schlagen sie Lärm. In den meisten Orten gibt es gut doppelt soviel Schlittenhunde wie Menschen. Und niemand wartet so ungeduldig auf den Winter wie sie.

Das nördlichste Freibad der Welt

Andere Grönländer warten unspezifisch darauf, daß endlich etwas geschieht, irgend etwas. Abends in Sisimiut, mit 5.200 Einwohnern die zweitgrößte Siedlung der Insel, laufen die Jugendlichen die „Aqqusinersuaq“ rauf und runter, die längste Straße der Stadt, um sich dann auf der Hälfte zu treffen. Da steht der einzige Kiosk, der bis 23 Uhr geöffnet ist. Hell ist es dann immer noch. Manche hüpfen auf die Felsbrocken am Straßenrand oder jagen ihre Mountainbikes mit grimmiger Energie den Fußweg neben der Fahrbahn entlang und schauen den Autos nach, in denen die älteren Jungs die Mädchen spazierenfahren, soweit die Straße reicht. Und wieder zurück.

Die Sonne wird hier die nächsten beiden Monate nicht mehr untergehen, die Schneeschmelze hat gerade den gesammelten Unrat des vergangenen Winters freigegeben, das auf 23 Grad aufgeheizte Freibad, vermutlich das nördlichste der Welt, hat wieder geöffnet (und wird gerade, obwohl die Liegefläche aus Holzbohlen völlig leer ist, kräftig mit Robbie Williams beschallt). Über dem Ort liegt eine solche Stimmung von sehnlichst erwünschtem Aufbruch, von Sommeranfang und großen Ferien, daß sie sich selbst den Fremden mitteilt, die für einen kurzen Besuch gekommen sind.

Alle Gräber in Richtung Meer

Manche wandern in den umliegenden Bergen und stoßen dabei mitunter zwischen Brombeerbüschen, roten Weidenröschen und den rührend tapferen Nordischen Kriechbirken unvermutet auf Steinhaufen, aus denen gut sichtbar die Knochen älterer Inuit-Kulturen herausschimmern. Die Gräber sind immer in Richtung auf das Meer angelegt, die Toten haben die Jagdgründe unbeirrt im Blick, und nicht einmal die Strom- und Telefonleitungen, die sich mittlerweile über den Gräbern kreuzen, stören das Bild.

Ein Jahr lang, so überliefert der Inuit-Forscher Knud Rasmussen eine alte Sage, müssen sich die gestorbenen Jäger zäh ins Jenseits arbeiten - sie kriechen unter einem großen Fell hindurch und verlieren dabei alle Körperschwere, bis sie leicht genug für den Himmel sind. Andere, deren Körper im Meer versunken sind, bleiben dort in einer Art Unterwelt. Den Geisterbeschwörern der Inuit-Stämme ist es vorbehalten, die gestorbenen Ahnen in einem der beiden Totenreiche zu besuchen. Und wenn es in einem Winter zu wenig Nahrung gibt, tauchen sie in den Ozean, wo sie auf die große Mutter des Meeres treffen und ihr das Haar auskämmen - was sich daraus löst, ernährt später den ganzen Stamm.

Wenig Arbeitslose und viele Ausbildungsplätze

Bis heute wird Grönland übers Meer versorgt, mit den großen roten Schiffen der Royal Arctic Line, aber für den Wohlstand der Insel spielen auch zunehmend Touristen von Übersee eine Rolle. Manche sind mit einem der Kreuzfahrtschiffe gekommen, die ein bis zwei Wochen lang die Orte an der Westküste Grönlands besuchen und dort jeweils für ein paar Stunden vor Anker gehen. Die Touristen können derweil die Siedlung durchlaufen, Werkstätten besichtigen, wo Elchknochen geschnitzt und Seehundsfelle genäht werden, Souvenirs kaufen, vielleicht noch etwas wandern und wieder an Bord gehen. Dort gibt es dann kundige Vorträge und warme Mahlzeiten, vor allem aber einen grandiosen Blick vom Panoramadeck auf Grönlands Küstenlandschaft, dem man sich mühelos einige Tage lang hingeben kann.

In Sisimiut erzählt schon am Hafen der große rote Blechquader auf einem Betonfundament, das Zentrallager der großen Supermarktkette, vom relativen Wohlstand der Siedlung. Sisimiut hat wenig Arbeitslose, viele Privatunternehmer und Ausbildungsplätze: Angehende Klempner, Maler und Tischler besuchen hier die Berufsschule Sanaartornermik Illinniarfik, und wer es exklusiver mag, kann dort seit einigen Jahren auch „arktische Technologie“ studieren.

„Ein Lotteriespiel ist das alles nicht“

Die Schüler und Studenten treffen sich in einem hellen Gebäude über der Stadt, mit Werkstätten, Cafeteria und bequemen Computerarbeitsplätzen vergleichsweise großzügig ausgestattet - und vor allem rund um die Uhr geöffnet. Sie kommen aus ganz Grönland, viele von ihnen sind die ersten in ihren Familien, die überhaupt eine höhere Schulbildung bekommen; einige studieren später in Dänemark weiter. In einer rasant gewandelten grönländischen Gesellschaft, in der sich die Bevölkerung inzwischen in den wenigen Städten drängt und immer weniger Raum ist für die jagenden Inuit früherer Zeiten, gehören sie vermutlich zu den Gewinnern. Auch wenn die Studenten der „arktischen Technologie“ unter ihnen das Eis ganz sicher mit anderen Augen sehen als ihre Vorväter.

Niels Foged, der diesen Studiengang betreut, beobachtet den riesigen grönländischen Inlandsgletscher und die Eisverhältnisse bei Sisimiut seit Jahrzehnten. In der gegenwärtigen Erderwärmung sieht er sehr sachlich denn auch ein Jobprogramm für seine Absolventen - wenn Permafrostböden auftauen, braucht man Ingenieure, die sich damit auskennen, sagt er, auf den Ernstfall könne man sich schließlich vorbereiten, „ein Lotteriespiel ist das alles nicht“. Und immerhin seien die allermeisten grönländischen Gebäude auf felsigem Untergrund errichtet, der auch bei einiger Erwärmung nicht ins Wanken gerate - in den Polarregionen Alaskas oder Sibiriens sehe das gleich ganz anders aus.

Sommer verändert die Insel

Draußen stemmen sich die Gebäude, denen Foged soviel Dauer zuspricht, mit ihren leuchtend bunten Farben wie überall im Norden gegen eine monatelang blasse Natur, gegen matte Flechten, karge Grasflächen, graubraunes Gestein und den milchigen Himmel. Doch wenn der Sommer endlich kommt, dann kommt er mit wuchtigem Selbstbewußtsein, und wer im Juni oder Juli bei 17 Grad auch nur eine Woche auf der Insel verbringt, wird sie anders zurücklassen, als er sie bei der Ankunft erlebt hatte: Fast meint man, dem Gras beim Wachsen zuzusehen, den Blumen beim Aufblühen und dem Eis beim Schmelzen.

Die meisten Fremden kommen auf dem ehemaligen Militärflughafen Kangerlussuaq an, etwas nördlich des Polarkreises und in der Nähe der grönländischen Eiskappe, die 85 Prozent der Inselfläche bedeckt. Für eine Teststrecke auf dem Eis ließ Volkswagen vor fünf Jahren eine rumplige Zubringerstraße von Kangerlussuaq aus anlegen, die auch von Geländewagen nicht ohne weiteres bewältigt wird.

Erste touristische Adresse

Wer sie trotzdem fährt oder läuft, über Sanddünen, vorbei an Wiesen, kahlen Bergen und einem fast ausgetrockneten Flußbett, sieht mit etwas Glück in der Ferne eine Herde von Moschusochsen, die träge grasen, beim Anblick von Fremden gern verschwinden und deren Bullen sich manchmal wuchtig die Köpfe gegeneinanderschlagen. Danach stehen sie erst mal benommen da, warten eine Weile, trotten friedlich nebeneinander her und wenden sich dann wieder dem anderen zu, um sich einen weiteren Kopfstoß abzuholen. Und so geht das fort und fort.

Von Kangerlussuaq aus fliegt Air Greenland die kleineren Flughäfen der Insel an. Straßen gibt es zwischen den Ortschaften nicht, mit dem Schiff dauert es lang. Wegen der Eiskappe ist nur an der Küste Raum für die Siedlungen, die oft an prächtigen Fjorden liegen. Daß sich unter ihnen das Städtchen Ilulissat zur ersten touristischen Adresse entwickelt hat, liegt denn auch am überwältigenden Eisbergfeld, das der Fjord Kangia südlich der Siedlung ins Meer entläßt.

Nichts bleibt, wie es ist

Am schönsten ist das vom Boot aus, zwischen fußballkleinen Trümmern und mehrfamilienhausgroßen Bergen, die aus einigem Abstand wie erstarrte Wolken, aus der Nähe schroff und scharfkantig wirken, mit Schründen, Linien, Mustern. Kleine Fischerboote suchen sich dazwischen ihren Weg, und selbst ein rotes Versorgungsschiff wirkt einigermaßen angreifbar in diesem Feld aus treibenden Brocken.

Nichts bleibt, wie es ist. Risse zeigen sich und werden zusehends größer; ovale Löcher im Eis schmelzen nach außen hin ab, die Sonne läßt die glattgespülten Flächen rosig oder stahlblau erscheinen. Die blanke Seite der treibenden Eisberge, lernen wir an Bord, ist ein Zeichen, daß sich der Brocken einst umgekehrt im Wasser befand und sich dann irgendwann komplett gedreht hat. Und es ist sicher gut, das zu wissen, aber vor der augenscheinlichen Masse dieser Eisberge kann sich niemand eine solche Drehung vorstellen.

Kleine Tsunamis durch Eisberge

Vom Zentrum Ilulissats führt ein Weg die Küste entlang zum Fjord, vorbei an einem alten Friedhof mit verwilderten Gräbern, vorbei auch an den überwachsenen Resten einer früheren Siedlung. Als Ilulissat noch Jakabshavn hieß, gab es hier schon die Inuit-Siedlung Sermermiut, die bis ins zweite vorchristliche Jahrtausend zurückreicht. Einen schöneren Platz hätte man sich kaum aussuchen können, einen sichereren vielleicht schon. Zu nah ans Wasser darf man hier nicht gehen, denn urplötzlich fallende Eisberge können durchaus kleine Tsunamis auslösen, heißt es auf großen Warntafeln.

Die Mulden sind grasbewachsen und warm, der Blick geht auf den Fjord und über die Eisberge, die Luft ist erfüllt von leisem Knacken und Plätschern, das schilfige Ufer von Eisbruch und Rinnsalen. Die Gegend ist mit Blumen gesegnet, am Wegrand ruhen bemooste Feldsteine in der Sonne. Im Wasser treiben kleine Eisberge umher, und wer die Augen halb geschlossen hält, sieht darin noch ein bißchen mehr: Eine Schildkröte. Einen Drachen. Afrika. Zwei Seehunde, einander beäugend. Lummerland. Einen Dinosaurierkopf. Manchmal rumpelt es fern. Und während man träge auf das nächste Bild wartet, ist es ein beglückender Gedanke, daß die Sonne noch lange nicht untergeht.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 31.07.2005, Nr. 30 / Seite V1
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Jahrgang 1967, Redakteur im Wissenschaftsressort der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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