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Glosse zur Grünen Woche Zicklein im Stroh

24.01.2012 ·  Unser Bild vom Bauernhof wird von Weltanschauungen geprägt. Der Agrarrat möchte vermitteln Das geht immer weniger: In Berlin prallen die Systeme aufeinander.

Von Christina Hucklenbroich
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Das klassische Bauernhofbilderbuch ist nicht auszurotten: In jeder Kinderbuchabteilung finden sich für alle Altersstufen gleich mehrere Vertreter dieser Gattung. Der Bauer repariert darin den Traktor noch selbst, die Bäuerin füttert die Hühner per Hand. Vier Kühe stehen nebeneinander im Stall, und auf der nächsten Seite kann man ein Kläppchen öffnen und sieht dahinter ein Zicklein im Stroh schlafen. Zuletzt wird stets der Hofladen vorgestellt, in dem die Bäuerin alle Produkte persönlich an den Endverbraucher weitergibt. Wer hier das sucht, was sich im Fachjargon "Dreitausenderanlage" nennt und in der Sprache von Agrarkritikern "Massentierhaltung", der wird nicht fündig werden. Im Kinderbuch ist immer noch der kleinbäuerliche Hof Realität, der, den sich die 23 000 Demonstranten wünschen, die am Samstag unter dem Motto "Bauernhöfe statt Agrarindustrie" in Berlin auf die Straße gingen.

Von der Grünen Woche kommen derweil Bilder, die eher denen im Bilderbuch ähneln: fotogene Kühe und neugierig aus dem Koben schauende Schweine, von Besucherhand getätschelt. Die Pressekonferenzen während der Messe sprechen wieder eine andere Sprache: Das zentrale Thema sind meist Antibiotika in der Tiermast. Ganz still und fast unbemerkt hat sich genau in diesen Tagen der wissenschaftliche Beirat für Agrarpolitik des Bundeslandwirtschaftsministeriums mit einer Stellungnahme zum Thema Ernährungssicherung zu Wort gemeldet. Bilder gibt es nur auf dem Deckblatt, sie zeigen Menschen in den Entwicklungsländern bei der Schafhaltung und vor einer mageren Mahlzeit sowie den Überfluss einer westlichen Fleischtheke. Fünfzehn deutsche Wissenschaftler skizzieren in der Stellungnahme die heutigen und die kommenden Welternährungsprobleme. Sie diagnostizieren international ein gravierendes Verteilungsproblem und analysieren auch die deutschen Verhältnisse: Hier raten sie dazu, die Umsatzsteuervergünstigung für Lebensmittel fallenzulassen, weil der massive Fleischkonsum viele Volksleiden begünstige und billige Lebensmittel die Wegwerf-Problematik verstärkten. Um soziale Härten zu verhindern, müsse man dann bestimmten Gruppen Einkommenshilfen geben. Deutliche Worte, die vielleicht genau das vermögen, was im Prolog der Stellungnahme angedacht ist: Man wolle zur Überwindung weltanschaulicher Gegensätze beitragen, heißt es da. Genau solche Gegensätze sind es wohl, die im Umfeld der Landwirtschaftsmesse in Berlin aufeinandertreffen. Manchmal sind die einzelnen Weltanschauungen dabei wahrscheinlich so weit voneinander entfernt wie der Bilderbuch-Bauernhof von der Realität.

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Jahrgang 1978, Redakteurin im Ressort „Natur und Wissenschaft“

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