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Glosse : Unbestimmt

Das stark zerstörte Dorf Onna 2009, nahe der italienischen Stadt L' Aquila Bild: dpa

Unsicheres Wissen wird zum Straftatbestand: Das steht hinter dem Urteil gegen sieben Erdbebenforscher, die in Italien wie eine Kunstfälschermafia behandelt werden.

          Das Abendland steht nicht vor dem Untergang, weil ein unterinstanzliches Gericht in Mittelitalien sieben ehrliche, dienstbeflissene Erdbebenforscher wie Mitglieder einer Kunstfälschermafia behandelt und sie zu langjährigen Haftstrafen verurteilt hat. Und nicht nur italienische Richter und Anwälte bewegen sich gelegentlich mangels Wille oder Interesse im Dunstkreis pseudowissenschaftlicher Weltmodelle. Das Fehlurteil lässt sich noch korrigieren. Dennoch ist es schon bemerkenswert, wie in diesem Fall die Rechtsprechung unsicheres Wissen zum gesellschaftlichen Versagen und die Verbreitung dieser Vagheit zum Straftatbestand bestimmt hat.

          Als Mitglieder einer Risikokommission hatten die Erdbebenforscher im Frühjahr 2009 trotz leichter Erdstöße „kein erhöhtes Risiko“ für ein schweres Erdbeben in der Region von L’Aquila für die nächste Zeit vorhergesagt. Sechs Tage später kam es zu dem schweren Beben, bei dem 309 Menschen starben. „Ungenau, unvollständig und widersprüchlich“, ja „nutzlos“ sei das Gutachten der sieben Forscher gewesen, so argumentierte die Anklage, weil sie es versäumten, die Menschen rechtzeitig zu warnen. Nun sind Erdbebenvorhersagen, was die Forscher grundsätzlich hätte entlasten sollen, bis heute nicht vorhersagbar. Sie argumentierten nach Stand des Wissens. Es war ungenau, unvollständig, und ja, auch nutzlos im konkreten Fall.

          Ins Unbestimmte gebaut

          Allerdings: Die moderne Gesellschaft hat es sich angewöhnt, auch solche Aussagen, nämlich weitgehend unsichere Aussagen, anzuhören. Und meistens auch seriös damit umzugehen. Tagtäglich. Anders als die Mächtigen früherer Zeiten, die ihre Berater für Falschaussagen köpften, werden Ärzte, die mit unsicheren Diagnosen kämpfen oder Klimaforscher, die unbefriedigende Wahrscheinlichkeitsaussagen statt klarer deterministischer Prognosen präsentieren, glücklicherweise nicht geächtet.

          Warum das so sein muss, hat der Heidelberger Physiker Hans Pirner in seinem wertvollen Buch über den Versuch, das Unbestimmte und das Bestimmte in den Wissenschaften zusammen zu denken, mit Niklas Luhmann hinreichend erläutert: Letztlich ist unsere Gesellschaft ins Unbestimmte gebaut. Die Frage jedoch, wie man vernünftig mit einer solchen Unbestimmtheit umgeht, ist noch nicht endgültig beantwortet. Redlich darum bemüht haben sich die italienischen Provinzrichter jedenfalls ganz sicher nicht.

          Joachim  Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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