01.11.2011 · Fritten aus gentechnisch veränderten Erdäpfeln: BASF erschüttert das Land mit seiner Kartoffeloffensive. Und das am Reformationstag. Was könnte das bedeuten?
Von Joachim Müller-JungDer Ludwigshafener Chemiekonzern BASF hat am Reformationstag bekanntgegeben, das europäische Nahrungsnetz mit seiner gentechnisch veränderten Version der Speisekartoffelsorte "Fortuna" zu bereichern. Der Zulassungsantrag liegt in Brüssel vor. Sechs Jahre lang seien die mit zwei Resistenzgenen gegen Kraut- und Knollenfäule ausgestatteten Erdäpfel in Feldversuchen "auf Sicherheit" hin untersucht worden. Keine einzige Kartoffel ist entlaufen. Das war mit der nach dreizehn Jahren genehmigten BASF-Industriekartoffel "Amflora" noch anders, von ihnen waren einige an Wegrändern der idyllischen englischen Countryside sichergestellt worden. Diesmal hofft man auf mehr Glück und auf eine "Markteinführung" von Fortuna schon in vier Jahren. Die Wochen- und Bauernmärkte können da nicht gemeint sein, vielmehr die Großerzeuger in der Nahrungsmittelkette. Fortuna gilt als optimale Rohware für Fritten. Die Industrialisierung der hiesigen Lebensmittelindustrie, die sich erfolgreich gegen den Trend zur "Natürlichkeit" stemmt (siehe Artikel auf der folgenden Seite), soll damit um ein Hightech-Produkt ergänzt werden. Was alles andere als selbstverständlich ist: In Europa dürfen derzeit lediglich zwei gentechnisch veränderte Nutzpflanzen angebaut werden, allerdings nur für die Futtermittelindustrie. Immerhin siebenunddreißig weitere Sorten dürfen importiert werden. In Nordamerika sind allerdings neunzig Gentechnik-Lebensmittel, inklusive solcher für den menschlichen Verzehr, im Umlauf. Nordamerika hatte aber auch nicht den Reformator Luther, von dem Heinrich Heine, obschon lutherischer Konfession, in seinen letzten Jahren nicht die allerbeste Meinung hegte: "Luther", sagte der rheinische Dichter, "erschütterte Deutschland - aber Franz Drake beruhigte es wieder. Er gab uns die Kartoffel." (Heine meinte den englischen Freibeuter Francis Drake.) Damit ist ja ganz offenkundig, warum ausgerechnet der Reformationstag von der BASF zur Genfrittenoffensive auserkoren wurde. Für den Sturm auf Europas Festung der Lebensmittelromantiker und Heimstatt der Reformation ausgerechnet Luthers höchsten Tag auszuwählen, soll sicher ein gutes Omen sein. Auf die ausgleichenden Taten eines Franz Drake wird man freilich umsonst warten - auch wenn der Kartoffelimport ganz im Sinne der Ludwigshafener Kartoffelgen-Reformatoren gewesen sein dürfte. Anders nämlich als Heine vermutete, hatte Drake im sechzehnten Jahrhundert zwar viel Silber und Gold in Südamerika erbeutet, sicher jedoch nicht die Kartoffel nach Europa gebracht. Dafür schickt sich der Chemiegigant jetzt an, die industrielle Kartoffelzucht zu vergolden. Auf eine breite Reformbewegung darf er dabei nicht hoffen.
Joachim Müller-Jung Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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