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Glosse Kuhschwund

In der Schweiz sind 34.000 Kühe aus der Statistik verschwunden. Einfach so. Die Eidgenossen tappen im Dunkeln, niemand hat eine Erklärung - und ein Datenbankfehler liegt wohl auch nicht vor.

© dpa Vergrößern

Die Kuh ist das offizielle Nationaltier der Schweizer. Im Land von Käse und Schokolade sind Rindviecher zwar nicht heilig wie in Indien, doch ihr Status ist nicht weit davon entfernt: Im Simmental reisen jedes Jahr zwischen Oktober und Dezember Kuh-Coiffeure an und scheren viertausend Kühe. Im Wallis werden alljährlich Kuhkämpfe, „Combats de Reines“, veranstaltet, die Siegerin darf als „Königin“ den Alpaufzug anführen und ist der Stolz ihres Besitzers. Im Kanton Bern wurde das Kuh-Leasing erfunden: Für vierhundert Franken kann man einen Alpsommer lang eine Kuh mieten, bekommt dafür ein gerahmtes Zertifikat, ein Poloshirt und später bis zu 120 Kilo besten Alpkäse aus der Milch des Leasingobjekts zum Vorzugspreis. Jetzt im Herbst werden die Schweizer Kühe zudem in allen Teilen des Landes auf Viehschauen gefeiert, dörflichen Volksfesten, wo Schweizer Braunvieh, Simmentaler, Red Holstein und andere populäre Rassen mit Preisen für Milchmenge und Robustheit überschüttet werden. Doch in diesen Tagen fällt ein Schatten auf das Alpenidyll. Gerade meldete der Landwirtschaftliche Informationsdienst LID in Bern, dass seit Anfang des Jahres in der Schweiz 34.000 Milchkühe aus der Statistik verschwunden sind. Geschlachtet wurden sie nicht. Exportiert auch nicht. Und in den Vorjahren blieb der Kuhbestand stets konstant. 564280 Milchkühe gibt es noch, und erstaunlicherweise hat die produzierte Milchmenge sogar zugenommen.

Kein Erfassungsfehler

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Das Kuh-Register der Schweiz wurde zwar unlängst in ein neues Internetportal integriert, aber die Betreiber beteuern nach mehreren Prüfungen, ein Erfassungsfehler liege nicht vor. Rätselt man an der Sache herum, dann kommen leider zunächst lauter unerfreuliche Lösungen in Frage - mit glücklichen Kühen haben sie jedenfalls nichts zu tun. Denkbar wäre es, dass manche Kühe weder auf dem Schlachthof noch durch die Spritze eines Tierarztes sterben - sie verenden also anonym. Immer wieder stürzen beispielsweise Kühe, manchmal ganze Herden, Felswände hinab in die Tiefe, wenn sie den Sommer auf der Alp verbringen. Doch gleich 34.000?

Die Schweizer tappen weiter im Dunkeln, diskutieren aber schon landesweit über das Problem. „Die Bauern unterschlagen diese Kühe und verkaufen Milch und Fleisch schwarz“, schlägt ein Oberaargauer in einem Internetkommentar auf der Website der Schweizer Boulevardzeitung „Blick“ vor. Lukrativ wäre das allerdings nur, wenn man sich auf romantische Touristen spezialisiert, die eine Kuh „schwarz“ leasen wollen. Die Eidgenossen selbst, meldete LID Anfang der Woche, trinken nämlich immer weniger Milch - obwohl die in den Schweizer Läden inzwischen so billig ist wie nie zuvor.

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Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 16.10.2012, 17:03 Uhr

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Von Joachim Müller-Jung

Ärzte lieben Symbole, wie die Kunst und Geschichte. Und besonders lieben sie politische Symbole. Wenn Ärzte der Stadt Berlin also zehn Spree-Eichen spenden, dann steckt da sicher etwas dahinter. Oder wünschen sie sich einfach nur eine schönere, grüne Hauptstadt? Mehr 4