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Glosse: Diese Tiere Sprecht mit uns

 ·  Sprechende Tiere sind ja so klug. Ein Elefant, der dank Rüsselfeinmotorik koreanisch heraus posaunt, oder ein nachplappernder Belugawal. Lernen wir von ihnen.

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Die Plagiatswelle rollt, und das zeigt: Seit es das Internet gibt, ist es für jeden von uns zum Problem geworden, dass praktisch bald alles in der Welt schon einmal gesagt sein wird - nur bisher eben noch nicht von jedem. Aber auch das ändert sich rasend schnell. Alle sollen zu Wort kommen. Selbstverständlich auch unsere Mitgeschöpfe, deren schicksalhafte Sprachlosigkeit wir als eine der größten Bürden unserer eigenen Überlegenheit ansehen müssen. Immer schon gesehen haben. Der „kluge Hans“, jenes Wunderpferd, das ein Mathematikprofessor schon vor zweihundert Jahren mit Zahlen, Farben und den Theorien der Musiktheorie vertraut gemacht und sogar arithmetische Fragen mit einer richtigen Zahl an Hufstampfern beantwortete, hätte uns sicher bereitwillig das Geheimnis seiner Klugheit - die Entschlüsselung kleinster, kaum wahrnehmbarer Veränderungen der Kopf- und Körperhaltung bei den Zuschauern - verraten, wenn ihm nur nicht die Worte dafür gefehlt hätten.

Im Buch Hiob heißt es: „Frage doch das Vieh, das wird dich ’s lehren, und die Vögel unterm Himmel, die werden dir ’s sagen.“ Nun gut, wir sind dran. Die Wissenschaft jedenfalls war nicht untätig. Wir kennen inzwischen Graupapageien, die mehr als siebzig Wörter verwenden, Seelöwen, die mit Händen und Armen beinahe hundertneunzig menschliche Gesten beherrschen, und Schimpansen, die auf einem mit an die hundert Symboltasten ausgestatteten Laptop eine geradezu virtuose Sprachbeherrschung an den Tag legen. Was uns natürlich am meisten reizt an sprechenden Tieren, ist das, was Megan Fox in ihrem neuen Kinowerbespot mit einem Delphin vorführt: die freie Kommunikation auf Augenhöhe, das vertrauensvolle Flüstern, das realistischerweise erst durch die komplett dechiffrierte Lautsprache der Kreatur möglich wird. Wie gesagt, wir sind dran. Aus der Zeitschrift „Current Biology“ erfahren wir jetzt, dass ein leider schon verstorbener kalifornischer Belugawal menschliche Laute nachzuahmen imstande war und der asiatische Zooelefant „Koshik“ sechs Begriffe aus dem koreanischen Wortschatz phonetisch praktisch eins zu eins übernommen hat. Wer von beiden, der Pfleger oder der Dickhäuter, das schöne „anja“ für „setz dich“ oder „annyong“ für „Hallo“ ausspricht, ist für arglose Passanten nur schwer zu entscheiden. Dass der Elefant zu dieser Sprechleistung fähig ist, trotz enormer anatomischer Abweichungen und eines fehlenden Sprechapparates, ist vor allem seinem motorischen Geschick zu verdanken: Das Tier steckt sich den Rüssel so ins Maul, dass er die gewünschten Laute in der richtigen Abfolge und Tonhöhe erzeugt. Was zumindest beweist, dass Imitat und Plagiat auch eine hohe Kunst sein können.

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10.11.2012, 02:50 Uhr

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