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Freitag, 10. Februar 2012
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Gentechnologie und Artenvielfalt Klone als Ausputzer des Artenschutzes?

27.05.2008 ·  Für die seltensten unter den seltenen Tierarten wird bald jede Biotechnik mobilisiert. Doch wo bleiben die Resultate? Die von manchen in Aussicht gestellte „Arche“ dümpelt im Schatten schillernder Klonunternehmen.

Von Joachim Müller-Jung
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Die Nachricht platzte mitten in die aktuellen Verhandlungen der Vereinten Nationen zur Biodiversitätskonvention in Bonn: Das Nördliche Breitmaulnashorn, Ceratotherium simum cotton, gibt es nicht mehr in der freien Wildbahn. Strenggenommen ist die nördliche Variante des weißen Nashorns damit noch nicht ausgestorben, weil man immer noch einige wenige Zootiere in San Diego und im tschechischen Dvur Kralove hält. Aber die Wildbestände scheinen wohl endgültig kollabiert. Pete Morkel von der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt, der sich im Frühjahr auf die Suche nach den letzten verbliebenen geschätzten ein Dutzend Tieren im nordkongolesischen Garamba-Nationalpark aufgemacht hatte, kehrte ohne Erfolgsmeldung zurück. Er vermutet, dass auch die letzten Rhinozerosse dieser Unterart von Wilderern erlegt worden sind.

Und weil neben den in den vergangenen Jahrzehnten durchaus intensivierten Arten- oder Naturschutzbemühungen auch die Erhaltungszuchten in den Tierparks gescheitert sind, gilt das Nördliche Breitmaulnashorn damit endgültig als ein weiterer Kandidat für ein Projekt, das man Klon-Arche nennen könnte. Dessen Anfang liegt ziemlich genau zehn Jahre zurück. Es war das Jahr eins nach "Dolly". So hieß das berühmte Schaf aus dem Roslin-Institut vor den Toren Edinburghs, das zum Inbegriff eines biologischen Wunders geworden war.

Dollys Vermächtnis

Mit Dolly war das Klonen von Säugetieren und damit quasi die Rekonstruktion eines gesamten höheren Organismus nur mit Hilfe der Erbinformation einer schlichten Körperzelle plötzlich Realität geworden. Richtig märchenhaft aber wurde es für die Freunde der künstlichen Schöpfung, als mit dem Dolly-Verfahren nach einer japanischen Kuh und einem Dutzend hawaiianischer Labormäusen einige Monate später in Neuseeland ein extrem seltenes Kalb namens "Elsie" geboren wurde - ein aus einer Körperzelle rekonstruiertes Enderby-Island-Rind. Der Nachkomme des buchstäblich letzten Exemplars seiner Art. "Lady", eine schwarzweiß gescheckte Kuh, war die letzte Überlebende dieser im neunzehnten Jahrhundert auf der subantarktischen Endery Island eingeführten und anschließend verwilderten Rinderrasse. Der letzte Strohhalm für eine aussterbende Art.

Es war eine Sensation, die damals allerdings kaum als solche wahrgenommen wurde, denn die Nachricht von der Erzeugung des Kalbes wurde in der bis heute weithin unbeachteten Zeitschrift namens "Reproduction Fertility Development" bekanntgegeben. Die Fortpflanzungsspezialisten machten nicht viel Aufhebens davon. Doch mit jedem weiteren Klon wurde das neuseeländische Fortpflanzungskonzept bekannter und in den folgenden Jahren schließlich zur Blaupause für einen gelegentlich als Projekt "Arche" titulierten Rettungsplan für bedrohte Tierarten. Auf Elsie folgten vier weitere Wildrind-Klone in der Forschungsstation Ruakura nahe Auckland.

Aufstocken der Populationen

In der ganzen Welt machten sich plötzlich Zoobetreiber und Artenschützer ernsthaft Gedanken, das schon beachtliche Arsenal an Reproduktionstechniken um diese neue Biotechnik zu erweitern, die vielleicht besser als alle anderen geeignet wäre, vom Aussterben bedrohte, extrem scheue, gefangenschaftsuntaugliche und fortpflanzungsträge Tiere zu erhalten. Die Populationen womöglich sogar in kürzester Zeit, weit unterhalb der natürlichen Generationenfolge, aufzustocken. Ganz oben auf der Liste der bald zweitausend extrem bedrohten Tierspezies waren von Anfang an die gut 160 Säugetierarten, vornean einige Vettern der ersten Klontiere wie der am Rande des Aussterbens stehende Pyrenäen-Steinbock oder das Urial-Wildschaf, aber auch die ewigen Sorgenkinder der Zooreproduktionsmediziner wie Nashörner oder der Große Panda.

Fortschritte hatte man zwar allenthalben schon veterinärmedizinisch zu verzeichnen: Künstliche Besamung, Embryotransfer nach künstlicher Befruchtung und zellsortierte Geschlechterauswahl im Reagenzglas entwickelten sich sukzessive fort. Bei Elefanten, Oryx-Antilopen und Weißseiten-Delphin wuchsen dadurch die Populationen, zumal jene in Gefangenschaft, und bald wurden nach dem Transfer von Embryonen eines Urials auf ein Hausschaf Trächtigkeiten erzeugt und von Embryonen des extrem seltenen Bali-Rinds (Banteng) auf eine Hauskuh Jungtiere geboren.

Biologische „Reservebanken“

Doch in einem noch viel schnelleren Tempo schrumpfen in der Wildnis viele der bedrohten Populationen. Immer öfter wird "genetischer Notstand" festgestellt. Von der Urrind-Rasse Gaur, dem Armenischen Rotschaf und dem Europäischen Mufflon hat man unreife Eizellen gewonnen und in der Petrischale durch Zugabe von Wachstumsfaktoren künstlich zur Reife gebracht, so dass sie für die In-Vitro-Fertilisation benutzt werden können. Bei Haustieren werden inzwischen schon versuchsweise zwei Monate alte Weibchen laparoskopiert und unreife Eizellen entnommen.

Parallel dazu werden weltweit die "Genom-Ressourcen-Banken" - die Weiterentwicklung von Keimzellen-, Embryonen- und Gewebebanken - ausgebaut. Einundzwanzig solcher biologischer "Reservebanken" sind inzwischen registriert, einige davon auf einzelne seltene Arten spezialisiert, die meisten aber mit dem Fernziel, einer effizienten Biotechnik als "Arche Noah" zu dienen.

Mangelnde Effizienz des Klonens

Was die geforderte Effizienz betrifft, hat allerdings vor allem das Klonen enttäuscht. Aus dem Genmaterial eines Hautfetzens eine Rote-Liste-Art zu retten erscheint als Konzept vor allem für wildlebende Arten bestechend. Doch das Drama zeichnete sich schon nach den ersten fünf Enderby-Island-Kuhklonen ab, als bald schon zwei der Jungtiere eingingen. Zwei Versuche in China, den Großen Panda zu klonen schweiterten ebenso wie Versuche mit dem Argali-Schaf und dem asiatischen Gaur-Rind. Wie bei vielen der Labortiere wurden den Abkömmlingen Missbildungen und Stoffwechseldefekte zum Verhängnis, die auf ein offenkundig fehlerhaftes Reprogrammieren des Genoms nach dem Transfer in die Eizellen zurückzuführen sind.

Nur ein bis fünf Prozent der Nachkommen sind - zumindest auf den ersten Blick - wie das 2003 geborene Banteng-Kalb gesund. Der mehrfach misslungene Versuch, den seit fast siebzig Jahren ausgestorbenen Tasmanischen Tiger aus konserviertem Gewebe zu klonieren, ist bis heute nicht endgültig aufgegeben. Vor kurzem wurde in der Zeitschrift "Plos One" berichtet, dass ein amerikanisch-australisches Team wenigstens ein einzelnes genetischen Steuerungselement, das man aus den konservierten Gewebeproben des Tasmanischen Tigers gewonnen und vermehrt hatte, in Mäusen "wiederbelebt" hat. Es steuerte bei den Nagerembryonen die Knorpelbildung (siehe F.A.Z. vom 21. Mai).

Genetische Engpässe

In dem sogenannten "Biodiva"-Projekt will man das erst 1992 entdeckte Vietnamesische Waldrind künstlich am Leben erhalten. Doch die Skepsis bleibt auch in diesem Fall. Nicht zuletzt, weil selbst im Erfolgsfall das verwendete Genmaterial gewisse Voraussetzungen erfüllen muss, und dazu gehört eine gewisse Variationsbreite im verbleibenden Genpool, damit das Arche-Experiment langfristig gelingen kann. Sichtbare Erfolge sind in den vergangenen Monaten und Jahren jedoch ausgeblieben.

In der Fachwelt spricht man deshalb beim "Dolly"-Klonen zwar von einer "verheißungsvollen" Biotechnik, aber auch von einer bis auf weiteres rein experimentellen Methode. "Die Unsicherheiten bleiben", schrieb im vergangenen Jahr der italienische Klonforscher Pasqualino Loi in "Trends in Biotechnology": Die Klontechnik zur Rettung bedrohter Tiere stehe fürs Erste "auf Standby".

Womöglich fehlt aber auch nur der starke ökonomische Faktor, damit das Verfahren forciert wird. Eine nordkalifornische Firma, "BioArts International", die die exklusive Lizenz für das Dolly-Verfahren erworben hat, wird auf einer öffentlichen Auktion am 18. Juni versuchen, die Klonierung von fünf Hunden zu versteigern. "Best Friends Again" heißt das Projekt. Mit an Bord ist der umstrittene koreanische Stammzellforscher Hwang Woo-suk, der nachweislich die ersten Hunde geklont hatte und nun für eine südkoreanische Stiftung namens Sooam Biotech Research Foundation tätig ist. Das Mindestgebot für jede Klonierung soll bei 100 000 Dollar liegen. Ob sich allerdings tatsächlich Hundenarren finden, die das Geld aufzubringen bereit sind, ist keineswegs sicher. Frühere Angebote anderer Firmen, die geliebte Hauskatze für 50 000 Dollar zu klonen, hatten jedenfalls keinen reißenden Absatz gefunden.

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